Kaufungen ist die Keimzelle für bundesweites Bestreben zum Erhalt der Artenvielfalt

Genpool für alte Obstsorten

Eine von 120: Die Kieffer’s Sämling-Birne auf der Streuobstwiese bei Niederkaufungen ist resistent gegen den gefährlichen Feuerbrand, sagt Pomologe Jan Bade (kleines Bild). Auf der früheren Erdaushub- und Grünschnittdeponie der Gemeinde oberhalb von Niederkaufungen werden auf 85 Bäumen etwa 120 verschiedene Birnensorten sowie einige Pflaumenarten genetisch gesichert. Fotos: Stier

Kaufungen. Jahrelang haben die Kaufunger ihren Erdaushub und den Grünschnitt aus ihren Gärten auf die Fläche oberhalb von Niederkaufungen gebracht. Jetzt stehen hier 70 Birnbäume in Reih und Glied und tragen gut 120 verschiedene Birnensorten im Geäst. Dazu gesellen sich 15 Pflaumenbäume.

Was aussieht wie eine ganz normale Streuobstwiese ist tatsächlich ein Genpool zum Teil uralter, vom Verschwinden bedrohter Obstsorten, deren dauerhaften Erhalt sich der Kaufunger Pomologe Jan Bade seit vielen Jahren auf die Fahnen geschrieben hat.

Inzwischen hat Bade ein Netz mit Gleichgesinnten geknüpft, das sich bemüht, bundesweit regionale Obstorten zu finden, zu bestimmen, zu katalogisieren, sie als sogenannte „Edelreiser“ auf Bäume zu pfropfen und so zu vermehren. Das Ziel: Die unglaubliche Geschmacksvielfalt und die unterschiedlichen Resistenzen der vielen vergessenen Obstsorten gegen schädliche Einflüsse des Klimawandels für die Zukunft zu sichern und die Sorten wieder zu verbreiten.

Da gibt es reichlich zu tun. Bade schätzt, dass bundesweit rund 12.000 alte Obstbäume erhalten sind, deren Sorten kaum noch jemand kennt. In 50 teils privaten, teils staatlichen Sammlungen werden sie erhalten. Der Pomologe - kaum eine Handvoll seines Standes gibt es in Deutschland - vermutet 1500 bis 2000 regionale Apfel- und gut 1000 Birnensorten, die es zu entdecken gilt. Allein 300 verschiedene Birnensorten gibt es inzwischen rund um Kaufungen - und neue Anbauflächen wie die alte Gründschnittdeponie werden ständig gesucht.

Die Genpool-Pflege ist mehr als ein Spleen verschrobener Obst-Nostalgiker. Die nur rund zehn Apfelsorten in den Supermärkten sind laut Bade fast alle genetisch gleich, immer mehr Menschen entwickeln Allergien gegen das auf riesigen Plantagen gezogene Obst mit dem Einheitsgeschmack. Oft ist die Massenware zudem gegen Klimawechsel, gegen aggressive Krankheiten und Schädlinge nicht gefeit. Jan Bade: „In Südtirol wütet der Feuerbrand und zwingt zu Rodungen ganzer Plantagen. Unsere Kieffer’s Sämling-Birne ist dagegen immun. Und toll schmecken tut sie auch noch.“

Inzwischen arbeitet Bade mit höchsten staatlichen Stellen zusammen. Die Bundesarten-Datenbank und der Deutsche Genpool Obst (DGO) wollen seine Sammlungen in ihre Register aufnehmen. Die Datenbanken wachsen, 480 Apfel-, 200 Birnen-, 100 Kirsch- und 100 Pflaumensorten sind bereits erfasst und beschrieben. Das Ziel, kommerzielle Baumschulen für die Vermehrung und den Verkauf der Edelreiser alter Obstsorten zu gewinnen, rückt näher.

Für Jan Bade ist das eine Lebensprojekt, das nie abgeschlossen sein wird: „Das geht immer weiter. Keiner weiß, welche Sorten morgen wichtig sein werden.“

Aber eines ist für den Obstkundigen sicher: „Wer sich einmal durch alte Obstsorten durchgefuttert hat, der weiß: Das ist kein Vergleich zu der Massenware im Supermarkt.“

Von Thomas Stier

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