Eine Woche voller Herausforderungen

Experiment: Einen Tag ohne Müll, ohne Muttersprache oder einfach nur Ja sagen

Für das Projekt "medien@schule" haben zwei Zehntklässlerinnen der Söhre-Schule Lohfelden sich eine Woche jeden Tag einer neuen Herausforderung gestellt. Ihre Erfahrungen.

Für das Experiment haben sich Lily und Hanna eine Woche lang jeden Tag einer neuen Aufgabe gestellt und versucht, diese zu meistern. Ein Alltagsfrühjahrsputz sozusagen. 

Montag: Ja sagen 

Lily: Um 16 Uhr muss ich bei meiner Chorprobe sein. Meine Mutter fragt mich, ob ich heute mal mit dem Bus zur Probe fahren kann, was bedeutet, dass ich nicht zwanzig Minuten, sondern eine knappe Stunde für den Weg brauche. Begeisterung. Ich antworte mit „Ja“ und habe jetzt schon keine Lust mehr auf das heutige Thema. Okay, ich habe also noch drei Stunden bis ich los muss. Ich könnte meine Lieblingsserie weitergucken. Das klingt nach einer guten Idee. Eine halbe Folge später klingelt mein Handy. Eine Freundin ist verzweifelt und braucht Hilfe bei den Matheaufgaben. Ich verbringe die nächsten zwei Stunden mit Exponentialfunktionen und bin erleichtert, als sie es endlich verstanden hat. Ich habe noch genug Zeit, die angefangene Folge zu Ende zu schauen und mache mich danach auf den Weg zur Bushaltestelle. 

Im Bus treffe ich eine alte Freundin, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe. Wir unterhalten uns über dies und das und verabreden uns. Somit hatte das Busfahren doch noch etwas Gutes. Nach zweieinhalb Stunden Probe bin ich echt müde und will nur noch in mein Bett. Ich schaue auf mein Handy und habe sieben Whatsapp-Nachrichten von einer meiner besten Freundin. Sie hat sich anscheinend unsterblich verliebt und braucht seelischen Beistand. Ich mache mich also auf den Weg zu ihr. 

Den Rest des Tages bin ich damit beschäftigt mir von einem Jungen, den ich nicht kenne, vorschwärmen zu lassen während furchtbar kitschige Liebeslieder im Hintergrund laufen, noch viel kitschigere Filme zu gucken und eine Strategie auszuarbeiten, wie sie nun an ihn rankommen würde. Es ist echt lustig geworden und ich bin froh, dass ich mich nicht für mein Bett entschieden habe. 

Hanna: Nur ja zu sagen ist nichts, was mir schwer fallen dürfte, im Gegenteil, ich hatte schon immer Probleme damit, nein zu sagen. Aber auch, wenn es so gesehen vielleicht kontraproduktiv für meine kleine Perfektionistenpsyche ist, verspreche ich mir selbst, mich daran zu halten. 

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Kann ja nicht so schwer sein, einen Tag mal ja zu sagen. Ich glaube meine Mutter versteht ziemlich schnell, was heute meine Aufgabe ist, denn nach dem Frühstück habe ich mich bereits dazu verpflichtet mich um den Einkauf und den Kuchen für nachmittags zu kümmern, obwohl ich eigentlich anderes vor hatte. Sie scheint gute Laune zu bekommen, wären meine sinkt. 

Vormittags stehe ich also wie versprochen im Supermarkt vor einem Werbeschild für Joghurt gegen Darmprobleme und obwohl ich meinen Darm sehr gerne mag und er auch tadellos funktioniert, kaufe ich eine Packung, allein, weil die Werbung geradezu nach einem ja geschrien hat. Ich gebe es zu, vielleicht war es auch Trotz... 

Der Nachmittag verläuft planmäßig mit Großeltern, seltsamen Gesprächen und jeder Menge Kuchen für mich, weil ich dreimal gefragt werde, ob ich nicht noch ein Stück möchte. Ich möchte nicht, ich sage ja. Abends bin ich fertig mit der Welt, morgen wird mein Nein-Tag, das habe ich gerade beschlossen, ein fairer Ausgleich. Das erste was ich aus dem Kühlschrank fische ist der Entstopfungsjoghurt, er schmeckt gut, ist doch auch was.

