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Frauenempfang des Keises: Häusliche Gewalt im Fokus

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Informierten über das Thema häusliche Gewalt: Oberstaatsanwältin Andrea Boesken (von links), Vizelandrätin Susanne Selbert, Diplom-Psychologin Dr. Petra Kriependorf und Annette Milas, Vorsitzende des Vereins Frauen helfen Frauen.

Kreis Kassel. „Jede vierte Frau in Deutschland wird mindestens einmal im Leben Opfer häuslicher Gewalt. Sie ist die Form von Gewalt, der Frauen am meisten ausgesetzt sind“, sagte Annette Milas, Vorsitzende des Vereins Frauen helfen Frauen in Baunatal, beim Frauenempfang des Landkreises Kassel.

Dies seien Tatsachen, über die zu wenig gesprochen werde. Die Opfer schweigen häufig aus Scham. Und die Gesellschaft glaube, es gehe sie nichts an.

Das sieht Vizelandrätin Susanne Selbert (SPD) anders. Der fünfte Frauenempfang des Landkreises Kassel war für sie Anlass über das Thema zu sprechen und dafür zu sensibilisieren. „Denn häusliche Gewalt geht uns alle an.“

Rund hundert Frauen aus Politik, Wirtschaft, Kirche und Vereinen in Stadt und Landkreis waren in das Hermann-Schafft-Haus gekommen – sie lauschten gespannt, was Oberstaatsanwältin Annette Milas, Andrea Boesken und Diplom-Psychologin Dr. Petra Kriependorf (Hochsauerland-Klinik in Fredeburg) aus ihrer Praxis berichteten.

Rund 7600 Fälle häuslicher Gewalt wurden 2012 in Hessen angezeigt. 85 Prozent der Täter sind Männer. 50 Prozent der Betroffenen wollen nicht, dass der Fall verfolgt wird. In etwa 85 Prozent der Fälle sind auch Kinder betroffen. Mit diesen Fakten machte Andrea Boesken das Ausmaß deutlich: „Es gibt noch viel zu tun.“ Das Problem sei, häusliche Gewalt zu beweisen und unter Strafe zu stellen. „Das ist eine Tatsache, die uns umtreibt.“ Das Gewaltschutzgesetz soll laut Boesken die Opfer stärken. Es legt fest, dass Verfahrenseinstellungen, Geld- oder Freiheitsstrafen auf Bewährung an Auflagen gebunden sind, zum Beispiel Tätertherapien. „Der Druck ist gut“, sagt Boesken.

„Viele Opfer haben bereits in der Kindheit Gewalt erlebt. Sie sind zugerichtet. Sie wehren sich nicht. Sie lassen es über sich ergehen“, sagt Dr. Petra Kriependorf. „Gewalt ist für sie normal.“ Deshalb sei es nicht verwunderlich, dass viele Opfer die Täter nicht anzeigten. Eine Rolle spiele auch, dass sie die Fassade aufrechterhalten oder die Familie zusammenhalten wollen, dass sie abhängig und isoliert sind, sich schämen und Angst haben. „Schwere Gewalt traumatisiert“, erklärt Kriependorf. Folgestörungen äußerten sich körperlich und seelisch, beispielsweise als Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Beschwerden des Bewegungsapparates oder Depressionen.

„Wir dürfen die Augen nicht verschließen“, waren sich die Zuhörerinnen einig. Sie diskutierten im Anschluss in kleinen Gesprächsrunden vehement, wie es noch besser gelingen kann, den Opfern in der Gesellschaft eine Stimme zu geben und ihnen adäquate Hilfe anzubieten. Kulinarisch verwöhnte sie das Küchenteam der Jugendburg und Sportbildungsstätte Sensenstein. Musikalisch umrahmt wurde der Frauenempfang von Sabine Vogt und Anja Koop von der Musikschule Söhre-Kaufunger Wald.

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