Mann soll weiter Opiate nehmen

Kaufunger muss leiden, weil Krankenkasse Cannabis-Therapie verweigert

Kaufungen. Wegen seiner schlimmen Schmerzen kann ein Kaufunger kein normales Leben mehr führen. Cannabis könnte ihm helfen - doch die Krankenkasse verweigert ihm die Therapie.

Die Leidensgeschichte von Maik Rading aus Kaufungen (Name geändert) begann vor fünf Jahren. Die Schmerzen, die er seither im Gesicht hat, bringen ihn um ein normales Leben. Längst hat er seinen Lehrerberuf an den Nagel hängen müssen, stattdessen ist sein Alltag von Arztgängen und dem stillen Rückzug zwischen die eigenen vier Wände geprägt. Rading leidet an idiopathischem Gesichtsschmerz, einem Schmerz ohne erkennbare Ursache. „Ein Teufelskreis aus Schmerzen und den Nebenwirkungen der Medikamente“, wie Rading sagt.

Etliche stationäre Schmerz- und Psychotherapien hat er bereits absolviert, bis heute muss er Medikamente einnehmen. Bis vor Kurzem nahm er noch starke Opiate. „Doch haben diese Mittel nur wenig Linderung verschafft“, sagt Rading. „Ich war dauerbenebelt, konnte nicht mehr klar denken. Ich nahm 20 Kilogramm zu und lief ständig Gefahr, von den Opiaten schwer abhängig zu werden“.

Cannabis als Alternative

Dann jedoch fand er eine Alternative: Cannabis als Medizin. Seit März 2017 dürfen die Wirkstoffe Cannabidiol (CBD) und Tetrahydrocannabinol (THC) offiziell als Medikamente verschrieben werden. Die Substanzen, die aus Hanf (Cannabis) gewonnen werden, waren zuvor über Jahrzehnte als Einstiegsdroge gebrandmarkt worden (Marihuana, Haschisch). Der medizinische Nutzen aber blieb dabei völlig ungeachtet.

„Cannabis wirkt bei chronischen Schmerzen sehr gut – und das meist mit deutlich weniger Nebenwirkungen als bei Opiaten“, sagt Rading. Er ging zu seiner behandelnden Ärztin, besprach und plante den Therapiewechsel. Seit rund einem halben Jahr nun nimmt Rading Medikamente auf Cannabis-Basis. „Und es hilft super gegen meine Beschwerden. Ich habe die chronischen Schmerzen wie auch die Schmerzschübe viel besser im Griff, habe wieder 15 Kilogramm abgenommen und kann endlich wieder am sozialen Leben teilnehmen“.

Der Inhalt dieses Films stammt nicht von hna.de, sondern von der Video-Plattform Glomex.

Doch dann kam die Ernüchterung: Seine Krankenkasse, die Audi BKK, will bis heute die Cannabis-Therapie nicht bezahlen. Jeden Monat bleibt Rading so auf 600 bis 800 Euro sitzen – viel Geld für jemanden, der nach wie vor berufsunfähig ist. Für ihn und seine Ärztin völlig unverständlich: „Die Kosten für die viel teureren und schwer abhängig machenden Opiate werden ohne große Nachfragen erstattet. Aber bei Cannabis wird der Riegel vorgeschoben.“

Tatsächlich reichte Rading Widerspruch bei der Audi BKK ein, doch die berief sich auf eine Expertise des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung Hessen (MDK) – und blieb stur. Zwar sei eine erhebliche, dauerhafte Beeinträchtigung der Lebensqualität gegeben, eine schwerwiegende Erkrankung könne aber nicht ausreichend glaubhaft gemacht werden.

„Und so sollte ich weiterhin leichte bis starke Opiate nehmen, die ich nachweislich nicht mehr vertrage, die meine Organe ruinieren und in starke Abhängigkeit führen“, sagt Rading. „Laut MDK bin ich also nicht krank genug, um das deutlich leichtere Cannabis als Medikament verschrieben zu bekommen, aber schwere Opiate und Psychopharmaka, wegen denen ich ja bereits einen Entzug hinter mir hatte, gehen in Ordnung“.

Rading und seine Ärztin sind fassungslos. Sie sehen sich im Recht, auch mit Blick auf alle drei Punkte des Paragrafen 31, Absatz 6, des Sozialgesetzbuchs, in denen die Voraussetzungen für eine Cannabis-Versorgung geregelt sind.

So grenzt für Rading das Verhalten seiner Krankenkasse grundsätzlich an unterlassene Hilfeleistung und vorsätzliche Körperverletzung. In jedem Fall will er jetzt vor das Sozialgericht ziehen. Er weiß, dass solch ein Prozess Jahre dauern wird. „Aber ich werde mich wehren, so lange ich kann. Meine ganze Hoffnung liegt darin, irgendwann meinen Beruf wieder ausüben zu können – doch mit Opiaten wird das niemals gehen.“

Das steht im Sozialgesetzbuch

Der Paragraf 31, Absatz 6, des Sozialgesetzbuches regelt die Versorgung von Cannabis. Demnach haben Versicherte mit einer schweren Erkrankung Anspruch auf eine Cannabis-Versorgung, wenn: 

• eine allgemein anerkannte, dem medizinischen Standard entsprechende Therapie nicht zur Verfügung steht,

• oder wenn im Einzelfall wegen zu erwartender Nebenwirkungen und unter Berücksichtigung des Krankheitszustandes eine anerkannte, dem medizinischen Standard entsprechende Therapie nicht zur Anwendung kommen kann, 

• wenn eine nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf eine spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf oder auf schwere Symptome besteht. 

• Eine Cannabis-Therapie darf nur in begründeten Ausnahmefällen von der Krankenkasse abgelehnt werden.

Das sagt die Krankenkasse: „Erkrankung nicht bestätigt“ 

Die Krankenkasse Audi BKK beruft sich im Fall Maik Rading ebenfalls auf den Paragrafen 31, Absatz 6, des Sozialgesetzbuches. Demnach habe der von der Audi BKK beauftragte Medizinische Dienst der Krankenversicherung Hessen (MDK) festgestellt, dass im Fall Rading „eine schwerwiegende Erkrankung nicht wünschenswert bestätigt werden kann“, teilt Audi-BKK-Sprecher Philipp Drinkut mit. 

Darüber hinaus stünden laut Gutachten weitere dem medizinischen Standard entsprechende Leistungen, auch unter Berücksichtigung des Krankheitszustandes und der Nebenwirkungen, zur Verfügung (Leistungen, die aber laut Rading nicht den gewünschten Therapieerfolg brachten und im Verhältnis zum Nutzen deutlich höhere Preise als andere Medikamente haben). 

Eine Kostenübernahme für Cannabis sei daher nicht möglich, so die Audi BKK. Hinzu komme, dass der idiopathische Gesichtsschmerz von Herrn Rading „eigentlich eine Ausschlussdiagnose für die Versorgung mit Cannabis sei“. 

Rubriklistenbild: © Abir Sultan/dpa

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