Interview mit Michaela Töpfer von der Interessengemeinschaft Bauernhaus (IGB)

Rettung alter Häuser - „Immer mehr Dörfer entvölkert“

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Zukunft ungewiss: Das Obergeschoss des Merten-Jäger-Hauses in Helsa wurde bei einem Brand im Sommer 2011 stark zerstört. Das Dach wurde repariert, das Haus steht aber weiterhin leer. Wie das historische Gebäude künftig genutzt werden soll, ist offen. Zuvor müsste es umfangreich saniert werden. Das kleine Foto zeigt die kunstvoll gestaltete Eingangstür.

Kaufungen. Die Interessengemeinschaft Bauernhaus (IGB) ist heute und morgen zu ihrem bundesweiten Herbsttreffen in Kaufungen zu Gast. Etwa 50 Teilnehmer treffen sich im Ziegeleimuseum. Wir sprachen mit der Öffentlichkeitsreferentin Michaela Töpfer (52) über die Rettung alter Häuser.

Frau Töpfer, wie kann man die historische Bausubstanz in unseren Dörfern retten?

Michaela Töpfer: In erster Linie durch Aufklärung. Wir veröffentlichen seit 40 Jahren in unserer Zeitschrift „Der Holznagel“ Artikel darüber, wie alte Bausubstanz zu behandeln ist, wie die entsprechenden Techniken angewendet werden und über vieles mehr.

Was kann die Interessengemeinschaft Bauernhaus zum Erhalt konkreter Objekte tun?

Töpfer: Wir unterstützen ehrenamtlich durch Beratung und Austausch Menschen, die alte Häuser kaufen und sanieren. Oft muss gar nicht alles Alte abgerissen werden, um ein vernünftiges Ergebnis zu erzielen. Beispielsweise kann ein altes Dach gammelig aussehen und man meint, es müsse neu gedeckt werden. Dabei reicht es, 30 Prozent der Dachpfannen zu ersetzen und zwar mit alten, intakten Dachpfannen. Die finden sich häufig beim Abriss einer Scheune im Nachbarort oder bei unserer internetbetriebenen Altmaterialienbörse. Wir unterstützen Altbaufans aber auch emotional, indem wir sie darin bestärken, dass es ein Schatz ist, sich eines solchen Objektes anzunehmen. Was berührt uns mehr – ein Neubaugebiet oder gut erhaltene Fachwerkhäuser mit Charme?

Reicht die Förderung durch Dorferneuerung und Denkmalschutz aus?

Michaela Töpfer

Töpfer: Nein, die Mittel reichen in keiner Weise aus. Die Landesregierungen aller Bundesländer fahren seit Jahren die Förderung zurück. Der Verlust der alten Bausubstanz ist nicht dem Unverstand der Bevölkerung, sondern zu 90 Prozent dem Nichthandeln der Politik zuzuschreiben. Der Fokus der Aufmerksamkeit fällt immer wieder auf die Entwicklung der Städte. Es wird als selbstverständlich angenommen, dass der ländliche Raum maximal als Erholungsoase der Städte dienen soll. Ein nachhaltiges Konzept zum unabhängigen Erhalt der ländlichen Räume hätte schon vor 30 Jahren auf den Weg gebracht werden müssen. In Südniedersachsen fallen mittlerweile ganze Dörfer leer und werden auf Dauer einfach verschwinden.

Warum treffen Sie sich in Kaufungen?

Töpfer: Die IGB veranstaltet zwei bundesweite Treffen im Jahr, und zwar möglichst in ganz Deutschland verstreut. Dieses Mal haben uns Tamara und John Leszner vom Ziegeleimuseum zu sich eingeladen.

Wie groß ist die Betroffenheit in unserer Region?

Töpfer: Grundsätzlich gilt für alle ländlichen Regionen, insbesondere in strukturschwachen Gebieten, ein gewisser Alarmzustand. Viele jüngere Bewohnerinnen und Bewohner der ländlichen Räume zieht es dort hin, wo die Arbeit ist, und die ist häufig nicht auf dem Lande zu finden. So werden immer mehr Dörfer entvölkert, und die alten Häuser verwaisen.

Können auch Nichtmitglieder die Hilfe des Vereins nutzen?

Töpfer: Selbstverständlich beraten wir auch Nichtmitglieder. Da die gesamte Arbeit der IGB jedoch auf ehrenamtlicher Basis läuft, wünschen wir uns schon, dass Menschen, die von der IGB profitieren, den Verein mit dem Jahresbeitrag von 45 Euro unterstützen.

Waren bei der TV-Auswahl der 20 schönsten Bauernhöfe Hessens auch Anwesen aus Nordhessen dabei?

Töpfer: Ja, Kristina Bauer mit ihrem Hof Sickenberg war unter den ersten zehn Höfen. Er liegt direkt an der hessisch-thüringischen Landesgrenze. Sie betreibt dort neben einer kleinen Pension ein Hofcafé mit selbst hergestelltem Kuchen und bietet Kurse vom Brotbacken bis zur Kräuterwanderung an.

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