Hab und Gut bei Anwohnern fast völlig zerstört

Aufräumen nach Flut in Kaufungen: Gemeinde und Hessen Mobil uneins über Verantwortung

Kaufungen. Aufräumen war in Oberkaufungen nach der schweren Überschwemmung am Mittwoch angesagt. Der Tag war geprägt von Ohnmacht und Anpacken - und der Frage, wer für den Schaden nun aufkommt.

Aktualisiert: 9.10 Uhr ++ Überall galt es Schlamm und Schmutz zu entfernen, auf Straßen, in Gärten, in Kellern. Kübelweise Dreck, Laub und Astwerk schaufelten die Anwohner weg, die Feuerwehr Kaufungen leistete dabei wertvolle Hilfe. Mit Spezialfahrzeugen wurden zeitgleich zugelaufene Kanalrohre gereinigt, der Gemeindebauhof leistete Soforthilfe in Sachen Straßenreparatur.

Und über all dem schwebte noch das Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit. Wie konnte das passieren? Wer wird uns die Schäden ersetzen? Viele der Betroffenen sind sich noch gar nicht im Klaren darüber, was ihnen die Flutwelle an Hab und Gut weggenommen hat.

Der Schreck sitzt noch in den Knochen: Die Flutwelle in Oberkaufungen hat den Garten der Familie Rode-Kugler (von links Nicole, Romeo, Leandro und Daniel) völlig zerstört. Auch war das Wasser wie ein Bach durch den Keller ihres Hauses geflossen.

„Das ist die totale Reizüberflutung“, sagt Daniel Rode-Kugler. Mit Schaufel und Besen steht er da, die Fassungslosigkeit steht ihm noch ins Gesicht geschrieben. Mit seiner Familie lebt er direkt an der betroffenen Dautenbachstraße. Völlig verwüstet hat die Flut deren Garten, eine solide Mauer und einen Zaun eingedrückt, fast alles an Kinderspielzeug ist weg, sogar der Sandkasten. Irreparabel zerstört ist wahrscheinlich auch der Wohnwagen, der gut einen Meter tief im Wasser stand. „Wenigstens blieb unsere Wohnung verschont“, sagt Nicole Rode-Kugler. Geistesgegenwärtig hatte sie alle Kellertüren aufgerissen, als die Welle kam. So flossen die Wassermassen durch den Keller hindurch – und stauten sich nicht rauf bis zur Wohnung.

An dieser Stelle schoss das Wasser des Dautenbachs auf die Straße.

Knapp am Totalverlust sind auch die Eheleute Knöfel-Yilmaz vorbeigeschrammt. Die Wohnung blieb gerade noch unversehrt. Doch im Keller steht noch immer kniehoch der Schlamm. Die Gas-Zentralheizung wurde völlig zerstört. Auch sie wissen noch nicht, wer für die Schäden aufkommt. „Morgen kommt ein Vertreter unserer Versicherung, um sich alles anzuschauen“, sagt Harald Knöfel.

„Ich habe das Gefühl, dass keiner wirklich Verantwortung übernehmen will“, sagt Sebastian Gröbe. Auch sein Garten sowie sein Auto wurden bei der Flut komplett zerstört. Weder die Gemeinde, noch die Versicherungen, noch Hessen Mobil als Behörde zeigten Flagge. Dabei wäre die Überschwemmung vermeidbar gewesen, schätzt Gröbe die Lage ein. Schon oft sei der Zustand des Wassereinlaufs jenseits der B7 im Stiftswald bemängelt worden.

Flutwelle rollte durch Kaufungen - Folge des Sturms Burglind

So kam es zu der Flutwelle

Inzwischen wird klarer, wie es zu der Welle an der Dautenbachstraße kam. So muss bedingt durch den starken Regenfall am Mittwoch der Dautenbach schon weit oben im Stiftswald stark angeschwollen sein. Klar ist allerdings nicht, ob der Wasserdurchlass an der B7 schon vor der Regenflut verstopft war oder ob er erst durch den starken Wasserabfluss am Mittwoch mit Laub, Schlamm und Geäst zugesetzt wurde. 

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In jedem Fall staute sich das Wasser in der natürlichen Talmulde jenseits der B7 zu einem See mit vermutlich bis zu vier Metern Wassertiefe auf, wobei der Straßendamm B7 faktisch als Staumauer diente. Unter dem Druck des Wassers brach dann der Rechen vor dem Einlauf ein, sodass das aufgestaute Wasser mitsamt dem Schwemmgut in kurzer Zeit durch das Rohr schoss. 