Dienstag: Ohne Muttersprache 

Lily: Hello. Also heute ohne Deutsch. Latein kann ich zwar halbwegs lesen, aber nicht sprechen wobei mich eh niemand verstehen würde. Meine Französisch- und Spanischkenntnisse begrenzen sich darauf, dass ich mich mit meinem Namen und Alter vorstellen kann, ich bleibe heute wohl bei Englisch. 

Ich mache mich mit dem Bus auf den Weg in die Stadt und kaufe meine Fahrkarte auf Englisch. Der Fahrer hat mich wohl nicht richtig verstanden. Ich habe ein Gruppenticket bekommen. Egal. In der Stadt angekommen treffe ich mich mit einer Freundin. Wir setzen uns in ein Café. Damit ich mir nicht komplett blöd vorkomme, macht sie mit. Wir bestellen und unterhalten uns auf Englisch. 

Erst beim Bestellen bemerke ich, dass ich keine Ahnung habe ob es für „Stracciatella Eis“ eine vernünftige Übersetzung ins Englische gibt und ich versuche es mit einem sehr komisch betonten „Stracciatella Ice“. Die Bedienung versteht mich zum Glück und ich bekomme mein Eis. 

Danach machen wir uns auf den Weg zum Kino. Mir fällt auf, dass viele Menschen der Meinung sind, jemand der Englisch spricht versteht Deutsch besser, wenn man lauter und langsamer mit ihm redet. Naja, nach fünf Minuten Englisch-Deutschgemisch haben wir unsere Karten bekommen und einen Lachflash gratis dazu. Um nicht noch später zum Film zu kommen beschließen wir, dass meine Freundin das Popcorn alleine holt. 

Während der Werbung unterhalten wir uns darüber, warum die Leute an der Kinokasse es eigentlich nicht für nötig hielten, zwei englischsprechenden Mädchen zu sagen, dass die Filme nur auf Deutsch laufen. Egal, wird schon seine Gründe haben. Nach dem Film fahre ich nach Hause und befinde den Tag für ganz gut gelungen. Ich habe meine englische Aussprache trainiert und hatte gleichzeitig einen lustigen Tag. 

Hanna: Ich stelle mich dieser Herausforderung mit Widerwillen Als überzeugte Fremdsprachenidiotin habe ich das Gefühl, diesen Tag dringend im Bett verbringen zu müssen. Trotzdem ringe ich mich heute Morgen dazu durch aufzustehen und mache mir zur Feier des Tages ein klassisches English Breakfast mit einer Dose Beaked Beans, die nach einem Blick auf die Dose und natürlich nach den Verzehr offensichtlich schon seit zwei Jahren abgelaufen ist. Geschmeckt hat's trotzdem. 

Meine Eltern sind überrascht über mein freundliches Salut am Frühstückstisch, als ich ihnen Lily und mein Selbstexperiment erläutere müssen sie beide lachen, ich sehe, meine Sprachkünste müssen sehr überzeugend sein. Am Nachmittag fahre ich mit dem Bus in die Innenstadt, schiebe mich mit einem "Excuse me" an dem Schrank vor, der vor der Schiebetür steht und danke Gott im Stillen niemanden getroffen zu haben, den ich kannte. 

Beim Bäcker vergesse ich spontan, was ich sagen wollte, weshalb ich einfach bloß dümmlich auf die Scheibe tippe und Croissant murmele. Ob das als Französisch durchgeht ist fraglich, aber wenigstens schmeckt es. 

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Beim Tanzen scheitere ich das erste Mal an einer Aufgabe und bekomme einen so heftigen Lachanfall, dass mein Kopf röter ist als mein Haar und ich Tränen in den Augen habe. Ich erinnere mich noch gut, als meine Mutter meiner französischen Austauschschülerin Apfelsaft mit den Worten "Pommes de terre" anbot, daher muss ich wohl meine Begabung haben. Ich beschließe für den Rest des Tages die Klappe zu halten und es beim lauten mitsingen von guten englischen Songs zu belassen.

