Eine nahezu vergessene Schrift: Helsaer hat 3000 in Sütterlin verfasste Seiten übersetzt

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Hans Schröder

Helsa. Der 90-jährige Hans Schröder aus Helsa (Kreis Kassel) übersetzt historische Texte, die in der Sütterlinschrift verfasst sind – vor allem Kataster.

Wenn Hans Schröder in den Keller geht, dann verbringt er dort einige Stunden, manchmal auch nachts. Die Notizzettel auf dem alten Tisch sind sorgfältig geordnet, über einen Haken an der Decke läuft das Verlängerungskabel für die Schreibtischlampe, viele Ordner, eine Kuckucksuhr, eine Stereoanlage, aus der Beethovens 6. Sinfonie tönt.

Das ist die Arbeitsumgebung des ehemaligen Zahntechnikers. Auf 3000 Seiten, die 16 Ordner füllen, hat er das Helsaer Kataster, das sogenannte Lagerstück- und Steuerbuch, aus den Jahren 1777, 1737 und 1721 übersetzt. Die Ordner lagern im Archiv des Geschichtsvereins Helsa im Dachgeschoss des Rathauses. Den Verein hat Schröder 1990 mit gegründet. Seitdem hat er an der Übersetzung des Katasters gearbeitet.

Keine reine Häusergeschichte

Darin sind die Häuser und Grundstücke verzeichnet, deren Eigentümer, Wert und Steuern, die entrichtet werden mussten. Auf Basis dieser Daten, die im Original auf Mikrofilmen im Marburger Staatsarchiv lagern, hat Schröder weiter geforscht. „Ich habe aus den Helsaer Kirchenbüchern aus dieser Zeit die Geburts-, Hochzeits- und Sterbedaten der Hauseigentümer hinzugefügt“, erzählt er. So ist nicht nur eine Häuser-, sondern ein Familiengeschichte entstanden. Die hat er jetzt dem Geschichtsverein übergeben. „Dort sind sie besser aufgehoben als in meinem Keller.“ „Unser Bestand ermöglicht das Zurückverfolgen von Familiengeschichten bis zum 30-jährigen Krieg“, sagt Gerd Vogelsang, Vorsitzender des Geschichtsvereins. Immer wieder bekommt der Verein Anfragen, auch aus dem Ausland. „In den meisten Fällen können wir weiterhelfen“, sagt er.

Im Keller seines Hauses in Helsa übersetzt Hans Schröder historische Dokumente, die in der Sütterlinschrift verfasst sind.

Und das sei wesentlich Schröders Verdienst. Für den Verein, in dem er noch immer Mitglied ist, übersetzt er Dokumente, die in Sütterlin geschrieben sind. Es ist die Schriftform, die der 90-Jährige bei seiner Einschulung 1933 gelernt hat. Bis 1940 wurde sie in den Schulen gelehrt. Alle Aufzeichnungen Schröders sind handschriftlich, bestimmte Textstellen wie auswärtige Orte und Berufe sind farbig unterschiedlich markiert. „Wenn ich etwas mache, dann mit Leidenschaft sagt“, sagt er. Für das Aufarbeiten von Geschichte hat er sich schon immer interessiert. So hat er auch die Geschichte des 1901 gegründeten Helsaer Männer-Quartett-Vereins dokumentiert, in dem er Bass- und Tenor-Stimme singt. Sein Vater war bereits Schriftführer im Verein. „So hatte ich Zugriff auf fast alle Dokumente“, sagt er.

Seit er nicht mehr so gut zu Fuß ist, arbeitet er von zu Hause aus. Das Archiv im Rathaus-Dachgeschoss ist nur über Treppen zu erreichen . Die Dokumente bringen ihm seine Vereinskollegen. „Es ist beeindruckend, mit wie viel Herzblut und Idealismus er die Arbeit angeht“, sagt Vogelsang.

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