Student ist nach eigener Aussage gläubiger Christ 

Kritik an der Kirche: Ein Kasseler Student erklärt seinen Austritt

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Übt Kritik an der Finanzpolitik der Kirche: Der Student Niklas Werner ist nun aus der Kirche ausgetreten. 

Kaufungen/Kassel. Ein Student der Universität Kassel kritisiert, dass mehrere Millionen Euro in die Sanierung von Kirchen investiert wird. 

Kaufungen/Kassel. Mehrere Millionen Euro für die Stiftskirche in Kaufungen, 2,5 Millionen Euro für den Neubau der Orgel in der Martinskirche, 1,4 Millionen Euro für die Sanierung der Karlskirche in Kassel: Niklas Werner, Student an der Uni Kassel und nach eigenen Aussagen gläubiger Christ, kann das alles nicht verstehen.

„Die Kirche konzentriert sich augenscheinlich mehr auf Stein, als auf Menschen“, sagt der 26-Jährige. „Gehen wirklich mehr Menschen zum Gottesdienst, weil die Orgel neu ist?“ Bei dieser Frage bezieht er sich auch aufeine von drei Orgeln in der Kaufunger Stiftskirche, die zurzeit restauriert wird. 

Dafür wurden 100.000 Euro Spenden gesammelt und aus Stiftungsmitteln des Kirchenerhaltungsfonds auf 200 000 Euro verdoppelt. Durch weitere Spenden und Zuschüsse ist die Summe mittlerweile auf 300.000 Euro gewachsen, die Restaurierungkostetinsgesamt 420.000 Euro.

Gemeindehäuser sind wichtig

Werner findet es „fragwürdig“, dass viel Geld der Landeskirche in die Restaurierung der Orgel investiert werde, wohingehen keine finanziellen Mittel für den Kauf eines Gemeindehauses in Niederkaufungen freigegeben worden seien. „Gemeindehäuser sind so wichtig, dort treffen sich die Leute noch.“ Der Student kritisiert grundsätzlich, dass „gemeinnützige wichtige Projekte finanziell nicht unterstützt, dafür aber hohe Summen in Kirchen investiert werden, in die immer weniger Menschen gehen“. Damit meint er auch die Martins- und die Karlskirche, die in unmittelbarer Nähe zueinander in Kassel stehen.

Schriftliche Kritik

„Ich habe mir in Gottesdiensten selbst einen Eindruck gemacht und festgestellt, dass Sonntagmorgens die Kirchen eher schlecht besucht sind.“ An der Zahl der Gottesdienstbesucher gemessen sei es finanziell verantwortlicher, entweder die Martins- oder die Karlskirche zu schließen oder sie zumindest für einen anderen Zweck zu verwenden und das frei werdende Geld in Projekte wie den Hafen 17 zu stecken. Der Hafen 17 ist ein Treff für Kinder des Diakonischen Werks Kassel, wo unter anderem Hausaufgabenbetreuung und Freizeitaktivitäten angeboten werden.

Seine Kritik hat Werner auch schriftlich an Carmen Jelinek, Dekanin in Kaufungen, und Barbara Heinrich, Stadtdekanin in Kassel, gesendet. Werner wuchs in Kaufungen auf und wohnt jetzt in Kassel. Er fordert in dem Brief: „Richten Sie Ihre Augen und Ihre Arbeit endlich wieder den Menschen und deren Bedürfnissen zu. Die Menschen werden sich der Kirche zuwenden und gerne ihre Kirchensteuer zahlen, wenn sie merken, dass sie einen Gegenwert erfahren.“ Diesen Gegenwert fänden sie aber nicht in Bauwerken.

Werner habe nun auch eine Antwort von Carmen Jelinek, Dekanin des Evangelischen Kirchenkreises Kaufungen, erhalten. Sie habe ihm ein Gesprächsangebot unterbreitet, auf das er eingehen werde, wie er sagt.