Mittwoch: Ohne Müll 

Lily: Ich habe nichts mehr zum Essen zuhause und muss mich nun der Herausforderung stellen, ohne auch nur das kleinste bisschen Müll zu produzieren, einzukaufen. Nichts leichter als das. Zum ersten Mal in meinem Leben überlege ich vorher, was genau ich wirklich dringend brauche. Es ist zum Glück nicht sehr viel. Brötchen, Wasser und etwas Käse. Da mir keine Möglichkeit einfällt, Wasser außerhalb der Flaschen zu transportieren, muss ich für heute wohl mit Leitungswasser vorlieb nehmen. Ich mache mich also mit zwei Brotdosen und einer Stofftüte bewaffnet auf den Weg zum Bäcker und zum Supermarkt. 

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Ich weiß nicht ob der Blick der Verkäuferin, die mir sehr verwirrt die Brötchen in meine mitgebrachte Brotdose packt, oder die Blicke der Leute, die hinter mir stehen, komischer sind. Ich fühle mich wie eine Außerirdische und will am liebsten im Boden versinken. Im Supermarkt nehme ich einen Smoothie mit Bananen-Apfelgeschmack aus dem Kühlregal. Verpackt. Also Müll. Ich stelle ihn zurück und nehme mir Bananen und Äpfel mit. An der Käsetheke scheitere ich fast an meiner Aufgabe, da „aus hygienetechnischen Gründen die Ware nur in Plastik eingewickelt über die Theke gegeben werden darf“. Ich finde einen Mittelweg. Ich packe den Käse in meine Brotdose um und lege das hygienetechnisch gute Plastik wieder auf die Theke. Zwar immer noch Müll, aber genau genommen habe ich ja nichts weggeschmissen. 

Zuhause mache ich mir selbst einen Apfel-Bananensmoothie und esse mein Käsebrötchen. Ganz ohne Müll. 

Hanna: Ein Tag ohne Müll und ich sehe mich meiner ersten wirklichen Herausforderung gegenüber. Ich bin ein Kreativmensch und als solcher ist es mir praktisch vorherbestimmt, zu schnipseln und zu kleben, da gibt es eben Müll. Manchmal erzählt meine Mutter mir noch immer, wie sie den Papiermüll immer verstecken musste, als ich noch kleiner war, weil ich sonst alles verbastelt hätte. Hätte ich nicht so gute Manieren, ich würde es heute noch immer tun. 

Ich bin fast den ganzen Tag unterwegs, ich habe Ferien und meine Familie und ich fahren nach Rothenburg. Es ist ziemlich toll, und ich beschließe, dass ich erstens, sollte ich kurz davor sein zu sterben, bitte in diese Weihnachtswelt dort gebracht werden will und zweitens den Asiaten hinter der Kamera, der mir schon den ganzen Tag über den Weg läuft, für eine gute Freundin mitnehmen sollte, er hätte Boyband-Potential. 

Das mit dem Müll ist einfacher als erwartet, ich esse ein Eis und falte aus der Serviette einen Schmetterling, den ich mir ins Haar klemme. Man muss sich eben zu helfen wissen. Am Ende des Tages bin ich ein Buch und viele Papierschmetterlinge reicher. Jaja, so ganz zählt es wohl nicht, aber mein Wille war da! Und manchmal ist schummeln ja auch nicht ganz so schlimm, meine Mutter hat ihren Schmetterling noch, ich hab sie alle verschenkt.

Donnerstag: Neues versuchen 

Lily: Normalerweise würde ich bis mittags ausschlafen und ganz lange im Bett rumliegen, also stehe ich heute um halb acht auf. Schon als der Wecker klingelt, bereue ich meine Entscheidung. Ich widerstehe dem Drang, den Wecker zu ignorieren und stelle ihn aus. Zu gerne würde ich mich jetzt einfach wieder umdrehen und weiterschlafen, aber das wäre ja nichts Neues. 

