Verteidigung fordert Freispruch

Nach Brand in Helsaer Flüchtlingsunterkunft: Syrer soll ins Gefängnis

Kassel/Helsa. Die Anklage sieht einen 28-jährigen Flüchtling der Brandstiftung und des versuchten Totschlags schuldig – die Verteidigung fordert den Freispruch.

Wegen versuchten Totschlags in zwei Fällen und schwerer Brandstiftung soll ein 28-jähriger Flüchtling aus Syrien nach Auffassung der Staatsanwaltschaft für neun Jahre ins Gefängnis. Die Verteidigung verwies auf widersprüchliche Zeugenaussagen und forderte Freispruch.

Dagegen hatte Staatsanwältin Petzsche keinen Zweifel, was sich am Abend des 14. März diesen Jahres im Flüchtlingsheim von Eschenstruth zugetragen hat: Nach vermutlich kleineren Sticheleien zwischen dem Angeklagten und vier Flüchtlingen aus Somalia war der Syrer mit einem Küchenmesser mit bis zu 25 Zentimeter langer Klinge in das Zimmer der Somalier gegangen und hatte zwei Männer mit Stichen in den Bauch lebensbedrohlich verletzt. Beide erlitten bis zu 15 Zentimeter tiefe Stichwunden und konnten nur durch Notoperationen gerettet werden. Anschließend hat der Angeklagte nach Überzeugung der Anklage in seinem Zimmer die Bettdecke entzündet und vor den Flammen sogar ein Selfie mit seinem Handy gemacht. An dem alten Fachwerkhaus entstand ein Sachschaden von 150.000 Euro, es ist seither unbewohnbar.

Brand in Flüchtlingsunterkunft in Helsa

Ein Nachbar aus Eschenstruth hatte die Flammen bemerkt, war in das Haus gelaufen, um die Bewohner zu warnen. Im ersten Stock fand er den am Boden liegenden Angeklagten, den er an den Knöcheln aus dem dichten Rauch des Flures zerrte. Gegen die Rettungsversuche der hinzukommenden Polizisten wehrte sich der Angeklagte heftig, vor dem Haus soll er „Gott ist groß“ auf Arabisch gerufen haben – der Kampfruf islamistischer Attentäter.

Das Motiv freilich blieb auch zum Verhandlungsende verschwommen, einen politischen Hintergrund vermochte auch Anklägerin Petzsche nicht klar zu erkennen. Der Ausruf habe im arabischen Raum viele unterschiedliche Bedeutungen, hatte der Dolmetscher erläutert. Verteidiger Islam Nuredini warf der Anklägerin vor, die sehr widersprüchlichen Aussagen der Zeugen einseitig zu Lasten seines Mandanten bewertet zu haben. Tatsächlich habe der sich in einer Notwehr-Situation befunden, nachdem er immer wieder von den Somaliern gemobbt worden sei. Auch dass er das Feuer gelegt habe, sei ihm nicht zweifelsfrei nachzuweisen. Deshalb sei er freizusprechen und für die erlittene Untersuchungshaft zu entschädigen.

Der Sachverständige Dr. Georg Stolpmann, forensischer Psychiater aus Göttingen, hatte dem Syrer keine verminderte Schuld- und Steuerungsfähigkeit attestiert. Allerdings sei er durch die Erlebnisse im Bürgerkrieg, durch Folterdrohungen in syrischen Gefängnissen und die ständige Furcht um seine zurückgebliebene Familie schwer traumatisiert. Im Flüchtlingsheim mit seinem großen Konfliktpotenzial habe er als freundlich, nett, aber auch sozial isoliert gegolten. Suizidgedanken hatte Stolpmann nicht festgestellt.

Richter Volker Mütze will das Urteil der 6. Strafkammer am Donnerstag ab 10 Uhr in Saal E 119 verkünden.

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Rubriklistenbild: © picture alliance / David Ebener/

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