Alterskrankheit Demenz

Besuch in der Kaufunger Tagespflege Lossetal: „Er ist und bleibt mein Mann“

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Seit fast 60 Jahren verheiratet: Fritz und Margitta Haupt (beide 79). Fritz Haupt wird aufgrund einer Demenzerkrankung seit 2015 in der Tagespflege Lossetal Kaufungen betreut. Seine Frau Margitta ist für das Gespräch mit der HNA zu Besuch.

Kaufungen. Demenz ist eine Alterskrankheit, die immer häufiger auftritt, weil die Menschen immer älter werden. Wir haben mit einer Angehörigen und Experten darüber gesprochen.

Heute wollen sie ihren Rekord brechen: Mehr als 20 Mal wollen sich neun Senioren und der Tagespflegemitarbeiter Jona Königes den gelben Luftballon zuspielen, bevor er zu Boden fällt. Keine leichte Aufgabe, denn die älteren Herrschaften sind an verschiedenen Demenzformen erkrankt – manche haben motorische Einschränkungen, manche nehmen den Ballon nicht mehr richtig wahr, wieder andere der Senioren in der Tagespflege Lossetal scheinen topfit zu sein.

Einer von ihnen ist der Kaufunger Fritz Haupt, der auf seinem Lieblingsplatz – einem grünen Sessel – sitzt. Seine Augen sind geschlossen, so, als würde er schlafen. Als plötzlich der Ballon in seine Richtung fliegt und Königes seinen vollen Namen ruft, gehen Haupts Augen schlagartig auf, sein rechter Arm schnellt in die Luft und trifft den Ballon. Das erste und letzte Mal in diesem Spiel. Er schließt die Augen, atmet tief.

„Vor fünf Jahren haben wir die Krankheit bei meinem Mann Fritz entdeckt“, sagt seine Frau Margitta Haupt. Die Krankheit heißt Vaskuläre Demenz. Das heißt, dass mehrere kleine Schlaganfälle Durchblutungsstörungen in Haupts Gehirn ausgelöst haben. Reaktionsstörungen beim Autofahren, so hat es angefangen. Haupt war einst als Systemberater für VW tätig und ständig im Auto unterwegs.

Heute kann der 79-jährige Haupt nicht mehr allein laufen, nicht mehr sprechen, braucht Hilfe beim Stuhlgang, beim Essen und hat mit fünf den höchsten Pflegegrad. „Anfangs hat mich seine Krankheit schwer belastet. Heute akzeptiere ich es, denn ich kann es nicht ändern“, sagt Margitta Haupt. „Fritz ist und bleibt mein Mann.“ Wichtig für sie ist, ihm ein würdevolles Leben zu geben. Und da kommt die Tagespflege Lossetal ins Spiel: „An vier Tagen in der Woche wird er hier von morgens bis spät nachmittags versorgt“, so die ebenfalls 79-Jährige. 

In der ersten Zeit konnte sie ihn noch selbst pflegen, „dann reichten aber meine Kräfte nicht mehr.“ Seit August 2015 kommt er regelmäßig in die Niederkaufunger Pflegeeinrichtung. „Ich bin natürlich traurig darüber, dass es Fritz so geht, wie es ihm geht. Aber gleichzeitig bin ich sehr glücklich darüber, dass er hier sein kann. Das ist wie ein Sechser im Lotto“, sagt Haupt. „Denn hier fühlt er sich wohl.“ Woran sie das merkt? „Er lächelt schon, wenn er morgens vom Tagespflegepersonal abgeholt wird, gerade so, als würde er seinen Sohn oder seine Enkel sehen.“

Die Abende, die Nächte und drei volle Tage in der Woche verbringt er zuhause. „Ohne meinen Sohn und meine Schwiegertochter wäre das nicht möglich. Sie helfen mir sehr.“ Auch die Selbsthilfegruppe Barke, die sie einmal im Monat besucht, sei ihr eine große Stütze und mache Mut. Denn das Leben geht weiter. „Nächstes Jahr im April feiern wir Diamantene Hochzeit“, sagt Margitta Haupt ein wenig stolz. „Das wollen wir natürlich feiern, wenn auch im kleinen Rahmen.“

Den Rekord beim Ballonspiel brechen die neun Senioren übrigens – 40 Mal schaffen sie. „Donnerwetter“, sagt eine Dame, die sonst kein anderes Wort mehr spricht. Freude in der Runde: Es ist das erste Mal, dass sie heute etwas gesagt hat.

