900 Menschen und keine Vereine

Kaufungen: Der Ortsteil Papierfabrik wird 175 Jahre alt 

Kaufungen. Komischer Name: Papierfabrik. Passt eher zu einer Straßenbahn-Haltestelle als zu einem Dorf. Genau so heißt aber der Kaufunger Ortsteil, der jetzt 175 Jahre besteht.

Auch im Jubiläumsjahr ist es kein richtiges Dorf und gefeiert wird auch nicht. Dort leben rund 900 Menschen, aber es gibt keinen einzigen Verein, außer einem russischen Restaurant keine Kneipe, keinen Laden, keine Kirche, immerhin einen Kindergarten und ein Dorfgemeinschaftshaus. Der letzte Verein, der Bürgerverein, hat vor rund fünf Jahren sein kurzes Leben ausgehaucht und wird heute nur noch von Georg Häusling im Gedächtnis gehalten.

Georg Häusling

Der ehemalige Fachlehrer an der Arnold-Bode-Schule wurde hier vor 70 Jahren geboren und hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte dieses seltsamen Gebildes aus rund 150 Unternehmen mit stolzen 3000 Arbeitsplätzen und einem Wohngebiet, das bald von zwei Autobahnen eingeschnürt sein wird, zu beschreiben.

Das macht er mit hingebungsvoller Genauigkeit: Über 300 Seiten dick ist sein 2010 erschienenes Buch „Papierfabrik – Unsere Geschichte“, in dem er mit vielen Bildern, Dokumenten und Zeichnungen die Geschichte seines Geburtsortes nachzeichnet, den er so liebt. Und dessen echtes Jubiläum von 175 Jahren doch nirgends gefeiert wird.

Die Anfänge

Im Jahr 1841 hatte die namensgebende Papierfabrik Arnold & Pfeiffer direkt an der Losse, wo heute die Spedition Busse Weltverbundenheit praktiziert, den Betrieb aufgenommen. Geplante hatten die Unternehmerbrüder J. H. und W. Pfeiffer aus Kassel eigentlich eine Schnupftabak-Fabrik. Doch der Tapetenkünstler Johann Christian Arnold überzeugte sie von der Zukunft der Produktion endloser Papierrollen.

Schon im Jahr 1842 produzierten 60 Mitarbeiter 70 Zentner Papier aus Stroh pro Woche, sogar Papiergeld wurde hergestellt.

1924 gingen die vier Winterschen Papierfabriken in Konkurs, wurden zwangsversteigert und von den Mühlenwerken Robert Weber gekauft und umgebaut.

10.000 Eisenbahnwaggons

Dann ging es richtig los: 1926 wurden schon sieben Tonnen Stroh täglich von bis zu 300 Beschäftigten verarbeitet, bis zu 10.000 Eisenbahnwaggons verließen jährlich die Papierfabrik.

Den Kasselern stank das gewaltig. Der ekelhafte Kochsud nämlich schwappte ihnen über die Losse direkt vor die Haustüren. Außerdem kam zu wenig Lossewasser an den Kasseler Mühlen an. Sie klagten. Der Prozess endete erst nach sagenhaften 53 Jahren und dauerte von 1879 bis 1932.

Das Ende kam dann schnell: Praktischerweise brannte die Papierfabrik 1934 ab, wurde von den Nazis zum Getreidelager umgewandelt und bestand bis 1962. Dann musste für die B7 der Gleisanschluss zurückgebaut werden – der Todesstoß für das Getreidelager.

Heute schlägt im Gewerbegebiet Papierfabrik das industrielle Herz der Großgemeinde Kaufungen mit Speditionen, Stahlwerken und zahlreichen anderen Betrieben.

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