HNA-Interview

Kasseler Psychologe Lantermann: „Heimat kann alles sein“

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Heimat in der Natur: Zu unserem Aufruf zum Thema „Was bedeutet Heimat für Sie?“ schickte uns Leserin Katja Schmidt dieses tolle Foto aus dem Vellmarer Ahnepark. Es entstand bei einem Spaziergang mit ihrem Sohn.

Kreis Kassel. Der Duft einer Blume, das Knarren von Dielen oder der Anblick einer Baumgruppe können Gefühle an die Heimat wecken. Jeder Mensch verbindet etwas anderes damit. 

Wir haben den emeritierten Professor für Persönlichkeits- und Sozialpsychologie an der Universität Kassel Prof. Dr. Ernst-Dieter Lantermann zum Thema Heimat befragt.

Herr Lantermann, was ist Ihr Heimatort?

Ernst-Dieter Lantermann: Ich habe viele Heimatorte. Einmal die Musik, also wenn ich zum Beispiel Bach oder Pink Floyd höre. Und auch nach 30 Jahren Leben hier in Kassel-Kirchditmold ist dieses kleine Dörflein und vor allem die Landschaft für mich zu einem meiner Heimatorte geworden, neben der Familie und den Freunden, die gehören ja sowieso dazu.

Musik? Wie kann das ein Heimatort sein?

Lantermann: Heimat kann alles und überall sein. Überall dort, wo wir – oft für nur wenige Augenblicke – eine beglückende Übereinstimmung zwischen der Beschaffenheit der Welt da draußen und unseren eigenen Vorstellungen, Erinnerungen und Bedürfnissen erfahren, fühlen wir uns beheimatet und erleben uns als Teil eines Ganzen, mit dem wir im gleichen Takt mitschwingen.

Der Begriff „Heimat“, was bedeutet er?

Lantermann: Bis zum 19. Jahrhundert war Heimat überhaupt kein emotionaler Begriff, sondern ein juristischer. Das heißt, wenn damals jemand zu einer „Heimatscholle“ gehört hat, also dort geboren ist und gelebt hat, dann hatte er Bürgerrechte. Dass „Heimat“ zu einem Sehnsuchtsort wurde, also sich von einem juristischen Begriff zu einer subjektiven Befindlichkeit entwickelte, geschah im 19. Jahrhundert mit der Industrialisierung. Als sehr viele Menschen vom Land wegzogen in die Städte, hin zu den industriellen Produktionsstätten. Und da entstand so etwas wie eine Sehnsucht zurück nach dem verlorenen Ort der Vertrautheit, Geborgenheit und Zugehörigkeit.

Wenn man von der eigenen Heimat spricht – was verbindet man damit? Was macht Heimat aus?

Lantermann: Heimat ist kein ausschließlich geografisch bestimmbarer Ort. Wenn man von Heimat spricht, gehört aus psychologischer Sicht dazu: Ein Ort, an dem man sich – bei allen Verschiedenartigkeiten zwischen den „Mitbewohnern“ – gegenseitig anerkennt, sich gegenseitig wertschätzt, vertraut und sich geborgen fühlt. Man weiß, was man von sich und anderen erwarten kann und darf, was zu tun und zu lassen ist. Man weiß um die Verlässlichkeit des Ortes, dass er ein Ort auf Dauer ist, der nicht einfach verschwindet oder sich unversehens in einen fremden Ort verwandelt.

Psychologe Ernst Dieter Lantermann

Grenzt man sich mit der Heimat gegenüber Anderem ab?

Lantermann: Da sind wir beim Thema Heimat als Kampfbegriff. Die heutigen Rechtspopulisten wie die AfD proklamieren „Heimat“ als einen Ort, der ausschließlich von „dem deutschen Volk“ bewohnt werden darf. Und wer zum deutschen Volk gehört und welche Menschen und Bevölkerungsgruppen nicht dazugehören, bestimmt die AfD. Mit solch einer Strategie der Ausgrenzung wird der eigentlich doch sehr positive und zutiefst humane Begriff von Heimat zu einem populistischen Kampfbegriff. Man kann gespannt sein, in welcher Weise der neue Heimatminister Horst Seehofer diesen Begriff mit Inhalt zu füllen gedenkt.

Wie wichtig ist Heimat heute?

Lantermann: Menschen ohne eine innere und äußere Verortung haben es sehr schwer. Wer in diesem Sinne „heimatlos“ geworden ist, empfindet sich oftmals als wert-, orientierungs- und antriebslos. Heimat ist kein realer, sondern ein „innerer“ Ort, eine Utopie, die für den Moment ein Gefühl schafft von „Hier bin ich zu Hause“. In der heutigen Zeit, in der sich die Welt an allen Fronten des Lebens immer rasanter verändert, erleben sich dagegen viele Menschen als entwurzelt und heimatlos geworden. Daher wird die Sicherung und Wiedergewinnung von „Heimat“ zu einer ganz wichtigen Aufgabe, für jeden Einzelnen von uns, aber auch für die Politik. Eine Politik jedoch, die fordert, dass das Recht auf Heimat ausschließlich für „anständige Volksdeutsche“ gelten darf, würde uns alle heimatlos machen.

Für viele Menschen verändert sich die Heimat im Laufe des Lebens. Wie kommt das?

Lantermann: Man nennt diesen Prozess Verheimatung. Also man kommt aus einem bestimmten Kulturkreis, einer anderen Gegend und gerät dann in eine andere Landschaft mit ganz anderen Menschen mit ganz anderen Vorstellungen, Traditionen und Gewohnheiten. Es gibt da im Grunde zwei Möglichkeiten: Die Selbstverschließung, „Heimat“ ausschließlich mit Seinesgleichen, im selbstgeschaffenen Getto suchen. Die andere Möglichkeit liegt in einer entschlossenen Neuverheimatung. Man fühlt sich, zum Beispiel nach einem Umzug, zunächst fremd, aber nach und nach öffnet man sich für das Neue. Man beginnt, sich diesen Ort anzueignen, ihn sich vertraut zu machen, soziale Beziehungen aufzubauen, vertraute Gerüche, Geräusche, Blicke aus der „alten“ Heimat an diesem neuen Ort wiederzuentdecken. Irgendwann wird durch diese Neugier das Unvertraute zum Vertrauten, der fremde Ort zur neuen Heimat.

Allerdings finden Menschen, die sich selbst und anderen vertrauen, eher eine neue Heimat als diejenigen, die der Welt mit einem ausgeprägten Misstrauen gegen alles und jeden begegnen. 

Wer ist Ernst-Dieter Lantermann?

Ernst-Dieter Lantermann, bis 2013 Professor an der Universität Kassel, ist Autor zahlreicher Bücher über Themen der Umwelt-, Kunst und Sozialpsychologie. Sein neuestes Buch „Die radikalisierte Gesellschaft. Von der Logik des Fanatismus“ ist Ende 2016 im Blessing Verlag erschienen.

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