Vorreiter für ein Leben in Gemeinschaft

Kommune Niederkaufungen wird 25: Jeder ist sein eigener Chef

UliBarth

Kaufungen. Die neue Technik macht vieles bequemer. Drahtlose Computeranschlüsse ersparen Kabelsalat, mit Handy ist man jede Sekunde erreichbar. Dennoch ist das sogenannte „WLAN“ in der Kommune Niederkaufungen tabu, Mobiltelefone bleiben weitgehend ausgeschaltet.

Dabei sind die Kommunarden, die vor 25 Jahren einen Restbauernhof nahe der Losse gekauft und umgebaut haben, um eine alternative, ökologische und solidarische Lebens- und Arbeitsgemeinschaft zu gründen, keinesfalls technikfeindlich, sondern oft sogar Vorreiter: Der Fuhrpark aus Elektromobilen, das Blockheizkraftwerk, die Solaranlage auf dem Dach und vieles mehr zeugen davon.

Das ist nur scheinbar ein Widerspruch und eher ein Beispiel für das Funktionieren dieser Gemeinschaft: Entscheidungen werden nur im Konsens aller Kommunarden getroffen. Beim drahtlosen Telefonieren haben einige Bedenken wegen gesundheitlicher Gefahren. „Die Diskussion ist noch nicht zu Ende“, sagt Kommunardin Steffie Wilke. Ein richtiges Problem sei das aber nicht. Während in einem konventionellen Geschäftsbetrieb Debatten über das Für und Wider neuer Projekte häufig durch ein Machtwort der Chefs beendet werden, hat hier jeder Kommunarde eine gleich wichtige Stimme und er ist zugleich sein eigener Chef. Da ist Toleranz gefragt.

„Man muss bereit sein, sich infrage zu stellen und sich schwierigen Diskussionen auszusetzen. Entscheidungen, die nicht von allen getragen werden, tragen nicht zum sozialen Frieden bei“, sagt Wilke. Selbstdarsteller sind in der Kommune nicht gefragt. Verlust und Gewinn eines neuen Projekts werden niemals nur in barer Münze berechnet.

In der Kommune ist nicht nur die Hierarchie zwischen Chef und Untergebenen aufgehoben, sie praktiziert auch einen Gegenentwurf zur etablierten Gesellschaft.

„Wir erbringen den Beweis, dass man anders leben kann“, sagt Wilke. Dazu gehört, dass alle in einen Topf wirtschaften, auch diejenigen, die außerhalb der Kommune arbeiten. Jeder bringt sein Vermögen in die Gemeinschaft ein. Jede Arbeit ist gleich viel wert.

„Bei uns hat jeder Zugriff auf die Kasse“, sagt Uli Barth. Er ist Gründungsmitglied der Kommune. Der 58-jährige gelernte Bauingenieur kümmert sich nicht nur um das Geld und die Verwaltung, sondern hilft auch in der Gemeinschaftsküche aus.

Solidarität wird ohnehin in jeder Lebenslage großgeschrieben.

Das gilt für die gemeinsame Kinderbetreuung und ein Patensystem, die es den Eltern leichter als in Kleinfamilien machen, ihren Alltag flexibel zu gestalten. Das heißt nicht, dass konventionelle Lebensentwürfe tabu sind: Barth ist seit 30 Jahren verheiratet.

„Bei uns hat jeder Zugriff auf die Kasse.“

Das Solidarprinzip hilft auch in Notlagen: Als ein Handwerker der Kommune einen Schlaganfall erlitt, habe man zusammengelegt und einen behindertengerechten Umbau eines Autos finanziert, damit der Mann wieder eine Arbeit aufnehmen konnte, erzählt Barth.

Für solche und ähnliche Härtefälle ist die gemeinsame Kasse auch gedacht. Transparenz schützt vor Missbrauch: Entnahmen müssen genau dokumentiert und begründet werden, vor allem wenn sie den Betrag von 150 Euro überschreiten.

25 Jahre Kommune Niederkaufungen

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