50-Millionen-Euro-Sparprogramm

Interview: Dekanin Carmen Jelinek über Sparkurs der evangelischen Kirche

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Gut besuchter Gottesdienst in Vollmarshausen: Zumeist bietet sich solch ein Bild nur bei besonderen Andachten. In diesem Fall trat der Chor „In Takt“ aus Ihringshausen auf.

Kaufungen/Kreis Kassel. Es sind brisante Themen, mit denen sich die Kreissynode der evangelischen Kirche bei ihrer Sitzung am kommenden Donnerstag in Baunatal beschäftigen muss.

 Es geht ab 19 Uhr im Gemeindehaus Rengershausen um die Auswirkungen des 50 Millionen Euro umfassenden Sparprogramms der Landeskirche, das erhebliche Einschnitte beim Personal und beim Unterhalt der Kirchengebäude vorsieht. Außerdem wollen die Kirchenparlamentarier darüber diskutieren, was die Kirche für Flüchtlinge tun kann. Wir sprachen mit Dekanin Carmen Jelinek.

Frau Jelinek, auf die evangelische Landeskirche kommt ein gigantisches Sparprogramm zu. Wo im Kirchenkreis Kaufungen werden die Einschnitte zu spüren sein? 

Carmen Jelinek: Der Sparprozess der Landeskirche soll sich bis 2026 in Schritten vollziehen. Bisher gibt es zwar Vorlagen, über die die Landessynode beraten wird, aber wir können noch nicht absehen, in welchem Umfang die Vorschläge von der Synode aufgenommen, beschlossen und umgesetzt werden.

Entscheidend wird auch in Zukunft sein, wie viele Mitglieder die Kirchengemeinden haben. Die Finanzen der Kirche sind mitgliederabhängig. Aus der Gemeindegliederzahl wird die Gemeindegliedermesszahl gebildet und die wird mit dem Grundbetrag multipliziert.

Wie ist aktuell die finanzielle Situation? 

Jelinek: In diesem Jahr sind die Kirchensteuermittel noch so gut geflossen, dass die Landeskirche die Personalzuweisung für den Doppelhaushalt 2016/2017 erhöhen konnte. Der Grundbetrag ist von 11,70 auf 12,20 angehoben worden, sodass weitestgehend der Rückgang bei den Gemeindemitgliedern kompensiert wurde. Der Kirchenkreis will diese Mittel auch so an die Gemeinden weitergeben. Dadurch werden die Lohnerhöhungen etwas kompensiert. Der Kirchenkreis hat also zurzeit keinen Rückgang der Grundzuweisung und damit keine direkten Einschnitte zu verzeichnen.

Bis 2026 soll die Zahl der Mitarbeiter in der Kirchenverwaltung von 500 auf 375 sinken. Mit welchen Auswirkungen vor Ort? 

Jelinek: Wir hoffen, möglichst wenige Auswirkungen vor Ort zu haben. Wir im Kirchenkreis Kaufungen beabsichtigen in den nächsten Jahren eine Fusion mit dem Kirchenkreisamt Kassel und erhoffen, damit Synergien zu erreichen.

Das Sparprogramm sieht auch Abstriche beim baulichen Unterhalt der Kirchen vor. Was bedeutet dies für die laufende Sanierung der Stiftskirche und den Zustand der übrigen Gotteshäuser im Kirchenkreis Kaufungen? 

Jelinek: Der Erhalt und die Sicherung der Kirchen haben auch in Zukunft Priorität. Man wird schauen, welche Kirchen zu den Kulturdenkmälern zählen. Da spricht die Denkmalpflege mit - denkmalpflegerische Vorgaben müssen berücksichtigt werden.

Die Maßnahmen zur Reparatur und Sicherung der Gebrauchsfähigkeit werden auch künftig aus Kirchensteuermitteln finanziert. Ausgestaltungen, Verschönerungen im Innenraum, Kunstwerke, müssen durch Spenden und andere Mittel finanziert werden.

Bei Kirchen von regionaler und überregionaler Bedeutung und besonderem kulturhistorischem Wert hat man auch künftig bei der Innenausstattung noch gute Chancen, von der Landeskirche unterstützt zu werden.

Noch mal konkret: Welche Auswirkungen haben die Sparbeschlüsse auf den Baubereich? 

Jelinek: Die laufenden Baumaßnahmen in unserem Kirchenkreis sind von den Beschlüssen noch nicht betroffen. Die Kreuzkirche Großenritte ist gerade fertig saniert worden und wird am morgigen Sonntag wieder eingeweiht. Für die Kirche in Martinhagen und für die Stiftskirche in Oberkaufungen wurde bereits vor einigen Jahren ein Finanzierungsplan aufgestellt. Zu diesem Plan und ihren Finanzzusagen steht auch die Landeskirche.

