Anwohner versuchte vergeblich, Feuerwehr zu erreichen

Feuer in Helsa: 112 gewählt, aber keiner ging ran

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Großeinsatz in Eschenstruth am Dienstagabend: Ab genau 19.15 Uhr hatten gleich mehrere Anrufer der Feuerwehrleitstelle in Kassel den Brand in dem Flüchtlingsheim gemeldet. Aus diesem Grund war Heinz Jordan nicht durchgekommen.

Helsa / Kassel. Drei Tage nach dem Feuer in der Flüchtlingsunterkunft in Helsa-Eschenstruth gibt es erneut Details zum Geschehen.

So sei die Feuerwehrleitstelle in Kassel für einen Notruf überhaupt nicht zu erreichen gewesen.

Das sagt Heinz Jordan, der am Dienstagabend die Bewohner aus dem brennenden und völlig verqualmten Haus gerettet hatte. „Zwei Mal habe ich über den 112-Notruf per Handy die Feuerwehr zu erreichen versucht“, sagt Jordan. „Einmal um 19.15 Uhr, und noch einmal um 19.16 Uhr. Aber beide Male ist keiner rangegangen. Und ich habe jeweils mindestens sieben Mal das Freizeichen abgewartet.“

In seiner Verzweiflung habe er es dann gegen 19.17 Uhr bei der Polizei versucht. „Sofort war jemand am Telefon und ich konnte alle wichtigen Infos zum Brand weitergeben. Weil mir alles zu lange gedauert hat, bin ich dann selbst ins Haus, um die Leute rauszuholen“, sagt Jordan. Für ihn sei es ein Unding, dass bei der Feuerwehr niemand ans Telefon gegangen sei.

Hat die Feuerwehr womöglich geschlafen? „Keinesfalls“, sagt Ralf Krawinkel, Sprecher der Feuerwehr Kassel. „All unsere Abfrageplätze in der Leitstelle waren zu diesem Zeitpunkt voll ausgelastet“, sagt Krawinkel. „Deshalb hat Herr Jordan uns nicht sofort erreicht.“ Die Leitstelle sei mit vier Kräften – also normal – besetzt gewesen, plus zwei weiterer Kollegen im Hintergrund. 

Heinz Jordan

Über die Messerstecherei in dem Flüchtlingsheim (HNA berichtete) sei die Leitstelle bereits um 19.10 Uhr informiert gewesen. „Sofort war der Rettungsdienst mit Notarzt draußen“, sagt Krawinkel. Ab 19.15 Uhr seien dann zum Brand im Flüchtlingsheim gleich mehrere Anrufe eingegangen. „Um 19.16 Uhr war bereits der Rettungsdiensteinsatz auf einen Brandeinsatz erweitert worden. Herr Jordan hat uns also deshalb nicht erreicht, weil andere vor ihm schon schneller waren.“

Von einem Zeitverlust könne daher nicht die Rede sein. Schon gar nicht ließe sich damit der Sirenen-Vollalarm für die Kaufunger Feuerwehr erklären. „Den Sirenen-Vollalarm hat es gegeben, weil eine ganz bestimmte Brand-Lage vorgelegen hat, die auch den Einsatz von besonderen Kräften aus Kaufungen erforderlich machte“, erklärt Krawinkel.

Ralf Krawinkel

Grundsätzlich empfiehlt Krawinkel bei einem 112-Notruf unbedingt Geduld zu wahren und nicht schon nach wenigen Augenblicken wieder aufzulegen. „Nach etwa 20 Sekunden Freizeichen startet ein Ansagetext. Der Anrufer wird aufgefordert zu warten, bis sein Anruf angenommen werden kann“. Es könne gut sein, dass Herr Jordan in der Stresssituation einfach nicht die nötige Geduld aufgebracht hat.

Für Heinz Jordan ist das nur ein schwacher Trost. „Wir weit draußen in Helsa müssen uns auf die 112-Nummer absolut verlassen können“, sagt er. Da zähle jede Minute. „Wäre ich in der Brandnacht nicht selbst ins Haus gegangen, wäre der Syrer, der mutmaßlich das Feuer gelegt hat, dort nicht mehr lebend rausgekommen. Als ich in der verqualmten oberen Etage angekommen war, hatte der Syrer schon völlig benommen auf dem Boden gelegen.“

Schaden deutlich über 30.000 Euro

Der 28 Jahre alte Syrer soll nach den bisherigen Ermittlungsergebnissen der Polizei das Feuer in einem Zimmer im Obergeschoss der Flüchtlingsunterkunft in Eschenstruth gelegt haben. Das sagte Polizeisprecher Torsten Werner am Freitag auf HNA-Anfrage. Was genau der Flüchtling angezündet hat und warum er Feuer legte, sei noch ungeklärt, so der Sprecher. Die starke Brandzehrung in dem Raum erschwere die Ermittlungen am Tatort. Am Donnerstag hatten Brandermittler des Landeskriminalamtes Hessen das stark beschädigte Fachwerkhaus untersucht.

Kommende Woche wollen sich Kreis-Mitarbeiter einen Überblick über die durch das Feuer und den Löscheinsatz entstandenen Schaden machen. Dieser liege deutlich über den zunächst angegebenen 30 000 Euro, erklärte Verwaltungssprecher Harald Kühlborn. Wie berichtet, will der Landkreis das für gut 30 Bewohner ausgelegte Heim wieder herrichten lassen.

Der Syrer, der wegen des Verdachts des versuchten Totschlags und schwerer Brandstiftung in Untersuchungshaft sitzt, habe seinen Asylantrag bereits gestellt, erklärte Kühlborn. Eine Entscheidung liege noch nicht vor.

Sirenen-Vollalarm war notwendig

"Den Sirenen-Vollalarm für Kaufungen hat es gegeben, weil in Eschenstruth eine ganz bestimmte Brand-Lage vorgelegen hat“, sagt Kreisbrandinspektor Sebastian Mazassek. So sei nicht nur eine Drehleiter erforderlich gewesen, die der Helsaer Feuerwehr nicht zur Verfügung steht (aber der Kaufunger), sondern auch Atemschutzgeräteträger in ausreichender Anzahl. „Wir wussten ja nicht, ob sich in dem verrauchten Haus noch Leute befanden“, sagt Mazassek. Die Kaufunger Drehleiter werde grundsätzlich über den sogenannten stillen Alarm (Pieper) angefordert. „Bei den Kaufunger Atemschutzgeräteträgern müssen wir aber sicherstellen, dass wir alle Kräfte erreichen, zumal nicht jeder mit einem Pieper ausgestattet ist“. So sehe der Alarmplan der Kaufunger Feuerwehr in diesem Fall den Sirenen-Vollalarm vor.

Archivbilder: Fotos aus der Brandnacht

Brand in Flüchtlingsunterkunft in Helsa

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