Webstube in Eschenstruth gab Einblicke in jahrhundertealtes Handwerk

Weben per Hand: Ein Tag für ein Geschirrtuch

+
Altes Handwerk: Ernst Himmelmann demonstriert in der Webstube in Helsa-Eschenstruth, wie man am Handwebstuhl – Baujahr um 1800 – ein Geschirrtuch aus Leinen herstellen kann.

Helsa. Eschenstruth und die Handweberei, das ist eine lange gemeinsame Geschichte. Einen Hauch davon konnte man am Tag des Webens spüren, den die Handwebstube Eschenstruth im Dorfgemeinschaftshaus zum 21. Mal veranstaltete.

Ernst Himmelmann, Initiator der Handwebstube, sitzt an einem alten Handwebstuhl, erbaut um 1800. „Als wir diesen erwarben, haben wir dafür mit Leinen, ein teures Garn, bezahlt. Das war 1994“, erinnert er sich.

Himmelmann zieht auf den vorgespannten Kettfäden mit einem Weberschiffchen nacheinander die Schussfäden von einer Webkante zur anderen. Daraus wird ein Geschirrtuch. „Ich brauche etwa einen Tag dafür“, sagt er. Allerdings dauere die Vorbereitungszeit, um die Kettfäden aufzuspannen, länger: etwa drei Arbeitstage.

Himmelmann weiß viel über die Geschichte des Webens in Eschenstruth: „1653 findet man in den Kirchenbüchern die ersten Eintragungen über den Beruf des Handwebers. Von da an wurde in immer mehr Häusern mit dem Handwebstuhl ein Zubrot verdient.“ Die Tradition als Handweberdorf reiche bis in das 20. Jahrhundert hinein. Beliefert worden seien Kasseler Tuchhändler.

Bilderstrecke: Fotos aus der Weberei

Einblick in die Handwebstube in Eschenstruth

„Doch auch die Industrialisierung hat vor uns nicht Halt gemacht. Der letzte Handwebstuhl wurde 1925 stillgelegt“, sagt Himmelmann. 1903 wurde die erste mechanische Weberei in Eschenstruth gebaut. Ihre 14 Webstühle waren der Beginn der industriellen mechanischen Weberei. Dadurch entstanden viele neue Arbeitsplätze im Dorf. In Spitzenzeiten wurde dort an bis zu 260 Webstühlen gearbeitet.

Mit dem Krieg wurde diese Entwicklung unterbrochen, erst danach begann die Firma Gottschalk mit dem Wiederaufbau der Weberei im Dorf. Himmelmann erinnert sich: „Während dieser Zeit habe ich als Elektriker dort gearbeitet. Nachdem die Aufbauzeit abgeschlossen war, hatte ich die Wahl zwischen Arbeitslosigkeit oder Weben lernen, um meine Arbeitsstelle zu behalten.“

Flauschig und warm: Karin Lemmermann webt mit Schafwolle.

So ist der 81-Jährige zum Weben gekommen. Heute verbringt er jede freie Minute am Webstuhl. Er war es auch, der anlässlich der 850-Jahr-Feier 1976 das bis dahin längst vergessene Handwerk in Eschenstruth wieder zum Leben erweckte.

1991 hat er als Hobby auch selbst wieder mit dem Weben begonnen: „Ich habe darüber gelesen und viel geübt, bis ich anderen etwas beibringen konnte.“ Die Handwebstube, die sich jede Woche dienstags zwischen 18 und 20 Uhr im Dorfgemeinschaftshaus trifft, verfügt dort zurzeit über neun Webstühle, darunter zwei historische. Einen davon hat Himmelmann selbst restauriert. „Das Stück, das wohl um 1850 gebaut wurde, war ziemlich marode“, erzählt er. (pke)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.