"Die Kirche missbraucht ihre Macht"

Nach Eklat im Baunataler Gertrudenstift: Schwere Vorwürfe gegen Kirche

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Erneut in der Diskussion: Das Gertrudenstift in Baunatal. Vergangene Woche hatten die beiden Geschäftsführer der Einrichtungen in Großenritte gekündigt und Hausverbot erteilt bekommen.

Baunatal. Das Baunataler Gertrudenstift sorgt erneut für Zündstoff. Nach dem Hausverbot für die beiden Geschäftsführer kritisiert nun der Ex-Beiratsvorsitzende die Kirche in harten Worten.

Gerhard Bernhardt (69), bis Februar dieses Jahres im Beirat des Gertrudenstift-Vereins, erhebt schwere Vorwürfe gegen Manfred Holst (57), Superintendent des Kirchenbezirks Hessen-Nord der SELK (Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche) und seit Mitte 2017 im Beirat des Gertrudenstifts. Bernhardt behauptet: „Die Kirche missbraucht ihre Macht.“ 

Die ehemaligen Geschäftsführer Martin Mittelbach und Christian Beyer hatten beide Anfang vergangener Woche gekündigt, wurden daraufhin freigestellt und bekamen Hausverbot erteilt. Die Streitpunkte:

Die Stellenbesetzung

Gerhard Bernhardt

Auslöser für die Differenzen zwischen Geschäftsführung und Teilen des Beirats sei im Herbst 2016 die Debatte um eine Stellenbesetzung gewesen – nämlich die des Leiters im geplanten Altenpflegeheim in Guxhagen. Diese hätten letztlich zum Vertrauensbruch geführt, sagt Bernhardt. Das bestätigen auch Manfred Holst und Armin Raatz (57), einer der Interimsgeschäftsführer im Gertrudenstift und Beiratsmitglied, im Gespräch mit unserer Zeitung.

Laut Bernhardt habe Mittelbach einen Bekannten für die Stelle vorgeschlagen. Dieser hätte auch seelsorgerische Tätigkeiten in der Einrichtung übernehmen sollen. Von dieser Idee soll Holst jedoch wenig begeistert gewesen sein. So habe Holst gegenüber Bernhardt gesagt, man stelle keine guten Bekannten ein.

Dieser Sichtweise widerspricht Holst. Ausschlaggebend sei lediglich gewesen, dass der Bekannte Mittelbachs kein SELK-Mitglied ist, was für seelsorgerische Tätigkeiten in den Einrichtungen jedoch Einstellungskriterium sei. Auch Raatz sagt: „Die persönliche Ebene zwischen dem Bewerber und Martin Mittelbach war nicht Auslöser für diese bedauerliche Geschichte.“

Die Entsendung

Manfred Holst

Ein Mitglied des vierköpfigen Gertrudenstift-Beirats wird aus dem Beirat des Kirchenbezirks entsandt. Bis Mitte vergangenen Jahres war dieses Mitglied Pfarrer Wilfried Keller. Weil sich Keller in der Synode des Kirchenbezirks – quasi einer Mitgliederversammlung – nicht mehr zur Wahl aufstellen ließ, schied er auch aus dem Beirat des Gertrudenstifts aus. Auf Nachfrage unserer Zeitung wollte sich Keller zu den Gründen, warum er nicht mehr kandidiert habe, nicht äußern.

Bernhardt ist der Meinung, dass Holst diese Entscheidung maßgeblich beeinflusst und im Anschluss mit aller Macht in den Beirat gedrängt habe. Laut Bernhardt wolle Holst direkten Einfluss auf das operative Geschäft in den Einrichtungen des Gertrudenstifts nehmen.

Holst hingegen sagt, dass nach dem freiwilligen Ausscheiden Kellers kaum eine andere Möglichkeit bestanden habe, als dass er in den Beirat des Gertrudenstifts entsandt wird. Die übrigen Mitglieder des Kirchenbezirksbeirats – Rosemarie Lösel, Friedrich Kugler und Konrad Rönnecke – seien bereits in anderen Ämtern und Beiräten eingesetzt gewesen. Deshalb sei demokratisch entschieden worden, dass er selbst unbefristet Mitglied des Beirats werde.

Der Führungsstil

Bis Holst in den Beirat kam, sei dieser zu hundert Prozent einverstanden gewesen mit dem Führungsstil der Geschäftsführung, sagt Bernhardt. Außer Bernhardt und Keller bestand der Beirat damals aus dem heutigen Vorsitzenden Lothar van Eikels und Armin Raatz. Danach habe sich der Beirat jedoch in zwei Lager gespalten.

Armin Raatz

Demnach habe Holst eine rigidere Handhabe von den Geschäftsführern verlangt. Van Eikels und Raatz hätten sich auf Holsts Seite geschlagen, sagt Bernhardt. Er selbst habe sich zu Mittelbach und Beyer bekannt. „Martin Mittelbach hatte kein Autoritätsproblem.“ Da für ihn die Verhärtung der Fronten nicht tragbar gewesen sei, habe er im Februar dieses Jahres den Beirat verlassen, sagt Bernhardt.

Nun teilt er die Befürchtung einiger Angestellter, dass die familiäre Atmosphäre im Gertrudenstift verloren geht und weiteres Fach- und Führungspersonal die Einrichtungen verlassen könnte. Mit Keller und Bernhardt im Beirat sowie Mittelbach und Beyer in der Geschäftsführung haben seit Mitte vergangenen Jahres bereits vier Personen in prominenten Positionen das Handtuch geworfen.

Diese Befürchtung wollen Holst und Raatz ausräumen. „Ich wünsche mir, dass sich das Gertrudenstift weiter so positiv entwickelt und sich Mitarbeiter und Bewohner, Kinder und Eltern gut aufgehoben wissen“, sagt Holst. „Es soll sich an diesem bisher so guten Klima nichts ändern.“ Raatz sagt: „Wir wollen, dass unsere Mitarbeiter gerne hier arbeiten.“

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Hintergrund: So ist das Gertrudenstift organisiert

Das Gertrudenstift ist als selbstständige kirchliche Einrichtung der SELK zugeordnet. Der Evangelisch-Lutherische Gertrudenstift e. V., Trägerverein der Einrichtungen in Großenritte und Guxhagen, mit rund 100 Mitgliedern wählt drei Mitglieder des insgesamt vierköpfigen Beirats. Ein weiteres Mitglied wird demokratisch vom Beirat des Kirchenbezirks Hessen-Nord der SELK gewählt. Die Entsendung kann befristet oder unbefristet sein. 

Der Beirat des Gertrudenstifts beruft zwei Vorstände, die auch als Gesellschafter der gGmbHs Pflege und Betreuung fungieren. Der Vorstand ist damit auch dafür verantwortlich, die Geschäftsführer zu benennen. Für die Einrichtungen in den Bereichen Betreuung (Kitas, Betreutes Wohnen) und Pflege (Junge Pflege und die geplante Altenpflege in Guxhagen) sowie für das Alten- und Pflegeheim, das direkt an den Verein gekoppelt ist, gibt es jeweils eine separate Leitung. 

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