Zuvor war angenommen worden, bei dem Wasserdurchlauf handelte es sich um einen Vorfluter oder um ein Regenrückhaltebecken. Tatsächlich ist an dieser Stelle das Dautenbachtal relativ tief in das Geländeprofil eingeschnitten, der Straßendamm der B7 wirkt wie eine Sperrmauer, so dass bei Anwohnern wie auch bei der Feuerwehr der Eindruck entstanden war, es handelte sich um ein Regenrückhaltebecken.

So verstopfte denn auch innerhalb kürzester Zeit der zweite Wasserdurchlass auf der anderen, dem Ort zugewandten Seite der B7. Dieser Durchlass zwängt den Dautenbach in ein enges – für diese Wassermassen allerdings viel zu kleines – Kanalrohr. In der Folge schoben sich die Wassermassen über diesen zweiten Einlauf und flossen ungehindert die Dautenbachstraße hinab.

Das sagt der Bürgermeister von Kaufungen

"Dafür ist Hessen Mobil zuständig"

Kaufungens Bürgermeister Arnim Roß (SPD) fordert nun Aufklärung durch die Straßenbaubehörde des Landes Hessen. „Denn für den betroffenen Wasserdurchlauf unter der B7 ist Hessen Mobil zuständig“, sagt Roß. So habe er die Behörde nun um eine Stellungnahme gebeten. „Wir haben dort immer wieder mal Mitarbeiter der Straßenmeisterei gesehen, die dort gearbeitet haben“, sagt Ross. „Wir können aktuell also nicht behaupten, dass Hessen Mobil etwas falsch gemacht hat“, sagt Roß. 

Doch müsse jetzt geklärt werden, ob es sich möglicherweise um mangelhafte Wartung oder um einen Fall höherer Gewalt gehandelt hat. „In jedem Fall werden wir geschädigte Bürger so gut es geht unterstützen“, sagt Roß. Hilfeleistungen seien vor allem bei Aufräumarbeiten möglich. „Wir werden immer sehen, was sich im Einzelfall machen lässt“, sagt Roß. Bei juristischen Fragen seien der Gemeinde allerdings die Hände gebunden. „Als Kommune dürfen wir keine Rechtsberatung anbieten.“ Anwohner sollten Schäden ihrer privaten Versicherung melden.

Das sagt Hessen Mobil

"Dafür ist die Gemeinde zuständig"

Hessen Mobil sieht keine Zuständigkeit mit Blick auf den Unterhalt und die Wartung des Dautenbachs. Obwohl das Gewässer die B7 unterquere, sei es Eigentum der Gemeinde Kaufungen, sagt Hessen Mobil-Sprecher Horst Sinemus. Das gelte auch für die technischen Einrichtungen (Gitterrost, Rohrleitung) des Dautenbachs. „All das ist Bestandteil des Gewässers“, sagt Sinemus. „Die Parzelle gehört Kaufungen“.

Service: Wer kommt für die Schäden auf?

Noch ist völlig unklar, ob überhaupt jemand zur Verantwortung gezogen werden kann – und wenn doch, wer es dann sein kann. Das hängt ganz davon ab, ob es sich bei der Flutwelle um einen Fall höherer Gewalt gehandelt hat oder ob tatsächlich Versäumnisse seitens der Gemeinde Kaufungen oder von Hessen Mobil nachgewiesen werden können. „Es ist ja aktuell noch nicht einmal die Zuständigkeit geklärt“, sagt Andreas Lutz, Sprecher des Bundesverbandes der Versicherungskaufleute. 

So sei es bis auf Weiteres unablässig, die Schäden den privaten Versicherungen zu melden. „Schäden durch Überschwemmungen werden in der Regel von Wohngebäudeversicherungen abgedeckt, die um eine entsprechende Elementarschaden-Deckung ergänzt wurden“, sagt Lutz. Gleiches gelte für gewöhnliche Hausratversicherungen. Auch sie müssen um eine passende Elementarschaden-Deckung erweitert worden sein. Bei Autos ist es hingegen einfacher. „Hier genügt in aller Regel schon eine Teilkasko-Versicherung, um gegen Flutschäden an seinem Pkw versichert zu sein“, sagt Lutz.

Steigende Pegel und gesperrte Straßen: Das Unwetter in der Region

Nach dem Tief "Burglind", das am Mittwoch für Sturmschäden und starke Regenfälle in der Region gesorgt hat, stiegen am Donnerstag die Pegel mehrerer Flüsse in der Region weiter. Vor allem Anwohner entlang der Fulda müssen damit rechnen, dass das Wasser über die Ufer treten kann. Das geht aus Daten des Hessischen Landesamts für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLUG) in Wiesbaden hervor.

Rubriklistenbild: © Naumann

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