Nach Angaben von Rudolf Schulze, Präses der Landessynode, sollen die Kräfte der Landeskirche so gebündelt werden, „dass wir den Menschen noch besser dienen können“. Wie soll das funktionieren? 

Jelinek: Wir werden nach den Einsparungen immer noch mehr Geld zur Verfügung haben, als die Kirche vor 30 Jahren hatte. Auch damals hat sie funktioniert und ihren Auftrag erfüllt. Kirche darf sich nicht zu sehr über das Geld definieren. Auch unabhängig vom Geld gibt es Kirche. Und hier ist wirklich das Profil der Mitglieder gefragt. Dort, wo Menschen füreinander da sind und die Nächstenliebe, die sie von Jesus Christus gelernt haben, in ihrem alltäglichen Leben anwenden, da ist Kirche. Da sollten wir hinschauen und uns darauf konzentrieren.

Dennoch werden Sie nicht umhinkommen, Schwerpunkte zu setzen.

Jelinek: Die Kirche muss in diesen Tagen Aufgabenkritik betreiben, Schwerpunkte bilden und überlegen, wo sie das zur Verfügung stehende Geld gezielt einsetzen will. Wenn wir gezielt in die Zukunft investieren wollen, dann müssen wir in die Arbeit mit Kindern und in die Jugendarbeit investieren. Deshalb sind die Kindertagesstätten von den Beschlüssen der Synode ausgenommen. Zudem ist in den Beschlüssen die Bildungs- und Jugendarbeit gezielt zu fördern.

Die Landeskirche will sich stärker als bisher für Flüchtlinge engagieren. Bischof Martin Hein apppelliert an die Kirchengemeinden, im Notfall Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen. Wann werden im Kirchenkreis Kaufungen die ersten Gemeindehäuser zu Notunterkünften umfunktioniert? 

Jelinek: Im Augenblick werden im Kirchenkreis keine in anderer Nutzung vorhandenen Gebäude für Flüchtlinge angefragt, weder Turnhallen noch Gemeindehäuser. Eine Kirchengemeinde stellt aber beispielsweise ein ungenutztes Pfarrhaus für eine Wohngruppe unbegleiteter jugendlicher Flüchtlinge zur Verfügung. Die Betreuung dieser jungen Menschen wollen wir auch innerhalb unseres Diakonischen Werks Kassel verstärken. Des Weiteren schauen wir, ob vorhandener ungenutzter Raum für Flüchtlinge bereitgestellt und dafür umgebaut werden kann.

Wie organisieren Sie die Hilfe konkret? 

Jelinek: In der Kirche geht es uns insbesondere um die menschliche Zuwendung zu denen, die bei uns Zuflucht suchen. So werden zurzeit runde Tische gebildet, um die Möglichkeiten und den Bedarf der Begleitung zu evaluieren. Ehrenamtliche Helfer werden registriert, Gemeindeglieder sind im Unterstützerkreis tätig, Fortbildung von Interessierten und Koordination von Hilfen werden angeboten.

Es gibt Sprachkurse, die Idee und Umsetzung von Cafés zu Begegnungen, gemeinsames Kochen mit Flüchtlingen und Einheimischen und anschließendem Essen und Gesprächen.

Wie beurteilen Sie die Einstellung der Ehrenamtlichen Flüchtlingen gegenüber? 

Jelinek: Man spürt in unseren Kirchengemeinden überwiegend, dass viele Menschen mit Herz und Engagement dabei sind. Ihnen gilt unser Dank für ihren Einsatz.

69.000 Christen im Kirchenkreis

Der Evangelische Kirchenkreis Kaufungen umfasst das Gebiet des Altkreises Kassel ohne Nieste und Teile von Fuldabrück. Ihm gehören knapp 69 000 Christen an, die in 33 Kirchengemeinden organisiert sind. Oberstes Organ des Kirchenkreises ist die Kreissynode, die in der regel zweimal im Jahr zusammentritt. Die Synode wird von Dekanin Carmen Jelinek einberufen und von Präses Stefanie Roß-Stabernack (Fuldatal) geleitet. Die Sitzungen der Synode sind öffentlich. www.kirchenkreis-kaufungen.de

Seit 17 Jahren Dekanin

Carmen Jelinek

Carmen Jelinek ist seit 17 Jahren Dekanin des Evangelischen Kirchenkreises Kaufungen. Sie wurde in Fritzlar geboren. In Göttingen, Basel und Heidelberg studierte Jelinke Theologie. Später arbeitete sie zwei Jahre in der Erlöserkirchengemeinde in Jerusalem. Anschließend war die heutige Vorsitzende des Fördervereins Stiftskirche zwölf Jahre lang Pfarrerin in Hessisch Lichtenau. Jelinek (56) ist verheiratet. Mit ihrem Ehemann lebt sie in Kaufungen.

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