Internationaler Tag des Waldes

Neue Urwälder für Nordhessen: So sollen Naturwälder entstehen

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Blick von den bewaldeten Steilhängen hinab auf den Edersee: Bis zu 500 Jahre alte Bäume wachsen am Nordufer. 439 Hektar sind dort schon als Naturwald ausgewiesen. Weitere 586 Hektar sollen hinzukommen.

Kreis Kassel. Naturschutzverbände setzen sich für die Ausweitung von Naturwald-Schutzzonen in unserer Region ein. Was das für die Waldflächen bedeutet.

Den internationalen Tag des Waldes gibt es seit 1971 als Reaktion auf die weltweite Vernichtung von Wald. Aus diesem Anlass haben Naturschutzverbände ein neues Konzept zur Erweiterung von Naturwäldern auch in unserer Region erarbeitet.

Wann ist ein Wald ein richtiger Wald? Wenn dünne neben dicken, gerade neben krummen, junge neben alten und auch abgestorbenen Bäumen wachsen dürfen. Erst dann ist ein Wald naturnah, erst dann beherbergt er besonders viele Arten.

In Hessen werden 97 Prozent der gesamten Waldfläche wirtschaftlich genutzt, lediglich drei Prozent sind als sogenannte Naturwälder ausgewiesen. Passend zum internationalen Tag des Waldes wollen die Naturschutzverbände Nabu, Bund, WWF, Greenpeace, die Zoologische Gesellschaft Frankfurt und die Hessische Gesellschaft für Ornitologie und Naturschutz diesen Anteil bis zum Jahr 2020 auf fünf Prozent erhöhen.

Seltener Vogel: Der Schwarzstorch brütet im Reinhardswald. Archivfoto: Kühl/privat

Was für ein Ziel steckt dahinter?

Es geht um Artenschutz. Ein Naturwald beherbergt deutlich mehr Arten als viele Wirtschaftswälder. Nicht wenige dieser Tier-, Pflanzen- und Pilzarten sind typisch für Hessens Wälder, sind aber oft schon selten geworden oder bedroht, weil ihnen geeignete Lebenräume fehlen. Diese Lebenräume sollen durch die Schaffung von Naturwäldern wieder hergestellt werden. In Hessen handelt es sich dabei meist um Buchenwälder.

Was genau ist ein Naturwald?

Ein Naturwald ist ein Wald, der sich selbst überlassen bleibt. Das heißt: Er wird forstwirtschaftlich nicht mehr genutzt, sodass er wieder Urwaldcharakter bekommt. Wälder, die als Naturwälder geeignet sind, weisen schon von vorn herein bestimmte Merkmale auf – alter Baumbestand, hoher Todholzanteil, hohe Strukturvielfalt. Sie sind großflächig und können daher verschiedene Lebensräume miteinander verbinden – von Talauen über trockene Bergkuppen bis hin zu wechselfeuchten Hängen. Mehr als 7500 Arten können in ihnen leben. Tatsächlich lassen sich solche Wälder in Hessen immer noch finden – wie im Reinhardswald an den Weserberghängen bei Reinhardshagen.

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Wurden Wälder schon als Naturwälder ausgewiesen?

Ja. In Hessen sind bislang drei Prozent als Naturwald ausgewiesen. Das entspricht genau 25.541 Hektar, also etwa der zweieinhalbfachen Fläche Kassels. Naturschutzverbände wollen jetzt 16.000 Hektar draufsatteln, so dass fünf Prozent des hessischen Waldes Naturwald werden. In der Region sollen davon die Landkreise Kassel, Werra-Meißner, Waldeck-Frankenberg, Schwalm-Eder und Hersfeld-Rotenburg profitieren.

Seltene Orchidee: Der Frauenschuh kommt im Wald bei Wanfried vor. Archivfoto: privat 

Wie schafft man einen Naturwald?

Ein Wald wird dann Naturwald, wenn er aus der forstwirtschaftlichen Nutzung herausgenommen und entsprechend umgewidmet wird. Wälder mit entsprechenden Eigenschaften liegen meist schon in Gebieten, die bereits ganz oder in Teilen in irgendeiner Form unter Schutz stehen (FFH-Gebiete, NSG). Weil Naturwälder grundsätzlich besonders großflächig sein sollen, können sie bereits bestehende kleinere, versprengt liegende Schutzgebiete oft gut miteinander verbinden.

Wie groß ist solch ein Naturwald?

Im Idealfall sind Naturwälder mindestens 1000 Hektar groß. Je größer die Fläche ist, desto stabiler und störungsfreier können sich Tiere und Pflanzen entwickeln. Tatsächlich sind solche großen, zusammenhängenden Waldgebiete auch in Hessen sehr selten. Der schon im Reinhardswald bestehende Naturwald ist gerade mal 449 Hektar groß. Er soll nun auf 909 Hektar ausgeweitet werden.

Naturwälder weisen viel Totholz auf, Lebensraum für zahlreiche seltene Tier- und Pilzarten. Foto: Nabu/Harthun

Stellt die Ausweitung der Naturwälder ein Problem für die Forstwirtschaft dar?

Das Land Hessen ist international dazu verpflichtet, seine für das Land typischen Arten zu schützen – so wie auch afrikanische Staaten große Schutzgebiete für Löwen und Giraffen ausweisen. Abgesehen davon ist die Ausweisung weiterer Naturwald-Flächen politisch gewollt. Schon 2013 hat das Land die Hessische Biodiversitätsstrategie beschlossen und 2016 noch einmal weiterentwickelt. Ziel ist es, bis 2020 auf fünf Prozent der hessischen Waldfläche eine natürliche Waldentwicklung zu ermöglichen. Sowieso fehlen noch 6400 Hektar Naturwald, um den hessischen Staatswald nach dem neuen FSC-Standard zertifizieren zu können.

Dürfen Naturwälder überhaupt betreten werden?

Ja, denn Naturwälder sind keine Naturschutzgebiete. So dürfen sie auch weiter jenseits der Wege betreten werden, was in einem Naturschutzgebiet untersagt wäre. „Die Menschen sind ausdrücklich dazu eingeladen, Naturwälder zu erleben“, sagt Mark Harthun vom Nabu Hessen. Das wecke das Interesse an Natur und bedeute auch touristisch einen Gewinn. Der Nationalpark Kellerwald-Edersee sei ein gutes Beispiel dafür.

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