Tochter schrieb Buch über den Sozialdemokraten

Walter Haferkorns Widerstand gegen das Naziregime 

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Stammt von einem unbekannten Kasseler Maler: Dagmar Hempelmann mit einem Porträt ihres Vaters von 1969. Der Sozialdemokrat Walter Haferkorn lebte von 1901 bis 1969.

Kaufungen. „Wer verantwortlich ist, wird zur Rechenschaft gezogen“, zitiert Dagmar Hempelmann, um den ersten Kläger der Spruchkammer Kassel-Land gegen das Naziregime zu beschreiben - ihren Vater.

Es liegt der Autorin am Herzen, den Widerstand ihres Vaters Walter Haferkorn gegen das Naziregime zu beschreiben. „Viele wissen auch nicht, was die Spruchkammer war, in die er 1947 berufen wurde“, sagt sie. Spruchkammerverfahren waren Verhandlungen, die bis 1949 im Zuge der Entnazifizierung in den drei westlichen Besatzungszonen Deutschlands stattfanden.

80 Jahre nach der Machtergreifung Hitlers, im Jahr 2013, begann Dagmar Hempelmann mit ihren Recherchen in verschiedenen Archiven. Ihre Enkelin Sofia hatte sie zuvor gefragt, wann sie denn mit ihrem Buch beginnen würde.

Flüssig geschrieben: Das Buch von Dagmar Hempelmann.

„Ein mit Wärme und großem Verständnis gezeichnetes Lebensbild des Vaters, der als überzeugter und standhafter Sozialdemokrat viele Zeitgenossen beeindruckt hat“, schreibt Dietfrid Krause-Vilmar über das Buch. Der Historiker gehört zu den Gründern des Fördervereins der Gedenkstätte Breitenau in Guxhagen.

„Das Porträt einer Familie, die sich vollkommen von den Nazis distanzierte. Beeindruckend und gut lesbar“, bestätigte auch der frühere Oberbürgermeister von Kassel und ehemalige Bundesminister der Finanzen, Hans Eichel (SPD), im Anschluss an die Buchlektüre.

Unter dem Doppelnamen Hempelmann-Haferkorn stellt Dagmar Hempelmann ihren Vater, der von 1901 bis 1969 gelebt hat, eingebettet in ihre Familiengeschichte als ersten öffentlichen Kläger der Spruchkammer Kassel-Land vor. „Wer verantwortlich ist, wird zur Rechenschaft gezogen“, ein Zitat aus dem Gesetz Nr. 104 zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus vom März 1946, wählte sie als Buchtitel.

Zwangsarbeitern geholfen 

Von seinem politisch interessierten Vater geprägt, hatte Walter Haferkorn Adolf Hitlers Werk „Mein Kampf“ aufmerksam gelesen. „Mein Vater lehnte den Nationalsozialismus von Anfang an ab“, berichtet Dagmar Hempelmann.

„Ich bin stolz, dass er Widerstand geleistet und Zwangsarbeitern geholfen hat“, sagt sie. In einem von ihrem Vater auf seine Rechnung errichteten Privatbunker habe er ferner 200 Menschen Schutz geboten.

„Einen Zwang, diese Bewegung zu unterstützen, gab es niemals. Es gehörte etwas Mut, Selbstdisziplin und Verzicht auf persönliche Vorteile dazu, sich dieser Bewegung fernzuhalten“, sagte Walter Haferkorn 1947. Er nahm dies für sich selbst in Kauf, wurde für seine Gesinnung bedroht und gehasst und zog sieben Mal um.

Auch im Rahmen seiner Tätigkeit in der Spruchkammer wurde er denunziert, im Anschluss von den Vorwürfen jedoch freigesprochen.

Das Buch „Wer verantwortlich ist, wird zur Rechenschaft gezogen“ von Dagmar Hempelmann-Haferkorn ist im Verlag Winfried Jenior (Kassel) erschienen. 195 Seiten, 12 Euro, ISBN: 978-3928172554

Von Bettina Wienecke

Hintergrund

Spruchkammern in Deutschland 

Die Spruchkammern wurden von Juristen und Laienrichtern geführt, sie fällten ab 1946 Urteile. Das Kontrollratsgesetz Nr. 104 zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus unterteilte darin fünf Gruppen: Hauptschuldige, Belastete (Aktivisten, Militaristen, Nutznießer), Minderbelastete (Bewährungsgruppe), Mitläufer und Entlastete. Um einen Unbedenklichkeitsschein (umgangssprachlich als Persilschein bezeichnet) zu erhalten, mussten die Betroffenen die Schuldvermutung entkräften, sich vom Vorwurf einer nationalsozialistischen Gesinnung sozusagen „reinwaschen”.

Stichwort

Der familiäre Hintergrund 

Dagmar Hempelmann führte 35 Jahre den Tabak- und Spielwarenladen ihrer Familie in Oberkaufungen weiter, seit 1994 befindet sich dort die Buchhandlung Terracotta. Bei ihren Recherchen wurde die 77-Jährige von ihren Mann Reinhold unterstützt, das Paar hat einen Sohn, eine Tochter und sechs Enkel. In dem Buch über ihren Vater Walter Haferkorn zeigt die Autorin neben Familienfotos auch alte Ansichten von Oberkaufungen. (pbw)

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