Porträt

Wie eine Familie aus Helsa in ständiger Angst vor den Nazis leben musste

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Hier wurde Walter Jordan 1933 zur NSDAP-Sitzung eingeladen: Das Foto links zeigt den Helsaer Gasthof „König von Preußen“ im Jahr 1937. Rechts daneben liegt die vom Gasthof betriebene Tankstelle. Auf dem Foto oben ist Walter Jordan zu sehen. Rechts ist eine Probefahrt mit Schützenpanzern bei Helsa dokumentiert.

Helsa. Am Samstag ist der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.  Das Schicksal der Familie Jordan aus Helsa ist eines von vielen. Helmut Jordan erzählt.

Es sollte ihr letzter gemeinsamer Spaziergang sein, während dem Walter Jordan seinem Sohn Helmut erzählte, was er unter den Nazis erlitten hat. „Ostern 1980“, erinnert sich Helmut Jordan. „Wir gingen erst auf dem Teppichweg ins obere Lautenbachtal und haben lange gesprochen. Es war ein schweres Gespräch. Als wir auf eine Baustelle am Kleinen Feld zugingen, erlitt mein Vater einen Schlaganfall. Er starb kurz darauf im Krankenhaus.“ Vorher hatte er seinen Sohn gebeten, seine Geschichte aufzuschreiben.

„Fotos von meinem Vater habe ich keine“, sagt der 86-jährige Helmut Jordan. Dafür aber umso mehr Erinnerungen, die er in vielen Büchern aufgeschrieben hat. Jordan nimmt die Bitte seines Vater ernst – er erinnert sich an kleinste Details, jede Firma in der sein Vater arbeitete, Namen, Dialoge mit seinen Eltern aus der Zeit. Er erzählt lange am Esszimmertisch.

Mit den Nazis überworfen: "Im falschen Verein"

„Schon 1930 ist mein Vater mit den Nazis aneinandergeraten.“ Sie haben ihn ins Lokal König von Preußen zur Parteisitzung eingeladen. „Als er sah, wo er gelandet war, sagte er: ,Ich glaube ich bin hier im falschen Verein‘ und verließ die Runde.“

Jordan springt ins Jahr 1933: „Da ,befragt‘ die Schutzstaffel Helsaer Bürger. Auch meinen Vater.“ Auf einer Hundehütte liegend werden sie geschlagen – sie sollen damit rausrücken, wo sie Waffen für einen kommunistischen Aufstand lagern. Später muss er 14 Tage in Schutzhaft. Dort wird Jordan schwer misshandelt. „Schutzhaft – was für ein Begriff“, sagt Jordan.

1934, der Junior ist gerade zwei Jahre alt, trifft sein Vater beim Pilze sammeln auf eine Gruppe selbsternannter Kommunisten. Die Männer geben ihm eine Broschüre, „angeblich verbotene Literatur“, sagt Jordan geheimnisvoll.

Helmut Jordan (86) aus Helsa

Er arbeitet im Werk Casseler Basaltindustrie in Helsa. Die Leitung will den Lohn von 45 auf 38 Pfennig kürzen – Jordan wird Streikführer. Die Lohnkürzung wird zurückgenommen, Jordan wird arbeitslos.

"Ein hochverräterisches Unternehmen"

Zwei Jahre später wird ihm dieses Treffen zum Verhängnis: Am 19. Dezember 1936 wird er gegen sechs Uhr in seiner Wohnung in der Berliner Straße 149 in Helsa von der Gestapo verhaftet. Die Anschuldigung: Er habe an dem „hochverräterischen Unternehmen, die Verfassung des Reiches gewaltsam zu ändern“ teilgenommen. Er solle einen „organisatorischen Zusammenhalt“ hergestellt haben, um „die Massen durch Verbreitung von Schriften zu beeinflussen.“ 

Antwort auf das Gnadengesuch der Ehefrau Maria Jordan: „Auf das Gesuch vom 17. Mai 1938 an den Führer und Reichskanzler, das mir auf dem Dienstwege zur Prüfung und weiterer Veranlassung zugefertigt worden ist, habe ich den Sachverhalt geprüft, aber ich habe keine Veranlassung gefunden, einen Gnadenweiß für Ihren Ehemann zu befürworten. Auf Grund der mir durch Erlaß des Reichsministers der Justiz vom 6. Mai 1935 erteilten Ermächtigung bescheide ich Sie hiermit im Namen des Reichsministers der Justiz ablehnend. Gezeichnet Dr. Trautmann.

Die Familie ist geschockt. „Keiner wusste, wie es meinem Vater geht, wo er ist oder wann und ob er zurückkommt“, sagt Jordan. Die Mutter Maria muss plötzlich allein für Helmut und seinen drei Jahre älteren Bruder sorgen. 

Sie arbeitet schwer, um die Familie über Wasser zu halten. Die Familie lebt in Ungewissheit, die Mutter ist im Ort als Kommunistenweib abgestempelt, erlebt Schikane. Ihr Gnadenersuch an Adolf Hitler für die Freilassung ihres Mannes wird abgewehrt.

Die Gefangenenzeit: Drei Jahre in der JVA Plötzensee

Der junge Jordan hat in dieser Zeit einen Sprachfehler: „Ich sagte Futs statt Fuchs. Meine Mutter versuchte mich zu ermutigen: ,Wenn du’s schaffts, richtig zu sprechen, kommt der Papa wieder’.“ Der Sprachfehler geht, der Vater bleibt verschollen. 

Erst drei Jahre später kommt er zurück, aus der JVA Plötzensee. Erst habe Walter Jordan nicht über die Zeit im Gefängnis gesprochen. „Er wollte uns schützen. Wenn uns die Nazis über ihn verhört hätten, wären wir alle dran gewesen.“ Später habe er vor allem von den Glocken erzählt, die jeden Tag geläutet haben, wenn ein Insasse zum Schafott in seinen Tod lief.

Vor dem Helsaer Bahnhof: Walter Jordan prüfte als Kontrolleur Schützenpanzer 251, bevor sie an der Front eingesetzt wurden.

In der Hoffnung, dass er dadurch von NSDAP und Gestapo in Ruhe gelassen wird, arbeitet Jordan bei der Rüstungsfirma Evens und Pistor erst als Dreher, dann als Kontrolleur von Schützenpanzern. „Doch die Nazis ließen uns nicht in Ruhe“, sagt sein Sohn. Drei Mal wird der Vater zur Gestapo in Kassel geladen. „Die werden noch alle beseitigen, die ihnen noch gefährlich werden können“, sagt Walter Jordan zu seiner Frau.

Von der Gestapo geladen: Bombenangriff und Volkssturm

Beim ersten Mal, als er auf der Gestapo-Dienststelle erscheint, ist sein Sachbearbeiter angeblich nicht da. Es folgt eine Verwarnung: „Bei Nichterscheinen wird mit Verhaftunge gedroht.“ Jordan reist am 15. Dezember 1944 ein weiteres Mal zur Dienststelle. 

Als er da ist, gibt es einen Bombenalarm. Ein drittes Mal wird er einbestellt. Doch bevor er erscheinen kann, muss er zum Volkssturm. Er soll bei Rotenburg zum Einsatz kommen, kann aber mit Kameraden türmen, nachdem die Offiziere sich verdrückt haben. Er kehrt am 31. März 1945 zurück.

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