Wie durch ein Wunder gab es keine Verletzten

Rückblick: Schwere Verwüstungen vor 35 Jahren in Wickenrode

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Eine Schlammlawine brach im Juni 1980 über Wickenrode herein: Die Menschen wurden von der stinkenden Flut überrascht. Es dauerte Tage, bis die Straßen gesäubert waren. Erst nach und nach konnten die Schäden beseitigt werden.

Helsa. Um 15.10 Uhr erfüllten plötzlich ein Brummen und Brausen die Luft in Wickenrode. Hausfrau Erika Ludwig schaute aus ihrem Küchenfenster an der Ringenkuhler Straße, weil sie tief fliegende Hubschrauber vermutete.

Doch im nächsten Moment sah sie einen Strom aus Schlamm und entwurzelten Bäumen unmittelbar vor ihrer Haustür vorbeischwimmen.

Aktualisiert um 15.30 Uhr

Ihr Haus blieb stehen, doch die braune Flut ergoss sich an diesem Junitag des Jahres 1980 weiter ins Dorf und sorgte für schwere Verwüstungen im Ort. Wie durch ein Wunder wurde niemand getötet oder verletzt, stellte die Hessische Allgemeine in ihrem Bericht vor 35 Jahren fest. Ein Kind, das in der allgemeinen Aufregung vermisst war, tauchte später wieder auf. Ein von den stinkenden Flutenmitgerissener großer Gastank konnte geborgen werden. Bis zu einem Meter hoch waren die Schlammwellen, die sich durch das Freudenthal in Wickenrode auf den stark abschüssigen Straßen talwärts wälzten und eine Schneise der Verwüstung hinterließen. Sie rissen dicke Baumstämme mit, zerfetzten Eisengitter und bedeckten Autos und Motorräder am Straßenrand mit einer dicken Dreckschicht. Meterhoch brandete der Schlamm gegen Hauswände, drang in Wohnzimmer, Keller, Garagen und einen Lebensmittelladen ein. Wehrführer Otto Isenberg und seine Männer aus Wickenrode waren die Ersten, die sich der Schlammflut entgegenstemmten. Doch schnell sahen die paar Männer der Freiwilligen Feuerwehr, dass sie gegenüber dieser Naturgewalt machtlos waren. Sie alarmierten die Leitstelle Hessen-Nord, nach und nach trafen Männer der Kasseler Berufsfeuerwehr und viele Helfer von Freiwilligen Wehren aus Lohfelden sowie dem Losse- und dem Niestetal ein.

Mit Baggern und Raupen

Bis in die Nachtstunden schuftete ein ganzes Dorf, um den gröbsten Schlamm vor der Haustür und aus den Wohnungen zu bekommen. In den folgenden Tagen wurde mit Baggern, Raupen und einem ganzen Lastwagenkonvoi der Dreck beseitigt. In ersten Schätzungen ging man von einem Millionenschaden aus, später bezifferte das Regierungspräsidium Kassel den Schaden an Privathäusern sowie landwirtschaftlich und gewerblich genutzten Gebäuden auf 218 000 D-Mark (umgerechnet 111 500 Euro). Ursache des Unglücks war ein Dammbruch, auf einer Halde im Bergbaugebiet am Hirschberg hatte sich durchfeuchteter Abraum in Bewegung gesetzt. Über die Ursachen stritten mehrere Gutachter. Die Gemeinde Helsa verzichtete im Sommer 1984 jedoch auf eine gerichtliche Klärung. Eine Broschüre von 1995 von August Strube zur Schlammlawine ist beim Geschichtsverein Helsa einsehbar (mittwochs, 9 bis 12 Uhr, im Archiv im Rathaus). Dort sind auch zahlreiche Fotos zu dem Unglück zu sehen.

Hintergrund: Insgesamt gab es Schäden an 36 Grundstücken und Gebäuden.

Eine Kommission des Landkreises ermittelte, dass 15 Häuser in Wickenrode besonders betroffen waren. Der Landkreis und die Gemeinde Helsa stellten Soforthilfen in Aussicht. Mit Schecks zwischen umgerechnet 200 und 8000 Euro überraschten Bürgermeister Ludwig Dann und ein Mitarbeiter des Landratsamts zwei Wochen nach der Katastrophe Wickenröder Bürger, die hohe Schäden an Haus, Inventar und Autos erlitten hatten. Insgesamt stellte der Kreis umgerechnet 24 000 Euro, die Gemeinde Helsa 8000 Euro zur Verfügung. Die Staatsanwaltschaft Kassel nahm Ermittlungen auf, um herauszufinden, wie es zu der Schlammkatastrophe kommen konnte. Die Ermittlungen zogen sich hin. Ein Gutachten der Technischen Hochschule Braunschweig wurde angefordert. Knapp ein Jahr nach der Katastrophe teilte Hessens Finanzminister Heribert Reitz mit, dass noch keine Hilfe vom Land fließen könne, weil die Schadensursache noch nicht feststehe. Ein Zeitzeuge erinnert sich

Otto Isenberg war damals Einsatzleiter der Feuerwehr. Der heute 76-Jährige hält es für ein großes Glück, dass die Schlammflut keine Opfer gefordert hat. „Wir hatten damals viele Auswärtige im Ort, sie waren im Erholungsheim, dem früheren Bergmannsheim, untergebracht. Normalerweise saßen sie an dem Feuerlöschteich, der dann von der Schlammflut überspült wurde. Doch an diesem Tag machten sie einen Ausflug und waren nicht da“, erinnert er sich. Er befand sich an dem Tag bei der Beerdigung eines Feuerwehrkameraden. „Wir hatten nach der Beerdigung gerade ein Bier getrunken, als die Alarmierung kam“, berichtet er. Die Schlammmassen hätten sich mit großer Geschwindigkeit durch den Ort bewegt. „Das war ruckzuck da“, sagt Isenberg. Als er das Ausmaß der Katastrophe erkannte, informierte Isenberg den Krisenstab in Kassel. Er berichtete von einer Schlammlawine, die sich 500 Meter breit und einen Kilometer lang durch das Dorf Wickenrode ergoss. „Das hat mir in Kassel keiner geglaubt“, berichtet Isenberg. Kassel habe dann einen Hubschrauber geschickt, um sich einen Überblick über die Lage zu verschaffen.

Vor 35 Jahren: Schlammlawine in Wickenrode

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