"Am Anfang steht die Motivation"

IHK-Wissenschaftspreis: Was der Nachwuchs mitbringen muss, um durchzustarten

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In der Logistikabteilung: Geschäftsführerin Julia Esterer steht mit ihren Auszubildenden in engem Kontakt – so auch mit Lena Pondruff (19), die aus Helsa-Wickenrode kommt und eine Ausbildung zur Logistikerin absolviert.

Helsa/Kassel. Julia Esterer, Geschäftsführerin der Firma Esterer in Helsa, sitzt neu in der Jury für den IHK-Wissenschaftspreis. Der Preis zeichnet herausragende wissenschaftliche Arbeiten der Uni Kassel aus. Wir sprachen mit ihr über den Nachwuchs in der Branche und was er mitbringen muss.

Frau Esterer, bevor Sie in die Geschäftsführung von Esterer einstiegen, waren Sie viel in der Welt unterwegs. Was müssen junge Menschen heute mitbringen, um beruflich durchzustarten?

Julia Esterer: Zielstrebigkeit, Durchsetzungsvermögen, Geduld, Ehrgeiz, Offenheit gegenüber Neuem – auch bezüglich anderer Kulturen. Und: Junge Menschen brauchen heute kreatives Potenzial. Die Anforderungen im Beruf ändern sich einfach viel schneller als es früher einmal war.

Haben Sie ein Beispiel?

Esterer: Meine Leute in der Fertigung haben Schlosser gelernt – eine Ausbildung, die sich über Jahrzehnte nicht verändert hat. Sie haben handwerkliche Fähigkeiten wie Drehen, Feilen und Kanten gelernt, das war deren Berufung und Leidenschaft. Wir haben dann umgestellt auf eine industrielle Fertigung. Und plötzlich mussten sie in Prozessen denken: Wie kann ich Verschwendung vermeiden, wie kann ich prozessual das Produkt verbessern?

Wie haben Sie die Schlosser darauf vorbereitet?

Esterer: Weil sie das nicht gelernt haben, haben wir ein Trainingscenter aufgebaut, um die neuen Anforderungen an den Beruf näherzubringen.

Wie schafft es der Nachwuchs, trotz äußerer Einflüsse wie schlechten Arbeitszeiten oder Bezahlung, seinen Weg unbeirrt zu gehen?

Esterer:Wenn man keine Leidenschaft mitbringt, dann wird man auch nicht gut und bleibt ein Leben lang unglücklich. Ich hatte für meinen Job bei BMW große Leidenschaft, für das Unternehmertum auch. Und dann fiel es mir nicht schwer, die anderen Herausforderungen zu meistern. Aber man darf nicht vergessen: Es ist harte Arbeit, um in einem Job gut zu werden.

Jetzt sind Sie neu in der Jury für den IHK-Wissenschaftspreis. Kann so ein Wettbewerb jungen Menschen helfen, ihre Berufung zu finden?

Esterer: Ganz bestimmt. Die Anerkennung einer Leistung ist in jungen Jahren unglaublich wichtig, das motiviert. Da raus formt sich Selbstbewusstsein. Die Initiative von IHK und Uni Kassel ist enorm wichtig, weil es über die Benotung durch den Professorenkreis hinausgeht und Leistung zusätzlich gewürdigt wird.

Was macht die Jurymitglieder aus?

Esterer:Es sind Personen, die überhaupt nicht wissenschaftlich arbeiten, sondern die sich die theoretischen Ideen mit einer Realitätsbrille angucken. Wenn das Wissenschaftliche auch draußen in der realen Welt standhält, dann ist das ja ein noch größeres Qualitätsmerkmal.

Nach welchen Kriterien beurteilen Sie?

Esterer: Ist die theoretische Idee praktisch umsetzbar, wie verständlich wird das Thema erklärt und verstehen es auch Menschen außerhalb des akademischen Umfelds? Und wir prüfen, wie transdisziplinär sie ist: Bewegen sich die Verfasser sehr tief in ihrer eigenen Wissenschaft oder können sie auch Brücken zu anderen Bereichen denken.

Hat Ihr Unternehmen denn schon theoretische Ideen junger Wissenschaftler in die Praxis umgesetzt?

Esterer: Wir hatten schon junge Ingenieure hier, die in Diplomarbeiten kreative Ideen entwickelten. Da wurde zum Beispiel die theoretische Idee eines flexiblen Schienensystems für die Montage in unserer Firma praktisch umgesetzt.

Als Geschäftsführerin wählen Sie den Nachwuchs Ihres Unternehmens mit aus. Wenn ein junger Mensch vor Ihnen sitzt, worauf achten Sie da?

Esterer: Wir bilden viel im handwerklichen Bereich aus. Da ist uns die Motivation schon sehr wichtig. Das die Leute ein Ziel haben, warum sie den Beruf wählen. Wir haben auch schon Kinder von Mitarbeitern abgelehnt, weil es sich so anhörte, als ob es die Eltern mehr wollen, als die Kinder selbst. Das Handwerkliche kann man lernen – die Einstellung ist das, was am Anfang steht.

Was ist der Vorteil eines Familienunternehmens?

Esterer: Die große Chance kleiner Familienbetriebe ist es, dass man unglaublich breit arbeiten kann. Es gibt kurze Entscheidungswege, eine flache Hierarchie und damit erhöht sich auch die Verantwortung für den Auszubildenden.

Wie steht es denn aktuell mit dem Nachwuchs?

Esterer: Es gibt noch Nachwuchs. Schwieriger wird es allerdings in den mittleren und oberen Führungsebenen, weil es einerseits Großfirmen gibt, die sehr viel zahlen und damit die jungen Leute anlocken und Unternehmen wie unserem, die vordergründig in einem nicht so attraktiven Umfeld sind und einen weniger interessanten finanziellen Rahmen haben. Bislang setzen wir uns durch, indem wir den jungen Menschen Spielraum zum Mitgestalten lassen.

Erkennbar ist das ja am Erfolg Ihrer Azubis im Ideenwettbewerb von Hessenmetall (die HNA berichtete).

Esterer: Das macht uns sehr stolz, es ist eine super Truppe. Die jungen Menschen fordern und wollen gefördert werden. Da muss man als Unternehmen natürlich drauf eingehen. Wenn wir es schaffen, dass sie hier glücklich sind, dann schaffen wir es auch, sie hier zu halten. 

Zur Person

Julia Esterer, Jahrgang 1973, führt das Helsaer Unternehmen Esterer, ein mittelständischer Tankfahrzeughersteller, zusammen mit ihrem Vater Harold Esterer. Das Unternehmen hat 170 Angestellte und stellt im Jahr vier Auszubildende im kaufmännischen, technischen und gewerblichen Bereich ein. Davor war Julia Esterer elf Jahre für die BMW Group tätig, zuletzt als regionale Marketingleiterin für BMW und MINI in Asien. Nach ihrem Abitur hatte sie ein Studium zur Internationalen Betriebswirtin absolviert. Esterer lebt mit ihrem Lebensgefährten und den zwei Kindern in Kassel.

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