Zweiter Weltkrieg: Zeitzeuge erinnert sich an den 31. März 1945

Bomben an Ostern auf Helsa: „Er schoss aus allen Rohren“

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Noch erhalten: Das Grab eines jungen Unteroffiziers namens Uwe Petersen ist heute noch auf dem Alten Friedhof in Helsa zu sehen.

Helsa. Helmut Jordan kann sich noch ganz genau an die Tage erinnern, als der Zweite Weltkrieg seine Heimat Helsa erreichte. An einem Karsamstag wurde der Ort teilweise zerstört.

Jordan war damals 13. Am Karsamstag 2018 ist es 73 Jahre her, als der Ort teilweise zerstört wurde. Tage und Daten liegen genauso, wie es damals war. „Am 31. März 1945, also Karsamstag, herrschte in Helsa große Aufregung. Viele deutsche Soldaten zogen durch den Ort und aus der Ferne war das Schießen der Artillerie zu hören“, sagt Jordan. Er war zu Hause, es gab gerade Mittagessen, als es „fürchterlich krachte“.

Helmut Jordan

Jordan lief aus dem Haus und sah, wie ein Flieger aus Wickenrode kommend in Richtung Stiftswald sehr tief über die Helsaer Häuser flog. „Er schoss aus allen Rohren“, erinnert sich der heute 86-Jährige. Außerdem sei die Explosion von Bomben zu hören gewesen.

„Unsere ganze Hausgemeinschaft versteckte sich vor Angst im Keller, Mütter, Väter und kleine Kinder. Wie lange der Angriff gedauert hat, konnte danach keiner mehr sagen“, erzählt Jordan von seinen Erlebnissen jenen Tages.

Links hinter der Lossebrücke standen die zerstörten Häuser von Siebert Schminke, Heinrich Blumenstein und das Forsthaus. 

Als der Angriff, an dem drei Jagdbomber vom Typ Lockheed P-38 mit je zwei 50-Kilo-Bomben beteiligt gewesen seien, vorüber war, war draußen nichts mehr wie vorher. „Ein starker Qualmgeruch lag in der Luft, Häuser standen in Flammen.“ Die Bewohner hätten versucht, ein paar Möbel zu retten und schleppten diese aus den Gebäuden. „Sehr schlimm hatte es den Bahnhof getroffen, dort gab es noch nicht mal mehr etwas zu löschen. Eine Bombe hatte ihn in einen Trümmerhaufen verwandelt.“

Weil man glaubte, dass die Flieger bald wiederkommen, packten zahlreiche Einwohner am Ostersonntag (1. April 1945) ein paar Habseligkeiten auf Pferde, Kühe und Handwagen und zogen in die Wälder rund um Helsa. „Es herrschte eine Eiseskälte und es regnete die ganze Zeit“, erinnert sich Jordan. „Die notdürftig geschaffenen Hütten aus Zweigen und Wagenplanen boten keinen Schutz.“ Über den Waldgebieten und damit den Köpfen der Schutzsuchenden fanden zwischen den deutschen und amerikanischen Soldaten Feuergefechte statt.

Das Bild zeigt das zerstörte Wohnhaus der Eheleute Wilhelm und Katharina Kramer.

Die letzten Kampfhandlungen in Helsa nach tagelangem Artilleriebeschuss und Straßenkämpfen endeten am 6. April. Die deutschen Soldaten rückten ab und die Amerikaner zogen ein. „Die Helsaer Bürger kamen aus Kellern, Bunkern und Wäldern in den Ort und ihre Wohnungen zurück“, sagt Jordan. „Man begann mit den Aufräumarbeiten.“

Jordan war aber viel früher aus dem Wald zurückgekommen. „Nach einem Streit mit der Familie ging ich stiften“, erzählt er schmunzelnd. Mit drei Decken, die er unterwegs aus einer Motorsportschule geplündert hatte, machte er sich allein auf den Weg zurück nach Hause. „Wenn ich es donnern hörte, ließ ich die Decken fallen und suchte in Gräben Schutz.“ Zu Hause angekommen, musste er mit den Soldaten zurechtkommen, die sich in der Zwischenzeit dort niedergelassen hatten.

Achtzehn Häuser seien gänzlich niedergebrannt gewesen, als die Soldaten abzogen, zwei Drittel aller Häuser beschädigt. „Die Wohnungen waren geplündert und verwüstet.“ Auch Menschenleben gab es zu beklagen. „Neun Zivilsten starben, deutsche und alliierte Soldaten fanden den Tod.“ Fünf deutsche Gefallene wurden auf dem Helsaer Friedhof beerdigt. Das Grab eines jungen Unteroffiziers namens Uwe Petersen ist heute noch erhalten.

Dass sich Jordan nach 73 Jahren noch an alle Einzelheiten dieser Tage erinnern kann, liegt nicht nur an seinem sehr guten Gedächtnis. „Die Erlebnisse haben sich ins Gehirn gebrannt“, sagt er. Ich habe damals Nacht für Nacht gebetet, dass ich mal in Ruhe und ohne Angst schlafen kann. Ich hatte Todesangst.“

Information: Eine Broschüre des Geschichtsverein Helsa mit 46 Zeitzeugen über die letzten Kriegstage in Helsa ist noch erhältlich: Interessierte können sich per E-Mail an kontakt@geschichtsverein-helsa.de oder telefonisch unter 05605/6776 melden.

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