Horst Pollikowski pflegte als 21-Jähriger Soldatenfriedhof in Frankreich

Gräber lassen ihn nicht los

Legten Hand an: Horst Pollikowski und weitere Mitglieder der DJO Rothwesten brachten einen deutschen Soldatenfriedhof in Frankreich in Schuss. Foto: privat/nh

Fuldatal. Stille, Geborgenheit und die Gelegenheit des persönlichen Rückzugs – für Horst Pollikowski gibt es dafür nur einen geeigneten Ort: den Friedhof.

Seit frühester Kindheit üben die morbiden Plätze eine große Faszination auf den mittlerweile 77-Jährigen aus. „Ich könnte mich stundenlang auf Friedhöfen aufhalten. Sie sind Orte der absoluten Stille und laden ein zu einer Reise ins Ich“, sagt der Gärtnermeister. Im Laufe seines Lebens hat er viele Begräbnisstätten im In- und Ausland besucht.

Aufgewachsen in Pommern kam er bereits in frühen Jahren während der Kriegswirren immer wieder mit dem Tod in Berührung. „Es war keine gute Zeit“, erinnert er sich. Mit elf Jahren begab er sich gemeinsam mit seinen Eltern und vielen weiteren heimatlos gewordenen Menschen auf die Flucht. Ziel der langen Reise war das Haus eines Onkels in Sandershausen.

Flüchtlingstreck

„Ich habe erlebt, wie meine Eltern von einem auf den anderen Tag arm wurden. Das hat mich geprägt.“ Unter den Flüchtlingstreck hatten sich seinerzeit auch Soldaten gemischt. „Daher wurden unsere Wagenkolonnen auch immer beschossen.“

Nach Kriegsende begann Pollikowski eine Lehre als Gärtner. Im Rahmen dieser Ausbildung besuchte er zahlreiche Friedhöfe. „Damals wurde mir schlagartig bewusst, wie sehr mich diese Orte berührten“ , so Pollikowski. Anfang der 50er-Jahre machte er sich Gedanken, wer wohl die Gräber der im Ausland gefallenen deutschen Soldaten pflegt. „Diese Frage ließ mich nicht mehr los. Ich wollte unbedingt nachschauen, ob ich irgendwo meine Hilfe anbieten könnte.“ Einige seiner Freunde aus dem Rothwestener Verein Deutsche Jugend des Ostens (DJO) seien ebenfalls begeistert von der Idee gewesen und wollten Pollikowski unterstützen.

Gesagt, getan. Nach einer Nachfrage beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge entschied sich der damals 21-Jährige für die Gräber in dem etwa 70 Kilometer von Straßburg entfernten Dorf Col d’ Urbes.

In Frankreich angekommen, waren die acht jungen Menschen erstaunt, in welch schlechtem Zustand sich der Friedhof befand. Sofort legten die Freunde Hand an. Wege wurden von Unkraut befreit, gesplittet, Gräber gesäubert und Holzkreuze errichtet. Mehrere Wochen verbrachten die DJO-Mitglieder mit den aufwendigen Arbeiten. Am Schluss konnte sich das Ergebnis sehen lassen.

„Heute kann man sich das wohl nicht mehr richtig vorstellen. Wir haben damals als jungen Menschen unseren Urlaub damit verbracht, Soldatengräber zu pflegen und hatten auch noch Freude daran“, sagt Pollikowski.

Den kleinen französischen Friedhof wollte Pollikowski nun 60 Jahre nach der Instandsetzung wieder aufsuchen. Mit alten Fotos ausgestattet, trat er die Reise an. Am Ziel angekommen, wurde er enttäuscht. „Den Friedhof gibt es nicht mehr und auch sonst hat sich vieles dort verändert. Vergessen werde ich die Grabstätte aber nie.“

Von Martina Sommerlade

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