Spannende Ortsgeschichte: Der misslungene Versuch des Daniel Christmann, in Nieste eine Mühle zu bauen

300 Jahre lang Streit um Grenze

Kein Wasser für die Mühle: Vor 300 Jahren wollte Daniel Christmann an der Nieste eine Mühle errichten. Doch wegen Grenzstreitigkeiten scheiterte sein Vorhaben. Foto: nh

Nieste. Heute vor 300 Jahren, am 21. Juni 1712, starb der Niester Wirt Daniel Christmann im Alter von 56 Jahren. Er wurde in Oberkaufungen bestattet. Interessant für die Ortsgeschichte ist jener Daniel Christmann, weil er vergeblich versucht hatte, in Nieste die erste Mühle zu bauen.

Hintergrund war die Lage der Gemeinde Nieste im Einflussbereich zwischen Kassel und Braunschweig.

Christmann betrieb eine Wirtschaft auf den Jacobslägern, etwa dort, wo das Forsthaus Bunte Bock steht. Hier führte damals der Weg der Jacobspilger vorbei auf ihrem Weg nach Santiago de Compostela in Spanien. Aus alten Aufzeichnungen und Briefwechseln lässt sich die Geschichte seines gescheiterten Mühlenbaus nachvollziehen.

Es begann mit einem Streit um den genauen Verlauf der Grenze. Am 19. November 1710 beschreibt die Regierung in Kassel ihre Vorstellung über den Verlauf der Grenze. In dem Brief wird erwähnt, dass „In der Hecken bey dem Sängerhügel Mahlbäume (Grenzbäume, die Redaktion) gestanden haben, die aber verloren sind“.

Dass der Grenzstreit nicht gelöst war, zeigt der Fortgang der Geschichte. Daniel Christmann hatte das Baumaterial für seine Mühle herangeschafft. Doch der braunschweigische Rentmeister ließ das „hingeschleifte“ Baumaterial mit hundert aufgebotenen Bauern und 20 Wagen des nachts „de facto wegfuhren“.

Am 27. Februar 1713, Christmann war bereits gestorben, protestierte das Amt Kassel scharf beim Amt Münden gegen diesen Diebstahl. In der Antwort aus Braunschweig wird dem Müller Christmann vorgeworfen, „ohne vorherige Communication mit fürstlicher Regierung“ gehandelt zu haben.

In einem Schreiben des Amtes Münden vom 21. April 1713 heißt es: „An den grentz-hagen gewisse Steine gesetztet werden sollten, deren steine auf drey angeschaffet undt in der Niester Kirchen befindlich und woll selbige nicht hingesetzet.“

Offenbar versuchte man, sich gütlich zu einigen. In den Staatsarchiven Marburg und Hannover gibt es keinen weiteren Schriftverkehr über den Streit.

Christmanns Mühle wurde nie gebaut. Die Grenzstreitigkeiten gingen jedoch noch über Jahrhunderte weiter. Vor einem Jahr wurde der kuriose Grenzverlauf in Nieste, wo die Landesgrenze zwischen Hessen und Niedersachsen verwinkelt mitten durch den Ort führte, durch Gebietstausch mit der Gemeinde Staufenberg bereinigt. (hog)

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