Amtsgericht spricht 32-Jährigen frei, der eine Bekannte zum Sex gezwungen haben soll

Gewaltfrei vergewaltigt ?

Kassel. Die 13, die groß auf seinem himmelblauen Pullover prangte, brachte dem Angeklagten kein Unglück. Das Kasseler Amtsgericht sprach den 32-Jährigen am Mittwoch vom Vorwurf der Vergewaltigung einer Bekannten frei – und das, obwohl es ausdrücklich der Frau glaubte.

Der Mann aus dem Kasseler Umland wurde so nur wegen eines Wohnungseinbruchs in Söhrewald zu einer zehnmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt. „Was moralisch zweifelhaft ist, muss juristisch nicht unbedingt strafbar sein“, sagte Richter Leyhe in der Urteilsbegründung.

Vor fast genau einem Jahr hatten der Angeklagte und eine heute 29-Jährige – beide Alkoholiker – zusammen getrunken, in der Wohnung der Frau in Kaufungen. Nachdem ihre Freunde, die zunächst noch mitgesoffen hatten, gegangen waren, fingen die beiden an zu knutschen.

Und schließlich kam es zum Geschlechtsverkehr. Einvernehmlich, beteuerte der 32-Jährige. „Ich hab sie weder runtergedrückt noch festgehalten noch irgendwas.“ Die Frau, die in Abwesenheit von Angeklagtem und Öffentlichkeit vernommen wurde, erzählte das anders: Sie habe den Sex nicht gewollt. Und sei vor Angst wie gelähmt gewesen, weil sie in ihrer Jugend schon einmal vergewaltigt und dabei schwer verletzt wurde.

Zweifel an dieser Darstellung meldete das Gericht nicht an. „Das Ganze geschah gegen ihren Willen“, betonte Leyhe. Aber das habe der 32-Jährige nicht merken müssen. Denn: Die Frau habe ihre Weigerung nicht deutlich genug gemacht – nicht geschrien, sich nicht gewehrt, nur einmal Nein gesagt. Und den Angeklagten im Gegenteil durch die „höchst freiwilligen“ Küsse noch ermutigt.

Also folgerte das Gericht: Wo kein Widerstand, da ist auch keine Gewalt. Und damit auch keine Vergewaltigung. „Sie haben die Situation ausgenutzt“, sagte Leyhe dem Angeklagten. Aber das allein sei eben nicht strafbar.

Mit dem Urteil folgte das Gericht dem Antrag der Staatsanwaltschaft – auch was den zweiten Vorwurf anging: Im Januar war der 32-Jährige bei einem Bekannten eingebrochen und hatte einen großen Flachbildfernseher und ein Samuraischwert mitgenommen. Den Fernseher transportierte er per Taxi nach Hause, das Schwert schenkte er dem Fahrer. „Volltrunken“, sagte er dazu nur. Als Bewährungsauflage muss er nun unter anderem den Schaden an der aufgebrochenen Wohnungstür ersetzen: 130 Euro, zu zahlen in 13 monatlichen Raten. Das zumindest passte zu dem Aufdruck auf seinem Pullover.

Von Joachim Tornau

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