Reportage aus dem Frauengefängnis Kaufungen

Weihnachten im Frauen-Knast: Geschenke sind nicht erlaubt

Bei der Arbeit: In der Näherei der JVA Kaufungen stellen die inhaftierten Frauen neben Kleidung für männliche Häftlinge in Hessen unter anderem auch Schürzen her. Unser Bild zeigt die Leiterin des Werkbetriebs Edeltraud Ernst (links) mit einer der Insassinnen. Fotos: Zgoll

Kaufungen. Im Frauengefängnis in Kaufungen sitzen zurzeit acht Häftlinge ihre Strafe ab. Geschenke zu Weihnachten sind nicht erlaubt - aus Sicherheitsgründen.

Blick in einen Haftraum: Die Einrichtung ist karg und zweckmäßig.

Wäre es kein Gefängnis, dann könnte man sich richtig wohlfühlen in dem schönen alten Haus an der Leipziger Straße in Kaufungen. Mitten im Ort steht die Zweiganstalt Kaufungen der Justizvollzugsanstalt Kassel (JVA) und fällt kaum auf. Erst bei genauerem Hinsehen entdeckt man die Zäune, den Stacheldraht und ein paar Kameras im Außenbereich, die darauf schließen lassen, dass es sich hier um kein normales Haus handelt.

Am Empfang muss ich den Personalausweis abgeben. Mein Handy darf ich auch nicht mitnehmen - ein mulmiges Gefühl beschleicht mich. Jörg-Uwe Meister, Leiter der JVA Kassel I, Vollzugsabteilungsleiter Kurt Berghöfer und der Justizvollzugsbeamte Thomas Rudolph führen mich durch die Einrichtung. Um zu den Gefangenen zu kommen, überqueren wir den Freistundenhof.

Eine Stunde Hofgang 

Auf diesem etwa 20 mal 30 Meter großen Platz dürfen die Frauen täglich eine Stunde unter freiem Himmel verbringen. Er ist von Mauern umgeben. Sie sind bemalt und zeigen eine schöne grüne Landschaft, blauen Himmel, ein paar Menschen - und den Slogan „Keine Macht den Drogen“. Diese Wände verheißen Freiheit und zeigen gleichzeitig, wie steinig der Weg dorthin sein kann.

Rudolph öffnet eine große, schwere Eisentür zum Arbeitsraum. An seinem Bund hängen viele Schlüssel, die bei jeder Bewegung klappern und mir immer wieder in Erinnerung rufen, dass ich mich gerade in einem Gefängnis befinde. Vier Frauen sitzen dort hinter ihren Nähmaschinen und nähen Arbeitshosen für männliche Häftlinge in Hessen. An fünf Tagen die Woche arbeiten sie von sieben Uhr morgens bis 15.30 Uhr nachmittags. Dafür bekommen sie 160 Euro im Monat. Nach der Arbeit wird geprüft, ob alle Scheren, die am Morgen ausgegeben wurden, wieder an ihrem Platz sind. Erst dann dürfen die Frauen ihren Arbeitsplatz verlassen.

Gitterstäbe vor den Fenstern 

Danach haben sie Zeit für einen Gang im Hof oder für Sport im gut ausgestatteten Fitnessraum. Ab 17.45 Uhr ist Umschluss. In dieser Zeit können sich die Häftlinge gegenseitig besuchen und Zeit miteinander verbringen. Um 19.45 Uhr ist Schluss - genauer gesagt Einschluss. Dann werden die Frauen für den restlichen Abend und die Nacht in ihren Hafträumen eingesperrt. So eine Gefängniszelle misst zwölf Quadratmeter und ist mit Bett, Schrank, Kommode, Waschbecken, Toilette, Kühlschrank und Fernseher karg und zweckmäßig ausgestattet. Die Wände sind farbig gestrichen, und wären nicht die Gitterstäbe vor dem Fenster und die verschlossene Eisentür mit Spion, könnte man sich ebenso gut in einer Jugendherberge der älteren Generation befinden.