Ich mache laute Musik an, um nicht wieder einzuschlafen und überlege, was ich jetzt mit der ganzen Zeit, die ich noch bis zur nächsten Chorprobe um zwei Uhr habe, anfangen soll. Ich könnte mal wieder aufräumen. Morgens um halb acht. Das ist krank. Ich quäle mich also aus dem Bett und beginne aufzuräumen. Nach zehn Minuten sitze ich müde und deprimiert auf meinem Teppich. Ich drehe die Musik lauter und mache weiter. 

Eine Stunde später sitze ich wieder auf meinem Teppich. Diesmal mit meinem alten Tagebuch in der Hand, das ich in einem der Regale gefunden habe. Ich kenne mein achtjähriges Ich jetzt besser als mir lieb ist und frage mich, wie ich in einer solchen geistigen Verfassung so lange überlebt habe. Ich bin mit dem Zustand meines Zimmers zufrieden und es ist bereits halb zwei. Meine Mutter fährt mich zur Probe. 

Wir fangen mit einem neuen Stück an und es gibt Soli zu vergeben. Ich hasse es alleine zu singen. Ich melde mich also für eines der drei Soli und bekomme das Längste zugeteilt. Es läuft überraschend gut und nach drei Stunde Probe bin ich fast überzeugt, dass ich wohl doch auch alleine gut singen kann. 

Nach der Probe treffe ich mich noch mit einer Freundin und wir gucken nach Klamotten. Normalerweise trage ich keine Kleider. Ich stehe mit einem weißen Kleid in der Umkleide und habe das Gefühl ich könnte jetzt direkt zu einer Hochzeit gehen. Bei den nächsten Kleidern, die mir meine Freundin hinhält, bekommen wir jedes Mal einen Lachkrampf, wenn wir mich darin sehen. Es ist lustig, aber erfolglos. Zum krönenden Abschluss probiere ich zum ersten Mal Meeresfrüchte und finde sie genauso furchtbar, wie erwartet. Ich bestelle mir daraufhin eine Pizza. 

Diese beiden Schülerinnen haben sich für das Projekt "medien@schule" jeden Tag einer neuen Herausforderung gestellt.

Hanna: Auch, wenn ich nicht glaube, dass sich heute die großartige Gelegenheit für mich ergeben wird, einen Surfkurs zu belegen, einer Band beizutreten oder von einer Klippe zu springen, habe ich das Gefühl, es wird heute etwas Gutes passieren, etwas Neues. Zum Frühstück trinke ich Kaffee, der zu meiner Ernüchterung leider noch immer ekelhaft schmeckt, ich bin eben überzeugte Teetrinkerin, aber wann ausprobieren, wenn nicht heute. 

Beim Griff in den Kleiderschrank entscheide ich mich für einen Rock und ein Spitzenoberteil, das mir eigentlich zu eng anliegt, aber für das ich schon ein paar nette Bemerkungen bekommen habe, also ausprobieren, wenn man es sonst schon nicht trägt. Tatsächlich fühle ich mich ganz hübsch mit ein bisschen Glitzer im Gesicht und einem klassisch roten Lippenstift. Ich bin in der Stadt verabredet und wahrscheinlich zu schick, aber ich fühle mich gut. Und ich bin zu früh, wie immer und mein bester Freund zu spät, ebenfalls wie immer. 

Statt mich zu ärgern bummele ich die Straße hoch und runter und werde von einem netten jungen Mann an einem Klavier auf Rädern angesprochen. Es klingt super, und das sage ich ihm auch. Als ich erzähle, dass ich ebenfalls acht Jahre Unterricht hatte, schlägt er mir vor, mit ihm zu spielen, er würde einfach improvisieren. Ich nehme meinen Mut und meine Jim-Carrey-Ja-Sager-Einstellung zusammen und sage ja. 

Es macht wirklich Spaß, wir improvisieren mit Melodie und Takt und bald haben sich ein paar Leute um uns versammelt. Als wir fertig sind, bin ich ein kleines bisschen Stolz auf mich. Es tut gut, sich mal zu überwinden, ich sollte mir öfter mal in den Hintern treten.

