Der ambulante Kinderhospizdienst Kassel/Göttingen sucht für seine Arbeit dringend ehrenamtliche Helfer

Hilfe durch Mitgefühl statt Mitleid

Musik, um die Sinne zu stimulieren: Siegfried Eckstein spielt für Michael (7, links) und Stephan (6) viel Musik, liest ihnen vor und hilft, wo er nur kann. Fotos:  Grigoriadou

Vellmar. Sanft streicht Siegfried Eckstein über den Arm von Michael. Spürt der Siebenjährige diese Berührung? Er gibt einen Laut von sich, der an ein Kleinkind erinnert, dreht sich und schließt seine Augen. Michael und sein Bruder Stephan (6) leiden an einer epileptischen Krankheit mit allgemeiner Entwicklungsstörung. Sie können nicht laufen, stehen oder sich sprachlich ausdrücken.

Siegfried Eckstein ist ehrenamtlicher Mitarbeiter im Kinderhospiz Kassel/Göttingen. Einer der wenigen. Das Hospiz sucht dringend ehrenamtliche Helfer, die Familien mit erkrankten Kindern unterstützen. Der 67-Jährige ist im Ruhestand und kümmert sich einmal die Woche für einige Stunden um die beiden Jungen aus Vellmar. „Mal spiele ich den Kindern etwas auf meiner Mundharmonika vor, manchmal lese ich ihnen vor. Das Gehör ist bei diesen Kindern das stärkste Sinnesorgan. Sie reagieren auf Stimmen. Ihre Motorik und Sehkraft sind stark beeinträchtigt.“

Trauer, Sterben und Tod

Die ehrenamtlichen Mitarbeiter werden in einem Befähigungskurs zu Themen wie Umgang mit Abschied, Trauer, Sterben und Tod geschult. Dieser Kurs geht über ein halbes Jahr. „Menschen, die gerne diesen Familien helfen wollen, dürfen aber nicht selber in einem Trauerprozess stecken“, sagt Andrea Schink-Werner, Koordinatorin des ambulanter Kinderhospizdienstes. „Auch müssen sie Abstand zu diesen Situationen halten können, um richtig zu helfen.“

Was die Ehrenamtlichen mitbringen sollten, ist Zeit. Keine Pflege, keine Therapie, keine medizinische Versorgung. „Die Eltern wissen am besten, was gebraucht wird, daher ist eine offene Kommunikation Voraussetzung.“ Gebraucht werden Menschen jeder Altersgruppe. Egal ob Berufstätige, Studenten oder Frauen und Männer im Ruhestand.

Martina Alband kümmert sich gern und viel um ihre beiden Söhne. Aber zu jeder Zeit an jedem Ort sein? Das schafft sie bei aller Liebe nicht. Die 27-Jährige ist selbst gesundheitlich angeschlagen und muss viele Arzttermine wahrnehmen. Dazu kommen die Arztbesuche und die medizinische Versorgung ihrer Kinder und der Haushalt. Kurze Familien-Ausflüge und Spaziergänge müssen genau geplant werden und sind aufwendig. „Es ist eine große Entlastung für mich, wenn Siegfried da ist. Dann kann ich in Ruhe das Abendbrot machen, Wäsche aufhängen oder die Medikamente für die Jungs vorbereiten, während er sich mit ihnen beschäftigt.“

Pädagogisch wertvoll

Auch aus rein pädagogischer Sicht empfindet die alleinerziehende Mutter den Kontakt zu anderen Menschen als sehr wertvoll. „Die Kinder freuen sich auch, wenn Siegfried da ist und genießen diese Nähe.“ Was für andere Menschen als Kleinigkeit empfunden wird, zeigt große Wirkung. „Meine Söhne waren letztes Jahr sehr angeschlagen, hingen am Sauerstoff und haben starke Medikamente gegen ihre Anfälle bekommen“, erinnert sich Martina Alband. „Aber sie haben gemerkt, wenn ihnen jemand vorgelesen hat, bei ihnen war oder mit ihnen geredet hat. Das hat ihren Lebenswillen unheimlich gestärkt.“

Warum engagiert sich Siegfried Eckstein für das Kinderhospiz? „Meine Frau und ich möchten ein Stück von unserem Glück abgeben“, sagt er und lächelt. „Wir haben gesunde Kinder und Enkel und sind dankbar für dieses Geschenk.“ Der Tod gehöre zum menschlichen Leben dazu, sagt Eckstein. „Auch wenn unsere Gesellschaft das verdrängt.“

Aspekte

Wie arbeitet das Kinderhospiz?

Ab der Diagnose einer lebensverkürzenden Erkrankung, im Leben, im Sterben und über den Tod der Kinder hinaus wird die Familie begleitet und unterstützt. Die Lebensqualität der Kinder und deren Familien soll verbessert beziehungsweise gehalten werden. Den Familien wird im Alltag geholfen.

Wichtig ist den ehrenamtlichen Helfern und Mitarbeitern des Kinderhospizes, dass auf die individuellen Bedürfnisse, Fähigkeiten und Interessen der Kinder eingegangen wird. Eltern werden als Fachleute gesehen und es wird nur in enger Absprache gehandelt. Offenheit, Partnerschaft und Integration (OPI-Konzept) stehen im Mittelpunkt. (pgr)

Informationen: Ambulanter Kinderhospiz Kassel/Göttingen, Heiligenröder Straße 84 in Kassel, oder unter www.kassel-goettingen.deutscher-kinderhospizverein.de und unter Telefon 05 61/5 29 77 10.

Kinderhospiz

Aufgabenfelder des Vereins

Der ambulante Kinderhospizdienst Kassel/Göttingen arbeitet bundesweit und begleitet die Familie ab der Diagnose bis über den Tod hinaus. Die Begleitung ist für die Familie kostenfrei.

Im Raum Kassel/Göttingen leben etwa 150 Familien, in denen ein Kind an einer lebensverkürzenden Krankheit leidet. Mit den kranken Kindern stehen gemeinsame Aktivitäten im Vordergrund.

Diese können je nach Befindlichkeit des Kindes Kinobesuche sein, Ausflüge, das Spielen oder Musizieren. Den Eltern werden Freiräume geschaffen und Gespräche angeboten mit Themen wie dem Tod oder dem Sterben.

Der Kinderhospizverein informiert und unterstützt in Fragen der Symptombehandlung des Kindes bei Schmerzen oder Ernährungsproblemen. Auch Geschwisterkinder werden versorgt, indem ihnen bei den Schularbeiten geholfen oder etwas mit ihnen unternommen wird. (pgr)

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.