Bevölkerungsschwund: Kommunen im Speckgürtel trotzen dem Trend

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Für die nächsten Jahre gut aufgestellt: Die Stadt Vellmar profitiert vom Anschluss an das Straßenbahnnetz. Generell haben Kommunen mit Anbindung ans Schienennetz beim Kampf gegen den Bevölkerungsschwund einen Standortvorteil.

Kreis Kassel. Je ländlicher eine Region ist, umso einsamer wird sie mit den Jahren werden. Orte, in denen nach Bäcker und Fleischer auch der letzte Dorfladenbesitzer den Kampf ums wirtschaftliche Überleben aufgegeben hat und die vom Bus nur noch selten angefahren werden, sind für die meisten Menschen wenig attraktiv.

Dies vor dem Hintergrund des zu erwartenden drastischen Bevölkerungsrückgangs. Lebten Ende Juni dieses Jahres 236 126 Menschen im Landkreis, werden es nach den Berechnungen des Hessischen Statistischen Landesamtes 2030 nur noch 212 430 Personen sein. Das ist ein Schwund von 23 696 und entspricht in etwa der Einwohnerzahl von Vellmar und Espenau zusammen.

Drei Ringe

Stabil werde die Bevölkerung in den Gemeinden bleiben, die direkt an Kassel grenzen. Davon zumindest geht Landrat Uwe Schmidt (SPD) aus. Er hat über die Region um Kassel drei Ringe gezogen. In den ersten zählt er Kommunen wie Niestetal, Vellmar, Kaufungen, Lohfelden und Baunatal, auch Teile von Fuldatal, besonders Ihringshausen. Ihnen werde es auch in 20 Jahren noch gut gehen, wenn ringsum die Orte an Einwohnern verlören. Diese Gemeinden und Städte seien hervorragend an Kassel angebunden – es gebe Jobs, Schulen und soziale Einrichtungen.

„In 20 Jahren könnte es im Landkreis wieder Wüstungen geben.“ Landrat Uwe Schmidt

Uwe Schmidt

Dieser Befund zielt nicht nur auf junge Familien, die auf Arbeitsplätze und Kinderbetreuung angewiesen sind. Auch Senioren - dies besonders vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung - zieht es in Städte, wo es eine gute ärztliche Versorgung und kulturelle Angebote gibt. Vellmar mit seinem Ärztehaus am Rathausplatz und kurzen Wegen ist dafür ein Beispiel. Lag der Anteil der über 60-Jährigen im Jahr 2000 dort noch bei 23 Prozent, kletterte er bis 2011 auf 31 Prozent, Tendenz steigend.

Dann kommt der zweite Ring: Die Städte Hofgeismar und Immenhausen liegen unter anderem in ihm, genauso wie Helsa und Espenau. Die Menschen dort können entweder mit der Regiotram nach Kassel und zurück pendeln oder sind zumindest gut angebunden.

Verkehrsanbindungen über die Schiene scheinen bei vielen Menschen einen hohen Stellenwert zu besitzen, sagt Schmidt. „Busse können das nicht ausgleichen“, meint auch Harald Kühlborn, Sprecher des Landkreises Kassel.

Eine große Distanz zu Kassel und das Fehlen einer zuverlässigen, leistungsstarken Verkehrsanbindung sind den Dörfern gemeinsam, die in den dritten Ring fallen. Dort findet man keine Kommunen aus dem Altkreis, aber Orte wie Wahlsburg, Oberweser, Bad Emstal.

Der Landrat bringt diese Entwicklung überspitzt formuliert auf den Punkt: „In 20 Jahren könnte es im Landkreis wieder Wüstungen geben.“

Von Antje Thon und Stefan Wewetzer

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