Naturschutz

Star bleibt Star: Reinhard Böth setzt sich für "Vogel des Jahres" ein

Vielfalt statt Einfalt: Reinhard Böth aus Niederkaufungen liebt seinen in Teilen auch wild wuchernden Garten. Dieser zeichnet sich durch hohe Artenvielfalt aus – lebenswichtig auch für heimische Singvögel wie den Star. Foto: Boris Naumann

Kaufungen. „Ein Star in Not“: Es war diese Überschrift vergangenen Mittwoch in der HNA, die der Kaufunger Reinhard Böth las und die ihn zum Grübeln brachte. Der Star, einst ein Allerwelts-Singvogel, ist auch im Landkreis Kassel vom Aussterben bedroht.

Tatsächlich ist die Star-Population in ganz Deutschland schon in den Jahren 1998 bis 2009 um 42 Prozent zurückgegangen. Nach Angaben des Nabu Hessen existiert im Landkreis Kassel aktuell nur noch ein Drittel des ursprünglichen Staren-Bestandes. Der Hauptgrund ist Nahrungsmangel bedingt durch Insektenrückgang. Dafür sorgen Spritzmittel in der Landwirtschaft – aber eben auch völlig ausgeräumte Privatgärten ohne Lebensräume für Käfer, Fliegen und Schmetterlinge.

„Muss das wirklich sein?“, fragt sich da Reinhard Böth. Wer seinen Garten in Niederkaufungen gleich hinter der Kirche betritt, hat den Eindruck, in einem verwunschenen Paradies zu sein – hier ein alter Bauerngarten, dort ein kleiner Tümpel, hinten eine hochgewachsene Wiese und mittendrin immer wieder alte, knorrige Obstbäume.

Es wuselt überall

Geht man durch diesen Garten hindurch, bekommt man eine Ahnung davon, worum es beim Schutz der Stare und überhaupt der Singvogelwelt geht. Es schwirrt und wuselt überall – Marienkäfer, Blattwanzen, Ameisen, Libellen, Raupen und zahlreiche kleine und große Fliegenarten. All das ist Futter für die Vögel.

Böth sieht sich keinesfalls als Fanatiker. Auch er hat einen Elektro-Rasenmäher, mit dem er regelmäßig ein kleines Stück Rasen freihält. „Dort stehen unsere Gartenmöbel, dort wird gegessen, gegrillt und gefaulenzt“, sagt der 66-Jährige. „Aber mehr Fläche ist dafür nicht nötig. Ich muss nicht gleich meinen ganzen Garten platt machen“.

Ein Star in Not: Der Vogel des Jahres 2018 ist auch im Landkreis Kassel in seinem Bestand stark zurückgegangen. Foto: Georg Dorff/dpa

Und so lässt er einfach viel wachsen, ohne sich groß darum zu kümmern. Natürlich ist sein Garten schon alt und fantastisch eingewachsen. Sein Großvater hatte in den 1960er-Jahren noch DDT gespritzt. „Ich hab das dann gelassen“, sagt Böth. Inzwischen funktioniere sein Bauerngarten völlig ohne Spritz- und Düngemittel. Den Kompost macht er selbst, die angelegte Mischkultur halte Schädlinge weitgehend in Schach.

Rasenmäher zerstören alles

Neben zig Gemüsesorten hat er dort viele verschiedene Blühstauden gesetzt, vieles hat sich auch selbst ausgesät. Böth hat Bienen, sieben Völker, sein Honig sei ein Genuss, sagt er. Auch auf der ungemähten Wiese hinterm Haus grünt und blüht es – es gibt Nektarquellen für die Bienen und viele kleine Lebenräume für Insekten aller Art.

Seine Wiese mäht er nur zweimal im Jahr – dann mit einer Sense. „Ein Rasenmäher saugt alles auf und zerschreddert alles, auch die Kleintiere im Rasen, die den Vögel als Futter dienen“, sagt Böth. Die seltene Mahd sorge auch für eine vergleichsweise hohe Artenvielfalt. Weit über 200 Pflanzenarten hat er in seinem Garten schon gezählt.

Und von jeder Art hängt meist auch irgendein Insekt, und letztlich auch die Vogelwelt ab. Verschwindet zum Beispiel die Brennnessel, braucht man auf Schmetterlinge wie den Kleinen Fuchs oder das Tagpfauenauge nicht mehr zu hoffen. „Denn die Raupen fressen diese Pflanze. Und fehlt diese, finden die Vögel auch keine Raupen.“

Weniger Singvögel

Tatsächlich beobachtet aber auch Böth einen Rückgang von Singvögeln in seinem Garten. Zehn Brutkästen hängt er jedes Jahr auf, davon waren stets sechs oder sieben meist von Meisen oder Staren besetzt. Heute zählt er nur noch drei Brutpaare. Warum? Sein Garten ist doch perfekt!

Müde schaut Böth hinüber in die Nachbargärten. Hier offenbart sich genau das, was den Singvögeln auf die Dauer den Garaus macht. Glattgeschorene Rasen bis in die hintersten Ecken, wenige Bäume, wenige Büsche – keine Lebensräume für Insekten und Vögel. „Von diesen Gärten gibt es inzwischen zu viele. Und wir bauchen nicht auf die Landwirtschaft schimpfen, solange unsere Gärten selbst aussehen wie sterile Golfplätze.“ Und so hat Böth seine Garten-Geschichte gerne erzählt. Er hofft, damit die Menschen zum Nachdenken anzuregen und vielleicht auch einige Nachahmer zu finden.

Denn er weiß: Er alleine wird mit seiner kleinen grünen Insel die Vogelwelt nicht retten können.

Unter dem Titel „Holen Sie sich die Natur nach Hause!“ bietet der Nabu kostenlose Info-Broschüren an. Sie können via Internet bestellt werden.

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