Am 5. März 1933 stürmten braune Horden den Mehlhof in Ochshausen – 16 Sozialdemokraten wurden verhaftet

Vor 80 Jahren: Nazis schlugen zu

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Der Mehlhof in Ochshausen: In diesen Wohnhäusern wüteten die Nazis während ihres bewaffneten Überfalls am 5. März 1933.

Lohfelden. Vor 80 Jahren stürmten Nationalsozialisten den Mehlhof in Ochshausen. Der Überfall in der Nacht vor der Reichstagswahl am 5. März 1933 war ein Racheakt der Braunhemden von NSDAP und SA gegen Sozialdemokraten und ihnen nahestehende Einwohner.

„Gerade wegen unserer aktuellen Erfahrungen mit rechten Extremisten ist es wichtig, dass wir uns an den 5. März 1933 erinnern“, sagt Walter Reuter (83). Der langjährige SPD-Gemeindevertreter wird am Dienstag, 5. März, mit Kollegen der Geschichtswerkstatt Lohfelden über den Nazi-Überfall auf den Mehlhof berichten.

Für Augenzeugen und Angehörige ist der blutige Nazi-Überfall auf die Bewohner des Mehlhofs mit schrecklichen Erinnerungen verbunden: Schüsse und Schreie hallten durch die Nacht. Die Menschen flüchteten vor den Schlägern in ihre Wohnungen, auf Dachböden und Ställe oder entkamen in benachbarte Gärten. Kinder mussten mit ansehen, wie betrunkene SA-Leute ihre Mütter an die Wand stellten und Menschen brutal die Treppe herunterzerrten, sodass deren Köpfe auf jeder Stufe aufschlugen.

Prozess gemacht

16 Männer, unter ihnen führende Köpfe Ochshäuser Sozialdemokraten und Jungbannerleute, wurden verhaftet. Zwölf von ihnen verurteilte ein Sondergericht in einem politischen Prozess wegen Landfriedensbruch und Widerstand gegen die Staatsgewalt zu teilweise jahrelangen Haftstrafen.

Auch dem 28-jährigen Schreiner Wilhelm Range wurde die Racheaktion der Nazis gegen das als „rotes Ochshausen“ verschriene politische Milieu zum Verhängnis. Sein Sohn berichtete der HNA, dass sein Vater in jener Zeit der „Eisernen Front“ – einem Zusammenschluss der SPD mit den Gewerkschaften im Widerstand gegen die Nationalsozialisten – angehört habe und als Nachbar in den Überfall auf den Mehlhof hineingeraten sei.

In Ochshausen häuften sich schon vor der Reichstagswahl die Reibereien zwischen der SPD und den Nazis. Wahlplakate wurden überklebt oder abgerissen. Die Nazis waren entschlossen, die rote Bastion zu erobern, wollten im Vorfeld der Wahlen ein Zeichen setzen.

Am Morgen des 4. März gab es erste Zusammenstöße. Gegen Mitternacht fuhr der Kreisleiter der NSDAP mit drei Männern in Ochshausen ein. Später ließ er einen Lkw mit SA-Leuten nachkommen und marschierte mit ihnen zum Mehlhof, in dem überwiegend Sozialdemokraten wohnten.

Auch Mitglieder des sozialdemokratischen Jungbanners und des Gesangvereins waren auf das Anwesen geflüchtet. Die SA stürmte das Gebäude und eröffnete das Feuer. Ein SA-Führer wurde – wie nach Kriegsende nachgewiesen – von eigenen Leuten im Rücken getroffen. Beim Abtransport ins Gefängnis wurde ein 19-jähriger Ochshäuser durch einen Schuss in den Bauch verletzt. Trotz offenkundiger Widersprüche verurteilte das Sondergericht fünf Angeklagte zu je drei Jahren Gefängnis und sieben weitere zu acht Jahren Zuchthaus. Vier Angeklagte werden freigesprochen.

Für die Familien der Verurteilten bedeutete die Inhaftierung der Männer eine menschliche und wirtschaftliche Katastrophe. Ein Vater erhängte sich aus Verzweiflung über die Verhaftung seines Sohnes wenige Tage nach dem 5. März. Sieben der zwölf Verurteilten erlebten das Ende des Zweiten Weltkriegs nicht. HINTERGRUND / STICHWORT

Gedenkveranstaltung des SPD-Ortsvereins am Dienstag, 5. März, ab 17.30 Uhr vor dem Gebäude Mehlhofstraße 1/Ochshäuser Dorfstraße. Ab 18 Uhr informieren Mitarbeiter der Geschichtswerkstatt im Gasthof Rohde über die Ereignisse vom 5. März 1933.

Mehr über die Geschehnisse aus jener Zeit ist nachzulesen in dem Beitrag von Herbert Pinno „Ochshausen - 5. März 1933: Eine rote Bastion wird geschleift in „Kassel in der Zeit des Nationalsozialismus“, Band 2.

Von Hans-Peter Wohlgehagen

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