Dekanin Carmen Jelinek darüber, wie man Jugendliche an die Kirche bindet

Interview mit Dekanin Jelinek: „Den Konfirmanden Halt geben“

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Nach der Konfirmations wird es schwierig: Das Bild zeigt Jugendliche während eines Konfirmandenunterrichtes. 

Kreis Kassel. In den letzten Wochen fanden im Landkreis Kassel zahlreiche Konfirmationen statt. Damit kommen die Kinder ins kirchliche Erwachsenenalter. Beim Stichwort Konfirmation denken viele an Geldgeschenke. Doch worum geht es dabei wirklich?

Wir haben mit Carmen Jelinek, Dekanin des Kirchenkreises Kaufungen, gesprochen und wollten wissen, was den Jugendlichen vermittelt werden soll und wie man sie auch danach in der Kirche hält.

Die Kirche verliert in einigen Lebensbereichen an Bedeutung. Warum ist die Konfirmation nach wie vor wichtig?

Carmen Jelinek: Fragt man Jugendliche drei Jahre nach ihrer Konfirmation, was ihnen an ihrer Konfirmation wichtig ist, kommen erstaunlicher Weise, drei Dinge raus: An erster Stelle steht das Familienfest. Der Wunsch, den Segen zu empfangen, steht an zweiter Stelle. Erst an dritter Stelle werden Geldgeschenke genannt. Wertschätzung und Segen sind also besonders wichtig.

Wie vermittelt man die?

Jelinek: Wichtig ist die Gruppendynamik in einer Gemeinschaft. In diesem Zusammenhang geht es dann viel darum, miteinander Lebens- und Glaubensfragen zu beantworten und den Jugendlichen in schwierigen Lebenssituationen Halt zu geben. Denn die Pubertät, in der sich die jungen Menschen befinden, ist nicht immer einfach.

Und inhaltlich?

Jelinek:Natürlich werden noch das Vater unser, das Glaubensbekenntnis, die zehn Gebote gelernt. Die Zugänge haben sich verändert. Man setzt bei den Fragen der Jugendlichen an und stülpt ihnen keinen Lehrstoff über. Es kommt am Ende nicht darauf an, dass alles richtig gewusst wurde, sondern dass man verstanden hat, dass der Glaube trägt und dass man Gott und die Menschen im Blick hat. 

Zahl der Konfirmanden

 

Ist es in der heutigen schnelllebigen Zeit schwieriger, die Konfirmanden anzusprechen?

Jelinek: Es ist anders. Früher lief vieles über Frontalunterricht. Als ich konfirmiert wurde, gab es keine gemeinsamen Aktionen. Wir haben eine Konfirmandenmappe durchgearbeitet und nach der Konfirmation den Frankfurter Flughafen besucht. Letzteres war interessant, hatte aber nicht viel mit meinem Interesse an Kirche und Glaube zu tun.

Heute geht vieles über das Erleben und Projekte. Man geht geocachen, schaut sich Einrichtungen an und wird beteiligt, zum Beispiel an Gottesdiensten. Und nach der Konfirmandenzeit kann man Gruppenleiter werden. Da hört das Ganze also nicht abrupt auf, sondern die Teilhabe wird größer. Das ist für viele attraktiv.

Inwiefern?

Jelinek:Auch hier geht es um Wertschätzung. Unser Pfarrer hat mir zum Beispiel Verantwortung übertragen und mir zugetraut, im Kindergottesdienst mitzuarbeiten. Er hat sich regelmäßig Zeit genommen, damit wir biblische Texte für den Kindergottesdienst aufbereiten konnten. Den Jugendlichen etwas zuzutrauen, ist nach wie vor entscheidend. Sie wollen Verantwortung übernehmen und sitzen nicht nur ihre Zeit ab.

Und wenn die Konfirmationszeit vorbei ist, wie hält man die Jugendlichen?

Jelinek:Wir wollen ihnen Halt geben, aber sie nicht halten. In der Konfirmationszeit lernen die Jugendlichen im Kontakt mit Pfarrern und Jugendmitarbeitern in der Jugendarbeit etwas über Engagement. Das motiviert, weiter mitzuarbeiten. Sie bleiben dabei, weil es ihnen Spaß macht, aber auch, weil die Stimmung im Team gut ist und es ihnen für später etwas bringt.

Sie sprechen über Spaß, Beziehungen und Teilhabe. Welche Rolle spielt der Glaube?

Jelinek: Eine wichtige: Die Jugendlichen haben viele Fragen, die sich aus christlicher Sicht beantworten lassen. Zum Beispiel, hilft mir mein Glaube in schwierigen Situationen? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Was tut die Kirche für die Menschen? Es geht auch darum, wie Christen zu gesellschaftlichen Themen wie Rechtspopulismus stehen, und wie sie sich damit auseinandersetzen können.

2014 gab es noch 751 Konfirmationen im Kirchenkreis Kaufungen, in diesem Jahr waren es 497. Woran liegt das?

Jelinek:Wir hatten in den vergangenen Jahren geburtenschwächere Jahrgänge.

Gibt’s noch weitere Gründe?

Jelinek: Ja. Erst einmal ist Konfirmandenunterricht freiwillig. Der Hauptgrund ist eine große Wanderbewegung im Kirchenkreis. Im vergangenen Jahr haben wir 815 Mitglieder im Kirchenkreis durch Wegzug verloren. Das passiert zum Beispiel auch, wenn sich Familien trennen. Die Austritte sind dagegen weniger entscheidend, als man denken würde.

Zur Person: Carmen Jelinek 

Carmen Jelinek (58) hat in Göttingen, Basel und Heidelberg evangelische Theologie studiert. Sie arbeitete in Jerusalem an der Erlöserkirchengemeinde, im Vikariat in Petersberg bei Fulda und als Pfarrerin in Hessisch Lichtenau. Seit fast 20 Jahren ist sie Dekanin im Kirchenkreis Kaufungen und noch länger in der Rundfunkarbeit tätig. Jelinek ist mit einem Diplom-Agraringenieur verheiratet, mit dem sie besonders gern per Fahrrad in der Natur unterwegs ist. 

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