Naturschutz

Kaufungen: DRK ließ alte Bäume verpflanzen

+
Auf der DRK-Wiese am 9. Februar: Ein Spezialfahrzeug pflanzt vier der fünf Streuobstbäume von der Mitte an den Rand der Fläche, „um Platz für die Wohnbebauung zu machen“, sagt Peter Vesely vom Nabu Kaufungen-Lohfelden. Für Bernd Kleibel, Fachbereichsleiter für Bauen und Umwelt beim Landkreis Kassel, ist die Umsetzung der Bäume kein Problem, solange fachliche Kriterien bei der Verpflanzung eingehalten werden, auch wenn der Bebauungsplanentwurf noch keine Planungsreife hat.

Kaufungen. Völlig zertrümmert liegt die Krone des alten Kirschbaums auf dem Boden. Der Baum wurde bei seiner Umpflanzung mit einem Bagger über den Boden gehievt.

Große Teile des Astwerks brachen dabei ab. Die andern vier Streuobstbäume wurden mit einem Spezialfahrzeug ausgegraben und in vorbereitete Löcher umgesetzt. „Für uns ist es sehr fraglich, ob die alten Bäume die Umsetzung überleben werden“, sagt der ehemalige Förster Werner Thiele. Er hatte die Aktion auf der DRK-Wiese am Donnerstag, 9. Februar, miterlebt. 

Thiele, sowie die Nabu-Mitglieder Conny Tröndle, Peter Vesely und Martin Lange sind entsetzt darüber, was sich auf der 8000 Quadratmeter großen Wiese direkt unterhalb der DRK-Klinik Kaufungen abgespielt hat. Längst haben die vier eine Bürgerinitiative (BI) zum Erhalt der DRK-Wiese gegründet, denn bekanntlich will die Klinik die Fläche dort über ihren Trägerverein für mehrere Wohnhäuser vermarkten.

Das Grundstück gilt jedoch aus naturschutzfachlicher Sicht als sehr sensibel. Zahlreiche streng geschützte Tierarten lassen sich dort beobachten. Nicht zuletzt deshalb hatte das RP Kassel der Änderung des Flächennutzungsplans nur mit Auflage zugestimmt. Das heißt: Alle weiteren Planungen auf Bebauungsplanebene durch die Kommune (Bauleitplanung) sind nur dann zulässig, wenn Belange des Naturschutzes berücksichtigt werden. „Es müssen artenschutzrechtiche Prüfungen erfolgen, um wirklich Klarheit darüber zu haben, ob die Streuobstwiese als ganzer Lebensraum nicht eine wichtige Rolle für den Erhalt von geschützten Tierarten spielt“, sagt Lange. Doch genau diese artenschutzrechtlichen Prüfungen fänden bislang nicht in ausreichendem Maße und auch nicht unabhängig statt.

Tatsächlich ist es nicht die Gemeinde Kaufungen, die den Bebauungsplan allein erarbeitet. Das macht das Büro für Freiraum- und Landschaftsplanung Grebenstein. Beauftragt wurde das Büro vom Vorhabenträger – also der DRK-Klinik – selbst. Die im Rahmen der ersten Offenlegung eingegangenen Einwendungen – in erster Linie Naturschutz-Belange – werden immer noch bearbeitet, die zweite Offenlegung steht noch aus.

„Und dennoch wurden bereits massive Eingriffe in den Streuobstbaumbestand vorgenommen, um Platz für die Wohnhäuser zu schaffen“, sagt Vesely. Bereits am 1. Februar sei ohne Eingriffsgenehmigung der Unteren Naturschutzbehörde (Landkreis Kassel) und ohne eine Ausnahmegenehmigung bezüglich der noch ausstehenden Artenschutzprüfungen mit der Umsetzung der Streuobstbäume begonnen worden. „Nur durch Rücksprache mit der Behörde konnte dieses Vorhaben in letzter Minute gestoppt werden“, sagt Tröndle.

Nicht mit dem Spezialfahrzeug, sondern mit einem einfachen Bagger wurde eine Kirsche versetzt. „Bei dem Transport verlor der etwa 60 Jahre alte Baum große Teile seiner Krone.“, schildert Connie Tröndle vom Nabu Kaufungen-Lohfelden.

Am 9. Februar wurden die Bäume schließlich doch noch versetzt. „Die Untere Naturschutzbehörde genehmigte diesen Schritt auf Basis eines Gutachtens, das aussagt, die etwa 60 Jahre alten Streuobstbäume würden eine solche Umsetzung mit guten Aussichten überleben“, sagt Tröndle. Dieses Gutachten, das von jeder Fachliteratur widerlegt werde, sei jedoch ausgerechnet von jenem Planungsbüro erstellt worden, das auch im Auftrag der DRK-Klinik mit der Bebauungsplanung beschäftigt ist.

Tröndle, Thiele, Vesely und Lange haben nun Sorge, dass die Unabhängigkeit und die Kontrolle über das Planungsverfahren zum Nachteil des Naturschutzes verloren gehen – und das unter den Augen der Kreisbauaufsicht.

Denn als am 9. Februar die Bäume umgesetzt wurden, sahen nicht nur DRK-Geschäftsführer Norbert Schwarzer, DRK-Vorstand Edgar Paul und Detlef Schmidt vom beauftragten Planungsbüro zu. Auch Bernd Kleibel war dabei. Er ist der Fachbereichsleiter für Bauen und Umwelt des Landkreises Kassel und der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises übergeordnet.

Nach seiner Auffassung ist die Umsetzung rechtlich korrekt, auch wenn die Untere Naturschutzbehörde zuvor noch darauf hingewiesen hat, dass es sich um Habitatbäume handele, die nur nach artenschutzrechtlicher Prüfung und naturschutzrechtlicher Genehmigung gefällt werden dürfen. „Nun sind die Bäume zwar nicht gefällt, sondern nur umgesetzt worden“, sagt Tröndle. „Doch wird deren Absterben in Kauf genommen. Und es entsteht der Eindruck, als sei es schon ganz sicher, dass dort gebaut werden kann, obwohl der Bebauungsplan noch gar nicht vorliegt“.

Mit von der Partie bei der Baumumsetzung am 9. Februar (von links). Detlef Schmidt vom beauftragten Planungsbüro, Bernd Kleibel, Fachbereichsleiter für Bauen und Umwelt des Landkreises Kassel, DRK-Geschäftsführer Norbert Schwarzer und DRK-Vorstand Edgar Paul.

Indessen betont Bürgermeister Arnim Roß (SPD), bereits am 6. Februar im Aussschuss für Bauen/Planen/Umwelt über die geplante Baumumsetzung informiert zu haben. Das DRK habe hierfür von der Kreisbauaufsicht eine Genehmigung erhalten. Es handele sich um eine private Maßnahme auf einem privaten Grundstück.

Dem schließt sich Kreissprecher Harald Kühlborn an. So sei das Gutachten tatsächlich vom Büro für Freiraum- und Landschaftsplanung Grebenstein erstellt worden. „Allerdings hat das Büro dafür wiederum einen externen Experten beauftragt“. Die Artenschutzrechtlichen Prüfungen dauerten derzeit noch an.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.