300 Firmen in nächsten zehn Jahren betroffen

Den Handwerksbetrieben in Stadt und Kreis Kassel fehlen Nachfolger

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Margot und Gerhard Ehrmann (von links) mit Enkel Andreas sowie Kurt und Irmhild Ehrmann beim Jubiläum „100 Jahre Bäckerei Ehrmann“ im Jahr 1993.

Kreis Kassel. In den kommenden zehn Jahren wird jeder fünfte Handwerksbetrieb im Landkreis Kassel einen Nachfolger suchen. Davon geht die Handwerkskammer in Kassel aus.

„Das sind im Kammerbezirk etwa 2300 Betriebe“, sagt Pressesprecher Dr. Matthias Joseph. Bisher seien rund 50 bis 60 Prozent der Handwerksbetriebe familienintern übergeben worden oder ein Mitarbeiter habe die Nachfolge angetreten. Die restlichen sind laut Dittmar Manns, Betriebsberater bei der Handwerkskammer, von Dritten übernommen worden oder mussten schließen. „Der Traum ist natürlich, dass der Sohn in die Fußstapfen des Vaters tritt, aber das funktioniert nicht immer“, sagt Manns. „Diese Zahlen der potentiellen Betriebsübernahmen waren in den letzten Jahren recht konstant, werden aber in den kommenden Jahren ansteigen“, berichtet Joseph. Grund dafür sei unter anderem die demografische Entwicklung. Diese Tatsache könne zu Problemen führen, da immer weniger Fachkräfte – und somit potentielle Übernehmer – am Markt verfügbar seien. 

Die Gründe für den Mangel an Unternehmensnachfolgern sind laut Joseph vielfältig: Der früher typische Familienbetrieb, der an die nachfolgende Generation weitergegeben wird, verliere an Bedeutung. Außerdem sei die Übergabefähigkeit des Betriebes nicht in allen Fällen gegeben, beispielsweise wegen alter technischer Ausstattung, Lage und Standort des Betriebes sowie überhöhten finanziellen Vorstellungen. Den Interessierten fehle teilweise auch die entsprechende Qualifikation. „Möglicherweise ist auch die Risikoaffinität der potentiellen Nachfrager zurückgegangen“, vermutet Joseph. Manns rät dazu, sich frühzeitig um die Unternehmensnachfolge zu kümmern: Mindestens fünf Jahre im Voraus solle man sich als Inhaber mit dem Thema beschäftigen.

In der Filiale in der Mauerstraße: Kurt Ehrmann möchte nächstes Jahr seinen Betrieb aufgeben und ist auf der Suche nach einem Nachfolger. Rechts seine Mitarbeiterin Vanessa Wagner, die im Verkauf arbeitet.

Auch Bäcker- und Konditormeister Kurt Ehrmann aus Vellmar kennt das Problem der Unternehmensnachfolge im Handwerk. Nach 125 Jahren den Bäckereibetrieb aufgeben – das ist für ihn nicht leicht. Nächstes Jahr will er in Rente gehen und seine Bäckerei verkaufen. Das Problem: Es gibt bisher keinen Nachfolger, der das Handwerk in Vellmar an der Mauerstraße und am Rathausplatz fortführen möchte. „Seit 35 Jahren bin ich der Inhaber“ sagt Ehrmann. Der 68-Jährige hat den Betrieb von seinen Eltern 1982 übernommen und führt ihn in vierter Generation. „Ich habe mit zwei Mitarbeitern angefangen. Damals war alles noch rustikal mit Holzkohle“, erzählt der Bäcker- und Konditormeister. Inzwischen arbeiten zehn Menschen für Ehrmann. Der Betrieb hat zwei Filialen: Eine an der Mauerstraße in Vellmar und eine am Rathausplatz, die 1985 hinzukam.

Ehrmann bezieht sein Mehl von Lieferanten aus der Region. Gebacken wird in der Filiale an der Mauerstraße. Bis Mitte der 1950er-Jahre hatte die Familie Ehrmann noch Landwirtschaft und verkaufte auch Lebensmittel. „Die Bäckerei ist übrig geblieben“, sagt Kurt Ehrmann. Er kümmert sich um die Planung im Hintergrund, seine Frau ist im Büro und springt immer mal ein. Die Bäckerei Ehrmann spendet nicht verkaufte Waren an die Kasseler Tafel. Zweimal in der Woche holen Ehrenamtliche die Produkte ab. „Zur Einweihung der Straßenbahn in Vellmar haben wir eine Straßenbahn gebacken“, erinnert sich Ehrmann. Außerdem beliefern sie verschiedene Veranstaltungen.

Wenn er nächstes Jahr seinen Betrieb abgibt, möchte er die Räume an der Mauerstraße und auf dem Rathausplatz verpachten oder verkaufen. Ehrmanns Sohn macht gerade seinen Doktor an der Universität und hat außerdem eine Roggenmehlallergie, kann den Betrieb also nicht weiterführen. „Im Fachwerkgebäude an der Mauerstraße muss man sicherlich noch ein bisschen was renovieren“, sagt Ehrmann. Die Maschinen allerdings seien alle noch in einem guten Zustand und könnten übernommen werden. Er selbst weiß am besten, wie risikoreich die Selbstständigkeit ist: „Ich habe damals mit 10 000 Euro angefangen und am Anfang unfassbar viel gearbeitet.“

Die Banken genehmigten heute nicht so schnell einen Kredit wie früher. Außerdem sollte man sich nicht nur im Handwerksberuf, sondern auch mit Betriebswirtschaftslehre und Verwaltung auskennen, meint Ehrmann. Er selbst habe Schulungen gemacht, um auf diesem Gebiet fit zu werden. „Das Berufsbild hat sich sehr verändert“, fügt Ehrmann hinzu. Das Bäcker- und Konditoreihandwerk benötige zunehmend Multitalente, die verschiedene Fähigkeiten mit in den Betrieb bringen.

Zum 100-jährigen Bestehen der Bäckerei hatte er 100 Gäste eingeladen und auch nächstes Jahr, zum 125-jährigen Bestehen, soll es eine Feier geben. Ehrmann hofft, bis dahin einen Nachfolger für seinen Betrieb gefunden zu haben.

Bäckerei Ehrmann, Tel. 05 61/82 40 83 oder 82 08 448, Mail: meistehr@aol.com

• Öffnungszeiten Mauerstraße (bis 30. September): montags 6 bis 9 Uhr, dienstags bis freitags 6 bis 10 Uhr, samstags 6 bis 10.30 Uhr, sonntags 7.30 bis 10.30 Uhr

• Öffnungszeiten Rathausplatz:montags bis freitags 7.30 bis 18 Uhr, samstags 7 bis 13 Uhr, sonntags bis 20. August geschlossen, danach 14 bis 17 Uhr. 

Hintergrund: Beratung für Betriebe

Um dem Problem der fehlenden Unternehmensnachfolger entgegenzuwirken, hat die Handwerkskammer ein Beratungsangebot entwickelt und die zusätzliche Stelle eines Betriebsberaters eingerichtet. Das berichtet Pressesprecher Dr. Matthias Joseph. Ferner gibt es auf der Website einen „Nachfolge-Generator“, wo Betriebe Infos erhalten können und Ansprechpartner genannt bekommen sowie eine Betriebsbörse, wo Anbieter und Nachfrager zusammengeführt werden. 

Kontakt: Dittmar Manns, Tel. 0561/7888129, dittmar.manns@hwk-kassel.de, Nachfolgegenerator: www.hwk-kassel.de, Betriebsbörse: www.nexxt-change.org

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