Polizei: Viele Täter haben es 2017 auf Audi abgesehen

Kaufunger bekam Blitzerfoto vom Autodieb

Dieser Mann hat vermutlich das Auto von Ralf Kohl aus Kaufungen gestohlen. Das Bild ist entstanden, als der mutmaßliche Täter mit dem gestohlenen Auto geblitzt wurde.

Kaufungen. Erstaunen bei einem Mann aus Kaufungen: Sein Wagen ist geblitzt worden. Doch das Blitzerfoto, das mit der Verwarnung in seinem Briefkasten landete, zeigt nicht ihn am Steuer.

Es zeigt vermutlich denjenigen, der seinen Wagen gestohlen hat.

Als Ralf Kohl aus Kaufungen vor Kurzem eine schriftliche Verwarnung der Stadt Zwickau aus seinem Briefkasten holte, in der angegeben wurde, dass er mit seinem Auto zu schnell gefahren sei, war sicher, dass nicht er gemeint ist. Denn: Sein Auto war Ende März in Kaufungen gestohlen worden. Geblitzt wurde stattdessen der Autodieb.

Das Schreiben des Zwickauer Ordnungsamts.

Kohl konnte dem Mann, der seinen Audi vom Privatgrundstück gestohlen hatte, direkt ins Gesicht schauen. „Da kam erst mal Wut hoch“, sagt er im Gespräch mit der HNA. „Der Mann, der in meine Privatsphäre eingegriffen hat, hatte plötzlich ein Gesicht.“ Als wenige Tage später ein weiteres Schreiben vom Ordnungsamt kam – dieses Mal aus Aue im Erzgebirge – wurde Kohl erneut mit dem Mann konfrontiert.

Zwei Mal war der Täter, der offensichtlich in Richtung polnische Landesgrenze floh, von Radaranlagen geblitzt worden: Um 5.19 Uhr und um 5.41 Uhr des 22. März 2017. In dieser Nacht war das Auto, ein Audi A5 Sportback, aus der Einfahrt des Wohnhauses am Höhenweg in Oberkaufungen gestohlen worden.

Kohl hatte den Diebstahl am Morgen gegen halb sieben bemerkt. „Ich machte den Rollladen hoch und das Auto hätte auf den Stellplatz vor der Garage stehen sollen“, berichtet der Kaufunger Steuerberater. Erst habe er in Erwägung gezogen, dass seine Frau das Auto am Vorabend noch in die Garage gefahren hat, wo es normalerweise steht. In der Garage habe die Familie aber zu dieser Zeit ein Spielgerät für die Kinder stehen gehabt. Der Wagen war also gestohlen worden. Kohl alarmierte die Polizei.

Das Beängstigende an der Situation: Der Handsensor für die Garage lag im Auto. „Damit hätte der Mann in die Garage kommen können“ – gefährlich nah am Wohnhaus, wo Kohl mit seiner Frau und den drei kleinen Kindern schlief. Ein unangenehmes Gefühl, meint Kohl, wenn auch die Tür zum Wohnhaus zusätzlich abgeschlossen sei.

Ob er glaubt, dass er seinen Audi wiedersieht? „Ich denke, die haben das Auto längst zerlegt.“ Ohnehin könne er sich nicht vorstellen, jemals wieder dieses Auto zu nutzen, nachdem der Mann auf dem Foto darin gesessen hat. Mit der Veröffentlichung des Fotos will Ralf Kohl vor allem eines: Die Menschen in der Region vor den Autodieben warnen. Denn die Diebstähle von Autos, vor allem der Marke Audi, häufen sich laut Polizeiangaben.

Ein Foto vom Täter und einen Aufenthaltsort – was wie ein Glücksfall für die Ermittler wirkt, brachte bislang keine entscheidenden Hinweise. Laut Polizeisprecher Torsten Werner konnte der Autodieb in diesem Fall noch nicht gefasst werden. Die Informationen lassen aber Rückschlüsse auf die Herkunft des Täters zu: „Überörtlich, in Banden organisiert, auf Audis spezialisiert“ – eine Information, die für Ralf Kohl zu spät kommt.

Diebe fahren auf Audi ab

Seit Januar 2017 wurden im Landkreis und in der Stadt Kassel 20 Autos der Marke Audi gestohlen, davon acht in Kassel und zwölf im Landkreis. Im Trend sind vor allem die Typen Audi A4 und A5. Laut Polizeisprecher Torsten Werner steigt die Zahl der Autodiebstähle insgesamt an, vor allem auf Audi haben es die Täter aber abgesehen. Von den gestohlenen Autos ist bislang nur eines wieder da: Es wurde in Bautzen gestoppt.

Betroffene Autos: „Autodiebstähle gibt es immer – aber die Marken ändern sich“, sagt Werner auf HNA-Anfrage. Habe 2011/2012 ein Schwerpunkt auf VW-Bussen gelegen, so hatten es die Diebe zuletzt auf BMWs abgesehen, darunter vor allem auf die SUVs X3 und X5. „Bestimmte Regionen werden abgegrast und dann ziehen die Täter weiter“. Im Moment sei die nordhessische Region betroffen. Abgesehen hätten es die Täter vor allem auf ältere Modelle. Auf solche, die noch nicht mit den neuen Ortungssystemen ausgestattet sind und für die es einen Ersatzteilmarkt gibt. „Mutmaßlich verfügen die Täter nicht über die neuesten Tools, um die Wegfahrsperre zu entfernen“.

Täter und Tatorte: Die Täter agieren laut Torsten Werner überörtlich. Vornehmlich handle es sich um solche aus Osteuropa, die in Banden organisiert sind. Besonders Orte mit guter Infrastruktur begünstigten Diebstähle. „Die Autobahnnähe ist ein Entscheidungskriterium für die Täter“, sagt Werner.

Ermittlung: Um Autodiebe zu fassen, arbeite das zuständige Fachkommissariat der Polizei in Nordhessen mit anderen Dienststellen zusammen. Um den Ermittlungserfolg nicht zu gefährden, könne er zum aktuellen Stand keine Angaben machen. Hinweise, wie etwa Blitzerfotos, werden bundesweit an die Polizeidienststellen weitergeleitet, um Verknüpfungen zu finden und Hinweise auf die Täter zu bekommen. Da die Bandenmitglieder in wechselnder Besetzung unterwegs sind, dauere es manchmal lange bis zur Identifizierung der Täter. „Die meisten Diebe fallen bei Polizeikontrollen auf.“ Das führe aber nicht automatisch zur Aufdeckung ganzer Banden. „Meist handelt es sich um Kurierfahrer, die Hintermänner sind nicht bekannt und werden von dem Täter in der Regel nicht verraten.“ 

Ein Täter gefasst

Immerhin: Erst am Freitag, 21. April, wurde kurz nach dem Diebstahl eines Audi A6 Avant der Täter gefasst (die HNA berichtete). Ein Kennzeichenerkennungssystem an der A 4 bei Bautzen hatte das Kennzeichen erkannt und Alarm geschlagen. Die Ermittler vor Ort nahmen die Fahndung auf und stellten den 32-jährigen Täter, der auf dem Weg nach Polen war. Solche Erkennungssysteme, mobile Geräte, werden in Hessen gezielt bei Fahndungen eingesetzt. Aus Gründen des Datenschutzes können die aber nur anlassbezogen eingesetzt werden.

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