Arbeiten zur Innenverkleidung sind inzwischen abgeschlossen

A44-Tunnel Hirschhagen: Freie Fahrt erst im Jahr 2020

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4,2 Kilometer lang: Inzwischen ist die Nordröhre soweit fertig, dass ab Ende August die Straße eingebaut werden kann.  

Helsa. Die Innenverkleidung des A44-Tunnels Hirschhagen ist nun fertig, die Straßenbauarbeiten beginnen Ende August. Bis zur Fertigstellung dauert es aber noch über drei Jahre.

Wenn der Tunnel am 31. Dezember 2020 eröffnet wird, ist er mit 4,2 Kilometern Länge der zweitlängste Autobahntunnel in ganz Deutschland.

Es ist, als stünde man in einem Gotteshaus. 50 Meter lang das Schiff, 20 Meter breit, sieben Meter hoch das Deckengewölbe, in der Mitte ein Loch, das den Blick rauf in Richtung Himmel lenkt. „Das ist der Turm“, sagt Reinhold Rehbein, Dezernatsleiter bei Hessen Mobil, „er ist 80 Meter hoch. Wir haben hier eine komplette Kirche eingebaut“.

Natürlich fehlt von Sitzbänken jede Spur, auch einen Altar gibt es nicht, stattdessen überall Beton, blau-blasses Neonlicht und der muffige Geruch von Dieselabgasen. „Wir stehen hier genau in der Mitte des A44-Tunnels Hirschhagen in einem Quergang. Er verbindet die Nord- mit der Südröhre und dient später als Rettungs- und Fluchtweg“, sagt Rehbein. Dann schaut er nach oben. „Und im Turm hängen natürlich keine Glocken. Das Loch ist bloß ein sieben Meter breiter Entlüftungsschacht“.

Tunnelquerschnitt

Die Dimensionen beeindrucken, und Rehbein ist zufrieden mit dem, was er da sieht – gut zwei Kilometer tief im Berg. Seit Juni 2013 wird an dem Tunnel zwischen Hessisch Lichtenau und Helsa gebaut. Wenn er am 31. Dezember 2020 mit einem Jahr Verspätung eröffnet wird, ist er mit 4,2 Kilometern Länge der zweitlängste Autobahntunnel in ganz Deutschland. Rehbein weiß, von was er spricht, er hat ihn mitgeplant, über zwei Jahrzehnte lang.

„Inzwischen ist die komplette Beton-Innenverschalung fertig“, sagt sein Kollege Stefan Buchholz. Nur in der Südröhre, die später den Autobahnverkehr in Richtung Hessisch Lichtenau aufnehmen wird, wird noch eine Nothaltebucht mit einem sechs Meter hohen Schalenwagen fertigbetoniert. Sonst erinnert nichts mehr daran, wie der Tunnel noch vor anderthalb Jahren aussah – wie ein riesiger nass-dunkler Felsschlund.

In der Nordröhre für die Fahrtrichtung Kassel sind sogar schon zu 80 Prozent alle Ver- und Entsorgungsleitungen gelegt oder zumindest durch Leerrohre vorbereitet. Der Tunnelboden ist mit Beton und Schotter aufgefüllt, „wir müssen jetzt nur noch die Straße einbauen“, sagt Rehbein. Ab Ende August sei es soweit, die Südröhre werde dann ein halbes Jahr später in Angriff genommen. Erst ganz zum Schluss werde dann die ganze Tunneltechnik eingebaut – von der Beleuchtung über die Belüftung bis hin zur Sicherheitstechnik.

Schon jetzt ist Rehbein begeistert von den ganzen Brandschutzvorrichtungen im neuen Hirschhagen-Tunnel. „Falls hier mal ein Tanklaster mit Benzin kippen und auslaufen sollte, wird der ganze Sprit in Schlitzrinnen ablaufen und schnell über Schottwände isoliert“, sagt Rehbein. So werde erreicht, dass die brandgefährliche Ladung zu 90 Prozent abfließe, bevor sie in Flammen aufginge. Ohnehin würden noch verschiedene Brandszenarien unter Beisein von Feuerwehr und Rettungsdienst sowie die ganze Tunneltechnik monatelang durchgetestet, bevor das erste Auto hindurch fahren darf. Doch bis es so weit ist, werden noch gut zwei Jahre vergehen, sagt Rehbein.

Baufortschritt im A44-Tunnel Hirschhagen bei Hessisch Lichtenau

Hintergrund: Bauwerk der Superlative

Der A44-Abschnitt zwischen den Anschlussstellen Helsa (im Bau) und Hessisch Lichtenau (bereits fertig) ist 5,9 Kilometer lang. 4,2 Kilometer misst allein der Tunnel Hirschhagen, er ist der zweitlängste in Deutschland. Die restlichen 1,7 Kilometer verlaufen als freie Strecke am Hang des Stiftswaldes entlang. Die tiefste Stelle des Tunnels liegt 85 Meter unter der Erdoberfläche, die oberflächennaheste im Bereich der Losse-Unterquerung bei nur zehn Metern. 60 Prozent der Tunnelstrecke wurden aus dem Berg (Buntsandstein) gesprengt, der Rest wurde gebaggert. 

Blick hinauf in den 80 Meter hohen „Kirchturm“: Der Schacht wird später der Entlüftung des Hirschhagen-Tunnels dienen. Er befindet sich genau in der Mitte des Tunnels rund 2,1 Kilometer tief im Berg.  

Der Tunnel wurde 22 Jahre lang geplant. Baubeginn war am 9. Juni 2013. Ende 2020 soll der Abschnitt für den Verkehr freigegeben werden. Es wurden 960.000 Kubikmeter Abraum bewegt, was etwa 48.000 Lkw-Ladungen zu je 30 Tonnen entspricht. Zur Stabilisierung der Tunnelröhre wurden etwa 164.000 Kubikmeter Beton, 447 000 Anker und 8000 Tonnen Baustahl verbaut (Außenschale). Für den Innenausbau (Innenschale) wurden noch einmal 192.000 Tonnen Beton und 14.500 Tonnen Stahl eingesetzt. 

Mit Blick auf die Sicherheit verfügt der Tunnel über 14 Nothaltebuchten (sieben je Fahrtrichtung). Die beiden Röhren werden durch sieben befahrbare und acht begehbare Querstollen miteinander verbunden. Sie dienen in Gefahrensituationen den Verkehrsteilnehmern als Fluchtwege in die jeweils andere Röhre; auch Rettungskräfte können ebenfalls so schnell zum Einsatzort gelangen. Laut Verkehrsprognose von Hessen Mobil werden im Jahr 2020 rund 37.800 Kraftfahrzeuge pro Tag den Tunnel nutzen. Die Baukosten für den Tunnel liegen bei rund 324 Millionen Euro.

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