Freitag: Ohne Internet 

Lily: Ich gebe zu, ich bin viel zu oft im Internet. Egal ob ich mit Freunden schreibe, mir irgendwelche Sprüche auf Instagram anschaue, auf Snapchat sehe, was für coole Sachen die anderen Leute machen, während ich zuhause sitze oder ob ich prokrastiniere und mich mit Youtube Videos über völlig banale Themen, wie der Herstellung von essbarem Kleber zum Beispiel, von meiner viel zu vollen To-Do-Liste ablenke. Ich denke dieser Tag wird mir gut tun. 

Wenn ich alleine zuhause rumsitzen würde, würde ich sicher irgendwann nachgeben und mein Wlan wieder einschalten. Ich habe meinen Freund überredet, heute ein Picknick mit mir zu machen. Ich stehe also zuhause, schneide Obst klein und mache Sandwiches. Nicht wie sonst mit Youtube-Videos nebenbei, sondern mit Musik im Hintergrund. Ich bin viel schneller fertig als erwartet und packe alles ein. 

In meinem Zimmer fällt mir das Buch auf, das wir gerade im Englischunterricht lesen. Wir haben bis jetzt nur die ersten vier Kapitel gelesen und die Geschichte ist ziemlich langweilig. Da ich noch eine Stunde Zeit habe bis mein Freund mich abholt, setze ich mich mit dem Buch auf den Balkon und fange an zu lesen. Als es klingelt, fehlen mir nur noch zwei Kapitel. Das Buch ist echt noch gut geworden. Wenn ich wieder zuhause bin, werde ich sofort weiterlesen. 

Es ist angenehm warm draußen. Wir liegen auf der Decke im Gras und die Sonne scheint mir ins Gesicht. Wir essen, hören Musik, lachen, reden und merken gar nicht, wie die Zeit vergeht. Es ist schon fast dunkel, als wir uns auf den Weg nach Hause machen. Nach den zwei noch fehlenden Kapiteln falle ich todmüde und glücklich in mein Bett. Ganz auf das Internet verzichten würde ich nicht wollen, aber ab und zu mal einfach offline sein kann wirklich gut tun. 

Hanna: Ein Tag ohne Internet, ha! Ich bin enthusiastisch, die Sonne scheint, auch, wenn es ganz schön frisch ist, aber ich plane bereits im Bett liegend, was ich heute alles machen werde. Meine Liste füllt sich ganz von selbst und ich beschließe, mir endlich wieder Zeit für ein gutes Buch zu nehmen, ausgiebig zu baden (wenigstens zwei Stunden, bis da Wasser kalt und mir eine Flosse gewachsen ist) und jemanden zu zwingen, mit mir ein Eis zu essen. 

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Eigentlich hasse ich es, wenn alle immer ständig an ihren Handys hängen, vor allem, wenn man verabredet ist. Dann sitzt man zu dritt an einem Tisch und zwei haben ein Handy in der Hand. Aber wenn ich zu Hause bin, gebe ich zu, ich bin nicht besser, jedenfalls musste das Buch bisher immer hinter so schwachsinnigen Dingen, wie einem Spiel, bei dem man Farben ordnen muss, zurückstehen. Nach drei Kapiteln bekomme ich ein schlechtes Gewissen, das Buch ist wirklich gut. Ich frage mich, wie viele meiner Hirnzellen wohl schon meines Smartphones wegen kaputt gegangen sind, aber eigentlich will ich es gar nicht wissen. 

Ab und zu werde ich diesen Tag beibehalten, man muss nicht immer erreichbar sein, das sind wir viel zu oft, ganz oft ist eine Tasse Tee und eine große Portion Eis mit einem guten Gespräch doch eh viel besser. Und wenn man sich schon gegenübersitzt, sollte man doch besser miteinander reden als schreiben, oder?

Samstag: Komplimente machen 

Lily: Ich denke nicht, dass dieser Tag sehr besonders werden wird. Ich mache ziemlich oft Komplimente. Wenn mir etwas gefällt, sage ich das der Person meistens auch direkt. Jedes Mal, wenn ich ein Lächeln dafür zurückbekomme, finde ich, dass es sich schon gelohnt hat. Ich habe mir also für heute vorgenommen, speziell fremden Menschen Komplimente zu machen, damit es trotzdem noch eine kleine Herausforderung ist. 

