Ivo Michelini war von September 1943 bis Juli 1945 in Steinbach inhaftiert

Das Schicksal eines Zwangsarbeiters in Helsa: Einblicke in seinen Alltag

+
Hielt seinen Alltag im Eschenstruther Arbeitslager in einem Tagebuch fest: der italienische Kriegsgefangene Ivo Michelini. Auf diesem Foto, das 1942 aufgenommen wurde, war er 20 Jahre alt. Repro: T. Hartung

Helsa. "Ich fühlte den ersten Hunger und keiner wusste, ob und wann wir etwas zu essen bekämen." Das schrieb ein italienischer Zwangsarbeiter in Helsa (Kreis Kassel) in sein Tagebuch. Wir geben einen Einblick in seinen Alltag.

Der Geschichtsverein Helsa hat das Leben eines italienischen Kriegsgefangenen im Eschenstruther Arbeitslager aufgearbeitet. Ivo Michelini war von September 1943 bis Juli 1945 in Steinbach inhaftiert.

„In den nächsten Tagen spürte man immer mehr die große Ungewissheit. Ich fühlte den ersten Hunger und keiner wusste, ob und wann wir etwas zu essen bekämen“, schrieb der italienische Kriegsgefangene Ivo Michelini am 18. September 1943 auf ein einfaches Blatt Papier.

Der junge Italiener war von September 1943 bis zu seiner Heimreise im Juli 1945 im Arbeitslager Steinbach in Helsa-Eschenstruth inhaftiert. Auf unzähligen Zetteln schrieb der junge Mann ein Tagebuch, in dem er den täglichen Kampf um die Grundbedürfnisse des Menschen erzählt.

Eine Seite aus dem Tagebuch vom 21. Januar 1945 – übersetzt aus dem Italienischen: „Fahrt nach Kassel, um Trümmer wegzuräumen. Wir sind mit dem Arbeiterzug gefahren und nach zwei Stunden waren wir am Ziel. Einige sind in die Fabrik gegangen, andere haben sich im Wald versteckt. Als wir dort ankamen, haben wir einige Minuten auf Anweisungen gewartet, aber es schien sich keiner für uns zu interessieren. Ich habe mir in den Kopf gesetzt, zu fliehen. Die verteilten Gruppen setzten sich in Bewegung. Giglioli und ich haben uns in Richtung Hauptbahnhof orientiert, wo wir letztlich gearbeitet haben. Hunderte waren schwer am arbeiten.“

„In den meisten seiner Eintragungen geht es darum, wo er sein nächstes Essen herbekommt und wie er den nächsten Tag überleben soll“, verrät Wolfgang Rhein vom Geschichtsverein Helsa. Aus den Zetteln hat er die spannende Geschichte nach wahren Begebenheiten in der Broschüre „Das Tagebuch von Ivo Michelini“ zusammengefasst. In der Abhandlung, die unter anderem mit Fotos, Ausweisen und Lageplänen bebildert ist, geht es um die Geschichte des italienischen Kriegsgefangenen Ivo Michelini, der von Oktober 1943 bis März 1945 im Sprengstoffwerk Hirschhagen unter schwersten Bedingungen arbeiten musste.

Sohn lieferte Manuskripte

Im Frühjahr 2011 begab sich Michelinis Sohn Piero, dem die Unterlagen seines Vaters – nach dessen Tod im Juni 2007 – in die Hände gefallen waren, gemeinsam mit Gerold Kunert (Geschichtsverein Helsa) auf Spurensuche in Nordhessen. So kam der Verein auch an ein Manuskript, das sie von dem Kaufunger Ehepaar Dagmar und Giovanni Zimbardo ins Deutsche übersetzen ließen.

Der Lagerausweis von Ivo Michelini: Der junge Mann war in der zweiten Baracke, in der ersten Stube untergebracht.

Der Verfasser der Broschüre betont, dass sein Werk nicht nur die Geschichte Michelinis behandelt, sondern auch viel Interessantes über Helsa in den Kriegsjahren beinhaltet. „Es stehen viele Infos aus der Gegend darin“, erklärt Rhein. „Es war uns ein Anliegen über die Dinge, die er in seinem Tagebuch beschreibt, mehr zu erfahren“, sagt er. Das sei allerdings gar nicht so einfach, weil viele Menschen, die in dieser Zeit lebten, bereits verstorben seien oder nichts zu den Kriegsjahren sagen wollten, bedauert Rhein.

Schlechte Behandlung

Aus den Aufzeichnungen geht hervor, wie schlecht der italienische Kriegsgefangene in Helsa behandelt wurde. Nachdem er 1944 interniert wurde, durfte sich Michelini dann endlich frei bewegen und konnte auch Kontakte zur Bevölkerung knüpfen.

So schnitt er zum Beispiel Kindern in Eschenstruth die Haare und hatte Kontakt zu einer Anita aus Fürstenhagen. „Wir haben viel recherchiert, konnten jedoch leider diese Anita nicht ausfindig machen“, bedauert Gerold Kunert. Dennoch hätte man durch seine fast täglichen Aufzeichnungen vieles rekonstruieren können, was auch für die Geschichte Helsas wichtig sei, so Wolfgang Rhein.

Die Broschüre kostet acht Euro und ist ab sofort im Bürgerbüro (Rathaus Helsa) oder über den Geschichtsverein Helsa erhältlich. Kontakt: Gerold Kunert, Telefon: 05602/35 87 oder per Mail unter kontakt@geschichtsverein-helsa.de


Hintergrund: Arbeitslage Steinbach war eines von drei Lagern in Helsa-Eschenstruth 

Lesen Sie auch: „Helsa war eine Nazi-Hochburg“

Im Nationalsozialismus gab es drei Lager in dem Helsaer Ortsteil. Die Lager Gottschalk, Esche und Steinbach werden vom Landesgeschichtlichen Informationssystems aufgezählt. Das Lager Steinbach wurde im Jahr 1943 errichtet. Es bestand aus neun Baracken (sechs Wohnbaracken, einer Gemeinschaftsbaracke, einer Sanitäts- sowie einer Wäschereibaracke), einem Badehaus, einem Waschhaus, eine Materialbaracke, einer Küche, einem Kartoffelkeller und einer Toilette sowie ein Haus für den Lagerleiter. Soweit bekannt, brach im Sommer 1944 in dem Lager Flecktyphus aus, weshalb viele der sowjetischen Zwangsarbeiter, die zu diesem Zeitpunkt im Lager waren, unter Quarantäne gestellt wurden. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.