Auf der Jagd nach der schwarzen Acht

+
Hoch konzentriert: Nathalie Seichter sieht nur noch die beiden Bälle, die sie mit ihrem Queue anvisiert. Die 17-Jährige wurde jüngst holländische Vizemeisterin und startet demnächst bei den Europameisterschaften.

Baunatal. Wenn Nathalie Seichter an den Tisch tritt, dann ändert sich ihre gesamte Körperspannung. Das 17-jährige Mädchen, das eben noch über dies und das rumgekaspert hat, bewegt sich nun kontrolliert. Der Blick richtet sich konzentriert auf zwei der insgesamt 15 Bälle auf der leuchten blauen Fläche.

Kein Wunder. Die Baunatalerin gehört zu Europas besten Nachwuchsspielerinnen im Pool-Billard. Da geht es bei der Körperhaltung um Millimeter.

Jüngst hat sich Nathalie Seichter bei den Holländischen Meisterschaften in zwei von vier Disziplinen die Vizemeisterschaft gesichert. „Hätte ich den entscheidenden Ball nicht verschossen, hätte ich noch besser abgeschnitten“, sagt sie. Als Starterin für den holländischen Billard-Verband („da werde ich sportlich besser gefördert als in Deutschland“) hat sie sich für die Europameisterschaften der Damen im April in Nordzypern qualifiziert. „Es war auf jeden Fall sehr schwer“, sagt Nathalie.

„Keine Runden zahlen“

Durch den Vater sei sie vor rund sechs Jahren zum Pool-Billard gekommen. „Er wollte mir und meinem Bruder zeigen, wie ich später beim Billard in der Kneipe spielen soll, damit ich keine Runden zahlen muss.“ Fortan ließ die Großenritterin, die wegen der aus Holland stammenden Mutter die doppelte Staatsbürgerschaft besitzt, das Spiel mit den vollen und halben Bällen und der Jagd nach der schwarzen Acht nicht mehr los. „Ich habe am Anfang immer wieder den selben Ball gespielt“, erinnert sich Seichter an die ersten Versuche am Billardtisch mit den sechs Seitentaschen zurück.

Diese Beharrlichkeit stach ins Auge. Auch Landestrainer Michael Wahl sei das Talent aufgefallen, berichtet Mutter Sandra Seichter. Seit fünfeinhalb Jahren trainiert Nathalie bei der Billard-Union Kassel nun mit Wahl („einer der besten Trainer überhaupt“). Mit Erfolg: Inzwischen startet die Baunatalerin bei internationalen Turnieren - in Italien, Bosnien-Herzegowina und Schweden. „Weltspitze ist ein Ziel“, sagt die 17-Jährige selbstbewusst, aber trotzdem zurückhaltend.

Damit Nathalie weiterhin geerdet bleibt, muss sie ihre Flüge und Hotelrechnungen bei den Turnieren selbst bezahlen. Die Hälfte ihres Gehaltes , sagt die Mutter, gingen deshalb monatlich auf ein eigenes Konto. Die 17-Jährige ist im zweiten Jahr einer Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik im VW-Werk Kassel in Baunatal. Auch der Arbeitgeber unterstütze das sportliche Engagement der jungen Baunatalerin sehr, berichtet Sandra Seichter. „Sie bekommt für die Turniere immer frei.“

Nathalie ist an der Schwelle zur Profispielerin. Sie selbst habe sich zur Personal Trainerin ausbilden lassen, berichtet die Mutter. So könne sie bei ihrer Tochter für die sportliche Fitness sorgen, die für eine Spitzenspielerin unbedingt notwendig sei.

Ob Nathalie einmal von ihrem Sport leben kann, wissen die Seichters nicht. „Das kommt unter anderem auf die Sponsoren an“, sagt die Mutter. In China beispielsweise sei sehr viel Geld im Spiel. 60 Millionen Chinesen sähen bei den Begegnungen zu und wetteten.

Von Sven Kühling

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.