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Ich wache erst gegen Mittag auf und beschließe deswegen, direkt in der Stadt Mittag zu Essen. Im Bus dahin mache ich einer älteren Frau ein Kompliment für ihre Haare und einem Mädchen in meinem Alter für ihre ziemlich ausgefallene Tasche. Auf Snapchat sehe ich, dass ein Mädchen, das ich vor zwei Jahren mal im Urlaub kennengelernt hatte, ein Bild gezeichnet hat und schreibe ihr, dass es wirklich schön aussieht. Nach dem Essen in der Stadt lasse ich ein Kompliment an den Koch ausrichten. Es hat wirklich fantastisch geschmeckt. 

Ich mache mich auf die Suche nach einer Jeans und höre, während ich in der Umkleide bin, dass draußen jemand wohl Kleider für eine Konfirmation anprobiert. Nach dem was ich höre „sieht eh alles an ihr schrecklich aus“. Ich will noch weiter schauen, bleibe aber noch kurz stehen und schaue mir an, um wen es geht. Ich sage dem Mädchen, dass sie wunderschön aussieht in dem Kleid, das sie trägt. Als ich zwanzig Minuten später aus dem Laden gehe, sehe ich, dass sie das Kleid gerade kauft und wie glücklich sie dabei aussieht. Ich mache noch das ein oder andere Kompliment und ich finde, dass bewusst Komplimente machen einen noch viel glücklicher macht als einfach so nebenbei. Man sollte es natürlich nicht übertreiben, aber zu sagen was einem gefällt, kann doch nie falsch sein, oder? 

Hanna: Ich freue mich auf diesen Tag, meiner Meinung nach machen Menschen sich viel zu wenig Komplimente, wobei das doch etwas wirklich Tolles ist. Fünfzehn bekomme ich sicher ganz locker hin. Guter Dinge und mit der Sonne um die Wette strahlend verlasse ich heute Morgen das Haus, nachdem ich meiner Mutter gesagt habe, dass sie einen guten Modegeschmack hat und meinem Vater ein Kompliment für seine frisch polierte Ape, einem dreirädrigem kleinen Auto mit Anhänger, gemacht habe. 

Beim Einkaufen treffe ich eine ältere Dame, die mich zu kennen scheint, ich sie aber nicht. Wir unterhalten uns über Gemüsepreise, insbesondere den von Brokkoli, der in den letzten Wochen wirklich eine Frechheit ist und ich mache ihr ein Kompliment für ihre Frisur. Je mehr Komplimente ich mache, desto besser geht es mir selbst, ich fühle mich ein bisschen, wie der Weihnachtsmann oder eine gute Fee oder sowas, wenn ich zum Dank ein Lächeln oder ein Gegenkompliment bekomme. 

Es ist so einfach, mal was wirklich nett gemeintes zu sagen, gerade, wenn alle immer über sich selbst jammern. Ein kleines Kompliment ist oft eine Menge mehr wert als ein Geschenk. Meine Familie scheine ich damit anzustecken, ich lobe Omas Kochkünste und natürlich auch Opas, der die beste Tiefkühlpizza der Welt macht. Ich sollte das öfter tun, es ist wirklich toll, so viel gute Laune zu schenken. Voll mit positiven Schwingungen, und einem sicher gut gefüllten Karmakonto, schlafe ich vor meinem Lieblingsfilm ein.

Sonntag: Ruhetag 

Lily: Ruhe und Entspannung. Grundsätzlich ja schon mal nichts Schlechtes. Am Liebsten hätte ich den Tag einfach mit Schlafen verbracht, aber das wäre wohl nicht gerade interessant oder innovativ gewesen. Also was könnte ich machen? Zuerst denke ich an Meditieren und fange an auf Youtube nach so etwas wie einer Anleitung dafür zu suchen. Ich lande bei einem Video in dem mir eine sehr elektronisch klingende Frauenstimme mit einem Wasserfall im Hintergrund erzählt, dass ich alles von mir fallen lassen und mich nur auf mich selbst konzentrieren soll um zu mir selbst zu finden oder so ähnlich. 