Der Student ist zwischenzeitlich aus der Kirche ausgetreten. „Ich werde meine Kirchensteuer nächstes Jahr ausrechnen und den Betrag an ein nachhaltiges Projekt spenden“, sagt der Student aus Kassel.

Das sagt Stadtdekanin Barbara Heinrich

... zu dem Vorwurf, die Kirche konzentriere sich mehr auf Stein, als auf Menschen:

„Im Stadtkirchenkreis Kassel liegt der Schwerpunkt auf der Arbeit mit und für Menschen“, sagt Stadtdekanin Barbara Heinrich. Das fängt bei den 17 Kindertagesstätten an, für die 2018 und 2019 pro Jahr mehr als eine Million Euro an kirchlichen Eigenmitteln ausgegeben werden; das geht weiter über die Jugendarbeit, die Familienbildungsstätte (...). Für all das braucht es auch Orte. Baumittel werden zur Erhaltung von Kirchen, Gemeindehäusern und Kitas ausgegeben.“ 

... zu dem Vorschlag, aus finanziellen Gründen entweder die Martins- oder die Karlskirche in Kassel zu schließen:

 „Wenn eine Kirche geschlossen werden würde, stünden die Unterhaltungskosten und Baumittel nicht frei zur Verfügung. Ich bin überzeugt, dass der Protest auf den Vorschlag von Niklas Werner, die Martinskirche oder die Karlskirche zu schließen, ihn in seiner Intensität überraschen würde. Vielen Menschen – auch außerhalb der Kirche – sind diese Kirchen wichtig.“ 

... zu der Forderung, die Arbeit der Kirche auf Menschen und deren Bedürfnisse zu richten: 

„Ich habe schon einige der Handlungsfelder aufgeführt, die mit kirchlichen Mitteln bezahlt werden und erweitere diese zum Beispiel um die Beratung für Müttergenesung, die Psychologische Beratungsstelle, das Sucht- und Sozialtherapiezentrum. „Die Interessen und die Bedürfnisse von Menschen gehören zur Grundorientierung der Evangelischen Kirche in Kassel.“

Das sagt Dekanin Carmen Jelinek

.. zu den Gemeindehäusern: 

„Der Kirchenkreis habe insgesamt einen Überhang an Gemeindehäusern, die es zu reduzieren gelte“, sagt Carmen Jelinek, Dekanin des Evangelischen Kirchenkreises Kaufungen. „Die Kirchengemeinde Niederkaufungen hatte bisher schon ein Gemeindehaus, für das die Landeskirche und der Kirchenkreis für Bewirtschaftung- und Instandhaltungskosten einen großen Teil beitragen. Die Kirchengemeinde hat sich nun für ein zusätzliches Gemeindehaus entschieden und es durch Fördermittel und Spenden finanziert.“

... zu dem Vorwurf, die Kirche konzentriere sich mehr auf Stein, als auf Menschen:

 „Gebäude müssen auch im kirchlichen Bereich instand gehalten werden. Das kommt mindestens einmal pro Generation auf uns zu. Auch Instrumente bedürfen der Pflege. Sie sind nur dann attraktiv, wenn sie auch für Gottesdienste und Konzerte geeignet sind.“ Und speziell zur Wilhelmorgel: „ Für die Restaurierung haben sich viele Menschen engagiert, es flossen keine Haushaltsmittel der Kirchengemeinde in das Projekt. Aber 100 000 Euro Spenden kamen zusammen und wurden durch die Stiftung Kirchenerhaltungsfonds verdoppelt. Es war Spenderwille, dass das Geld für die Orgel eingesetzt wird.“ „

.. zu der Zahl der Gottesdienstbesucher in Kaufungen:

 „Besondere Gottesdienste werden sehr gut wahrgenommen. Am Reformationstag war die Kirche zum Beispiel gefüllt wie zu Weihnachten. Zum normalen Sonntagsgottesdienst kommen natürlich weniger Menschen.“

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