Historikerin hat recherchiert

Buch enthüllt: Nazis setzten Pfarrer in Kaufungen unter Druck

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Publizierte Ortsgeschichte: Vor der fast 1000 Jahre alten Oberkaufunger Stiftskirche, der ehemaligen Wirkungsstätte von Pfarrer Friedrich Junghans, präsentiert Autorin Barbara Orth ihr jüngstes Werk.

Kaufungen. Die Kaufunger Historikerin Barbara Orth hat durch umfangreiche Recherchen vieles über die Kirche in Kaufungen während der Nazi-Zeit zutage gebracht.

Daraus hat sie jetzt ein Buch geschrieben. Unter anderem geht es darin um den massiven Eingriff der Parteigenossen in die kirchliche Arbeit. Der damalige Pfarrer Friedrich Junghans, der bis 1933 Pfarrer in der Kasseler Martinskirche war, wollte weg von Kassel und wurde ins ländliche Kaufungen versetzt. Seine Beweggründe listet die Autorin ebenso detailliert auf, wie seine ersten Eindrücke bei der Ankunft auf dem Bahnhof in Oberkaufungen.

Junghans wurde Pfarrer für Ober- und Niederkaufungen und hatte unter den Repressalien der Nazis zu leiden. Nach der Machtergreifung wurden gleich sieben der insgesamt zwölf Mitglieder des Kirchenvorstandes von der Partei eingesetzt. Mit provozierenden Parallelversammlungen zum sonntäglichen Gottesdienst störten die Parteigenossen oder die Hitlerjugend. Auf der Kirche musste statt der Kirchenfahne die Reichsflagge gehisst werden.

Die Pfarrei-Chronik berichtet über die innerörtlichen Probleme mit dem damaligen Ortsgruppenleiter, der auch dafür sorgte, dass es Verhaftungen gab, weil die Kirchengemeinde außerhalb des Gotteshauses Geld gesammelt hatte. „Pfarrer Junghans war ein aufrichtiger und charakterstarker Mensch, der unseren Respekt verdient“, resümiert Orth über den Geistlichen, der 1948 in Ruhestand ging und 1952 in Witzenhausen im Alter von 72 Jahren verstarb.

Dokumente übersetzt: Viele Stunden hat Barbara Orth in Archiven verbracht und alte Schriftdokumente transkribiert, wie hier die Diakonie-Tagebücher aus der NS-Zeit, die heute im Landeskirchlichen Archiv aufbewahrt werden.

Das Kaufunger Regionalmuseum hat sich nicht nur durch seine umfangreiche historische Sammlung geschichtlicher Exponate einen Namen erworben, sondern auch durch eine Vielzahl von ortsgeschichtlichen Publikationen.

Diese wurden jetzt durch das Werk „Die Evangelische Kirchengemeinde Kaufungen in der nationalsozialistischen Zeit“ von Barbara Orth ergänzt. Die gebürtige Hersfelderin, die vor mehr als 30 Jahren in Oberkaufungen eine neue Heimat fand, hat das über 70 Seiten umfassende Buch jetzt veröffentlicht.

„Ich wurde von der Kaufunger Museumsleiterin Ulla Merle gefragt, ob ich eventuell Führungen im örtlichen Regionalmuseum übernehmen würde. Da ich jedoch viel lieber am Schreibtisch tätig bin, bat ich sie, mir ein Thema zu geben, an dem ich arbeiten kann“, erklärt die studierte Historikerin.

Es waren die Diakonissen-Tagebücher, die in deutscher Schrift geschrieben und transkribiert werden sollten, damit sie jedermann lesen kann. Diakonissen waren Gemeindeschwestern, die bis in die 1960er-Jahre in den Kommunen arbeiteten und deren Tätigkeiten später von den Sozialstationen übernommen wurden. „Ich hatte keine Ahnung, was auf mich zukommen würde“, sagt die Autorin. Die verhaltenen Einträge der Diakonissen in Bezug auf die Nationalsozialisten veranlassten sie zum nächsten Schritt, die teilweise Transkription der ebenfalls in deutscher Schreibschrift verfassten Pfarrei-Chronik. „Sie brachte Überraschendes zutage“, erinnert sich Barbara Orth. Nach rund 18-monatigen Recherchen in den Hessischen Staatsarchiven Marburg und Wiesbaden, der Murhard´schen Bibliothek, dem Landeskirchlichen Archiv, dem Pfarr- und Gemeindearchiv sowie Gesprächen mit Zeitzeugen entstand das Zeitdokument .

Das Buch ist unter der ISBN Nummer 978-3-7376-5039-7 in allen Buchhandlungen zum Preis von 9,80 Euro erhältlich.

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