Es kann nichts wirklich Interessantes gewesen sein, da ich nicht mal weiß, wann im Laufe des Videos ich eingeschlafen bin. Meine Ruhe hatte ich so zwar, aber als ich aufwache, tut mir alles weh. Wahrscheinlich wegen der komischen Schlafposition auf dem Boden. Diesen ersten Versuch erkläre ich hiermit für gescheitert. 

Ich schreibe meiner besten Freundin was passiert ist und sie lacht mich aus. Verständlich. Ich fange an aus Langeweile auf Instagram rumzugucken und bekomme Werbung für Sportklamotten, die eine sehr junge, biegsame Frau bei Yogaübungen trägt, angezeigt. Zurück auf Youtube auf der Suche nach Yoga für Anfänger. Ich scheitere an der zweiten Übung kläglich. 

Ich trage eine Gesichtsmaske auf und lasse währenddessen Badewasser einlaufen. Durch die Badekugel, die ich noch im Schrank gefunden habe, glitzert das Wasser lila-blau und riecht nach Lavendel. Nach zwei Stunden liege ich entspannt und glitzernd in meinem Bett. Ein doch noch gelungenes Ende für diese besondere Woche. 

Ich denke, ich werde von einigen Tagen ein oder zwei Kleinigkeiten beibehalten oder immer mal wieder machen. Zum Beispiel einfach mal etwas Gutes für mich tun, mal aus meiner Komfortzone treten oder einfach mal ein paar Stunden offline sein. 

Hanna: Das Beste kommt zu Schluss. Ja, ich freue mich schon die ganze Woche auf diesen Tag, den selbst betitelten Ruhetag, den Selbstfindungs-, Entspannungs-, Esoterikdingstag. Ich schlafe bis mittags und lasse damit schon mal alle anderen in Ruhe, was zweifellos meiner Aufgabe für heute entspricht. 

Am Nachmittag frage ich meinen Vater, ob er mir seine Yogamatte und den Yogakurs auf DVD ausleihen kann. Mein Vater macht das ab und zu, im Wohnzimmer - damit, wie er sagt die Nachbarn auch mal was zu lachen haben. Ich finde das ziemlich cool. Zwei Stunden später finde ich es weniger cool als anstrengend, ich fühle mich, als hätte ich zehn Eisbärbabys gestemmt und vielleicht liegt es nur an meiner unterirdischen Fitness, aber die Verrenkungen, die die Frau da im Fernseher macht, bekäme ich in drei Jahre nicht hin. 

Nach meinen ersten Yogaerfahrungen beschließe ich, es mit etwas Idiotensicherem zu versuchen und da ich schon immer einen Hang zu Esoterik hatte, suche ich mir auf Youtube ein Enstpannungs-Hypnosevideo raus und lege mich auf mein Bett. Es dauert keine Viertelstunde, bis ich eingeschlafen bin, aber nach dem Aufwachen habe ich nicht nur einen Muskelkater, sondern auch das Gefühl von Erleuchtung und unfassbar tiefsinnige Gedanken über die Menschheit, die ich unbedingt in Stein meißeln lassen sollte. 

Ich muss dazu schreiben, es war Mitternacht und ich hatte seit Mittag nichts mehr gegessen, man möge es mir also verzeihen. Ich freue mich zwar, dass die Woche jetzt um ist, gleichzeitig finde ich es auch ein bisschen schade. Ein paar Dinge werde ich auf jeden Fall beibehalten, aber Yoga und ich werden keine Freunde mehr.

Von Lily und Hanna

Anmerkung: 268 Acht-, Neunt- und Zehntklässler haben im Rahmen des Projektes „medien@schule“ Artikel, Fotos und eine Snapchat-Story für HNA.de erstellt. Das Projekt von Hessischer Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (LPR Hessen) und der HNA findet im Rahmen von „Medien machen Schule“ statt. Es soll zeigen, wie neue Medien und soziale Netzwerke wie Facebook, Youtube, Twitter und Instagram funktionieren. Hier finden Sie weitere Artikel, die während des Projekts entstanden sind.

Rubriklistenbild: © picture alliance / Lars Halbauer

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