Eine der acht derzeit Inhaftierten hat ihre Strafe gerade erst angetreten. Die 52-Jährige möchte ihren Namen nicht nennen. Sie ist zum ersten Mal in Haft und seit einer Woche in Kaufungen. „Ich habe Waren im Internet bestellt und nicht bezahlt“, erzählt die Nordhessin. Sechs Monate müsse sie wegen Betrugs absitzen. Vor ihrer Haftstrafe war sie berufstätig, hat draußen Mann und Kinder. „Klar bereue ich, was ich getan habe“, sagt sie. Natürlich sei sie nicht gern im Gefängnis - vor allem nicht zur Weihnachtszeit. Aber es sei richtig, dass sie die Konsequenzen ihres Handelns tragen muss. „Ich bin selbst schuld. Strafe muss sein.“ Sie ist froh, dass sie arbeiten kann. „Sonst würde mir die Decke auf den Kopf fallen“, sagt sie.

Weihnachten im Knast: Geschenke sind nicht erlaubt

Gegen die Einsamkeit an Weihnachten wird gemeinsam gebacken, gespielt, genäht, ferngesehen und Sport getrieben. Über die Festtage haben die inhaftierten Frauen viele Möglichkeiten, sich zu beschäftigen. Die Schließzeiten werden an diesen Tagen ein wenig ausgeweitet. Auch für weihnachtliche Stimmung ist gesorgt: Der Gemeinschaftsraum ist geschmückt, ein Weihnachtsbaum ist aufgestellt.

„Manche verbringen hier ein ruhigeres und schöneres Weihnachtsfest als draußen“, erzählt Thomas Rudolph. Dort habe es gerade beim Fest der Liebe oft Probleme und Streit gegeben. Auf Geschenke von Familie und Freunden müssen die Häftlinge verzichten. „Das ist aus Sicherheitsgründen nicht möglich“, erklärt Anstaltsleiter Jörg-Uwe Meister.

Denn bei aller Harmonie ist auch Vorsicht gefragt. Das weiß Thomas Rudolph nur zu gut. Der Justizvollzugsbeamte arbeitet schon seit 35 Jahren in seinem Beruf. In der JVA Kassel-Wehlheiden wurde er von einem Häftling angegriffen. Und auch im Kaufunger Gefängnis ist es schon zu Übergriffen gekommen. So wurde im Jahr 2010 eine Justizvollzugsbeamtin bei einem Fluchtversuch von zwei Insassinnen überwältigt und mit einer Scherbe bedroht. „Es gibt durchaus Situationen in diesem Beruf, die einen an die eigenen Grenzen bringen“, sagt Rudolph. Ob er denn keine Angst habe, frage ich ihn. „Angst muss man haben. Sie dient dem eigenen Schutz“, sagt er. (nis)

Frauengefängnis mit 33 Haftplätzen 

Die heutige Zweiganstalt Kaufungen (JVA Kassel III) wurde in der Zeit von 1912 bis 1914 als Amtsgericht Oberkaufungen erbaut. 1916 wurde das dazugehörige Gerichtsgefängnis in Betrieb genommen. In der Zeit von 1945 bis 1948 diente es der amerikanischen Besatzung als Verwaltungsgebäude. Ende 1948 wurde das Amtsgericht Kaufungen wieder in Betrieb genommen und aus dem damaligen Gerichtsgefängnis entstand eine Jugendarrestanstalt.

Sie wurde im Jahr 2000 aufgelöst, das Gebäude umgebaut und 2001 als Frauengefängnis neu eröffnet. Seit Januar 2010 gehören die Abteilung in Kaufungen für den geschlossenen Vollzug für Frauen und die Abteilung des offenen Vollzuges in Baunatal der JVA Kassel I (Wehlheiden) an.

Von den 33 Haftplätzen sind derzeit nur acht belegt. Der überwiegende Teil der inhaftierten Frauen hat Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, Betrugs- und Eigentumsdelikte begangen. In der Einrichtung sind 22 Mitarbeiter auf 19 Stellen beschäftigt. 60 Prozent der Belegschaft sind Frauen.

Von Nicole Schippers

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