Vereinsmitglieder nahmen damals privaten Kredit auf

Steinertseebahn in Kaufungen: Mit Dampflok Susi fing es vor 40 Jahren an

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Ab geht die Fahrt in Kaufungen: Erinnerungen aus dem Jahre 1993 an die Steinertseebahn. Viele Kinder zog die Freiluft-Modellbahn Im Landkreis Kassel bisher in ihren Bann.

Kaufungen. Die Steinertseebahn ist ein beliebtes Ausflugsziel. Seit 40 Jahren gibt es sie nun in Kaufungen. Doch wie fing die Geschichte um die Attraktion im Kreis Kassel an?

Das Gelände der Steinertseebahn ist heute ein Naturidyll und Anziehungspunkt nicht nur für Eisenbahnfreunde von nah und fern. Ganze Generationen von Kindern haben hier ihre erste Zugfahrt auf der Liliput-Eisenbahn gemacht und sich den Dampf der Loks um die Nase wehen lassen. "Unseren Nachwuchs haben wir vor allem durch unsere Steinertseebahn gewonnen. Das ist wohl für Jugendliche eines der letzten Abenteuer“, sagt Norbert Faupel, stellvertretender Vorsitzender des Modell-Bahn-Clubs Kassel (MBC).

MBC träumte von eigener Freiluft-Modellbahn

Die Mitglieder des 1966 gegründeten MBC hatten sich ursprünglich nur mit dem früher sehr beliebten Hobby der Modelleisenbahnen beschäftigt, die man auf Sperrholzplatten aufbaut. Doch bei einem Ausflug zu einer der ersten Freiluft-Modellbahnen Deutschlands in Baden-Württemberg begeisterten sie sich für echte Dampfloks im Mini-Format, mit denen man auch fahren kann. 

Vereinsveteran Faupel erinnert sich, dass einige der Dampflokenthusiasten einen privaten Kredit organisierten und davon die erste kleine Dampflok anschafften: Mit „Susi“, so wurde sie getauft, veranstalteten die Eisenbahnfreunde einen Wanderzirkus, wie Faupel sagt. Die Mitglieder schweißten selbst einen transportablen Gleis-Kreis zusammen und dampften mit einem von Susi gezogenen Zug bei Firmen und Hessentagen vor. Der Betrieb mit den „kleinen“ Modelleisenbahnen ging derweil in der Königstorschule in Kassel weiter. Dort hat der MBC noch heute sein Domizil.

Der Wanderzirkus reichte den Mitgliedern bald nicht mehr. Sie gingen auf die Suche nach einem eigenen Gelände, auf dem man einen richtigen Zugverkehr aufbauen kann.

1978 kam ein Angebot des früheren Kaufunger Bürgermeisters Gerhard Iske, das stillgelegte Braunkohleabbaugebiet am Steinertsee zu nutzen. Der Verein schloss einen langjährigen Pachtvertrag mit der Gemeinde, der inzwischen verlängert worden ist. Jahre harter Arbeit folgten und viel Schweiß wurde vergossen, bis die erste Modellbahnstrecke in Betrieb genommen werden konnte. Faupel, ein Veteran aus der Gründerzeit der Bahn, kann sich noch gut an die Wüste erinnern, die der Verein damals vorfand und in Eigenleistung herrichtete.

Die Mitglieder renovierten in Eigenleistung die ehemalige Waschkaue, das Sanitär- und Umkleidehaus der Bergleute und bauten es für ihre Zwecke um. Heute befinden sich dort neben den Vereinsräumen der Lokschuppen und die Werkstatt. Einen Wasseranschluss oder Strom gab es in den ersten Jahren noch nicht.

Erinnerungen aus dem Jahr 1983: Die vollbesetzte Liliput-Eisenbahn in Aktion.

„Wir hatten ein Plumpsklo im Wald“, sagt Faupel. Elektrizität lieferte ein Notstromaggregat. Mit diesem hätten die Frühaufsteher ein ums andere Mal ihre noch schlafenden Mitstreiter aufgeweckt. Beim Aufstellen des großen, originalen Fahrsignal-Mastes am Vereinsheim half die Kasseler Feuerwehr mit einem Kran aus.

Ihren Fuhrpark haben die Modellbahner nach und nach vergrößert, durch Ankauf oder Eigenbau von Loks. Auch die Straßenbahnen und Geleise, die die Insassen der JVA Kassel einst für Hessentage gebaut hatten, haben sie übernommen. Er leite heute noch eine Modellbau-AG im Gefängnis, sagt Faupel. Wieviele Loks der Verein insgesamt hat, will er nicht verraten. Das wecke nur Begehrlichkeiten.

Steinertseebahn wuchs Kreis um Kreis

Die Geschichte der Steinertseebahn ist vor allem eine Geschichte des ständigen Umbaus und der Erweiterung der Gleisanlagen. Zunächst gab es einen kleinen Kreis, dann folgte ein neuer größerer Kreis. 2010 stand – rechtzeitig zur 1000-Jahr-Feier Kaufungens – der nächste Kraftakt an, der Bau eines weiteren 420 Meter langen Kreisovals mit Verbindungen zur bisherigen Anlage. Außerdem bauten die Clubmitglieder eine dritte Schiene an die vorhandenen Gleise, so dass nun auch die dampfenden „Boliden“, die eine breitere siebeneinviertel Zoll messende Spur benötigen, die Anlage befahren können. Das kommt vor allen Gästen zugute, die mit großen Lokomotiven die Strecke befahren wollen.

Neue Wege kamen hinzu: Die Präsentation der neuen Gleise im Jahr 1984. Wenn Sie in die rechte obere Ecke des Bildes klicken, öffnet sich das komplette Fotomotiv.

Im Jahr 2018 haben die Modellbahn-Fans sämtliche unterirdisch verlegten Kabel freigelegt und erneuert. Bei jedem Bauabschnitt habe ein neuer Arbeitstrupp die Leitungen anders verlegt, erzählt Faupel. Mangels Aufzeichnungen ging irgendwann der Überblick verloren, es kam ab und zu zu Kurzschlüssen. Nun wurden die Kabel übersichtlich in Schächten verlegt und der Anschluss an die Schaltzentrale des Bahnhofs erneuert. Denn bald werde das Stellwerk, von dem aus der Zugbetrieb auf der Strecke gesteuert wird, ausgetauscht, berichtet der MBC-Vorsitzende Dirk Federau. Ein Mitglied des Vereins habe bereits ein original DRS2-Stellwerk der früheren Bundesbahn besorgt. Mit diesem könnten die Züge mit einem Knopfdruck gesteuert werden. Digitalisiert werden solle die Anlage nicht. „Wir wollen ja gerade die gute alte Bahn, wie sie früher war, am Leben erhalten“, sagt Federau.

Der mehr als 20 Loks und elektrische Triebwagen umfassende Fuhrpark des Vereins erzählt nicht nur die Geschichte der Eisenbahn, sondern auch die der Region. Werner Pötsch, ein Veteran des Vereins, hat unter anderem die historische Herkules-Güterbahn nachgebaut, die früher Kohle und Basalt aus dem Habichtswald nach Kassel transportierte. Kasseler Straßenbahnen gehören ebenfalls zum Fuhrpark.

Dieses Video stammt nicht von der HNA, sondern von der Videoplattform Glomex.

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