„Angehörige holen sich zu spät Hilfe“

Angehörige Pflegende warten oft zu lange, bis sie sich für ihre dementen Eltern oder Verwandten ausreichend pflegerische Hilfe holen. Auch versorgen Angehörige die zu Pflegenden oft allein zuhause – und reiben sich dabei auf. Das teilt Kathrin Stein, Mitarbeiterin der Tagespflege Lossetal, mit. „Viele holen sich erst Hilfe, wenn das System daheim schon überlastet ist.“ 

Das heißt konkret: Die Menschen sind psychisch und körperlich so stark strapaziert, dass sie sich kaum noch regenerieren können, auch wenn ihre erkrankten Angehörigen nun mit pflegerischer Unterstützung behandelt werden. Teils wird die Krankheit aber auch gar nicht erst diagnostiziert: „Der Trend geht dahin, dass die Demenz einfach auf das Alter geschoben wird und die Menschen im sozialen Gefüge, also ihren Familien, mitgezogen werden“, sagt Prof. Dr. Martin Ohlmeier. Der Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Kasseler Ludwig-Noll-Krankenhaus unterstreicht, dass in einigen Fällen Einschränkungen erst dann erkannt würden, wenn wegen einer anderen Sache ein Arztbesuch anstehe. Das sei für Pflegende und Erkrankte problematisch. 

Die Erkrankten bräuchten Behandlung. „Warten die Angehörigen zu lange, kann es passieren, dass auch sie in Behandlung müssen, nämlich wegen einer Depression.“ Das wiederum sorge auch bei den Erkrankten für Probleme: Kommen sie verspätet beispielsweise in die Tagespflege, ist die Demenz laut Stein möglicherweise schon so weit fortgeschritten, dass sie sich nicht mehr an ihre Umgebung gewöhnen können. Die Krankheit hat dann bereits zu viel kaputt gemacht. „Dann sind die Menschen vielleicht drei bis fünf Monate bei uns in der Tagespflege und müssen doch in die Vollzeitpflege, die ihre Angehörigen ja eigentlich vermeiden wollten“, sagt Stein. 

Schließlich könnten sich die Angehörigen nicht mehr im notwendigen Umfang kümmern, auch nachts nicht. Komme dagegen die Demenz-Diagnose früher, und damit auch Entscheidung, die Angehörigen zum Beispiel in die Tagespflege zu geben, sei die Belastungsgrenze noch nicht ausgereizt. „In einigen Fällen müssen die Erkrankten dann gar nicht in die Vollzeitpflege, weil die pflegerischen Strukturen und die Kräfte der Angehörigen ausreichen, um die Menschen zu versorgen“, erklärt Stein. 

Auch der Fall von Fritz Haupt zeigt laut der Tagespflege-Mitarbeiterin, dass es von Vorteil sei, die erkrankten Angehörigen bereits frühzeitig an eine pflegerische Umgebung wie die Tagespflege zu gewöhnen und sich pflegerische Hilfe zu holen. „Dann stellt sich bei dementen Menschen schneller eine Routine ein, die ihnen hilft, ihren Alltag zu bewältigen“, so Stein. Außerdem werde so das Leben von Frau Haupt ungemein erleichtert. 

Verschiedene Formen von Demenz

„Der Hauptrisikofaktor für Demenz ist das Alter“, sagt Prof. Dr. Martin Ohlmeier. Da die Deutschen im Schnitt immer älter werden (Männer werden im Schnitt 78, Frauen 83 Jahre alt), steige auch das Risiko, an Demenz zu erkranken. „Rund ein Prozent der ab 65-Jährigen erkranken, bei den 80-Jährigen sind es schon über 13 Prozent. Bei ab 90-Jährigen sind bereits 34 Prozent betroffen.“ Der Mammutanteil der Erkrankungen mit rund 60 Prozent ist die Alzheimer-Demenz. „Die kommt durch Verklebungen von Proteinen im Gehirn zustande“, so Ohlmeier. 

Die zweithäufigste Form ist die vaskuläre Demenz, bei der kleine Venen im Gehirn durch Ablagerungen verstopft werden und das Gehirn nicht mehr genügend durchblutet wird. Ohlmeier erklärt: „Dabei handelt es sich um eine Wohlstandserkrankung, die durch zu fett- und zuckerreiche Ernährung, das Rauchen, aber auch zu wenig Bewegung hervorgerufen wird.“ Die ersten Anzeichen einer Demenz sind meist Merkfähigkeitsstörungen. Ohlmeier rät, schnellstmöglich den Hausarzt aufzusuchen, wenn diese auftreten. „Das kann auch schon ab dem 50. Lebensjahr der Fall sein.“ Der Allgemeinmediziner könne entscheiden, ob eine weitere Untersuchung durch einen Psychologen oder Psychiater notwendig ist.

Bewegung und Gedächtnistraining

15 Plätze bietet die Tagespflege Lossetal in Kaufungen. Montags bis freitags von 8.30 bis 16.30 Uhr sind vier Mitarbeiter für die Gäste da. Die Einrichtung am Kirchweg 3 setzt auf feste Strukturen. Im Fokus stehen Methoden wie biografisches Arbeiten, Gedächtnis- und Orientierungstraining sowie Bewegungsspiele und Spaziergänge. Die Tagespflege gehört zur Kommune Niederkaufungen.

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