Scheune ohne Tageslicht

Verwahrloste Pferde in Kaufungen: Starb ein Tier, weil die Ämter nicht handelten?

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Beweisfotos: Nachbarn der Pferdehalterin hielten den Zustand der Tiere über Monate fotografisch fest und dokumentierten schriftlich, wie häufig die Tiere auf den Hof gelassen wurden. Ansonsten hätten sich in einer Scheune ohne Tageslicht gestanden

Kaufungen. Zwei verwahrloste Pferde in Kaufungen haben Tierschützer auf den Plan gerufen. Nach wochenlangem Kampf um das Wohl der Tiere ist jetzt eines von ihnen tot.

Nachbarn der Tierhalterin aus Oberkaufungen hatten am Mittwochmorgen beobachtet, wie der Kadaver abtransportiert wurde.

Laut Kreissprecher Harald Kühlborn hatte das Tier eingeschläfert werden müssen. Das bestätigt auch der Leiter der Kaufunger Tierklinik Dr. Wolfgang Kähn auf HNA-Anfrage, der das Tier auch persönlich kannte.

Die Tierschützer werfen den Behörden vor, dass sie sich nicht richtig gekümmert haben. „Die Pferde wurden in einer Scheune ohne Tageslicht gehalten und, wenn sie denn mal rauskamen, standen sie auf einem betonierten Hof“, berichtet Nathalie Hetze stellvertretend für eine Gruppe von Tierschützern, die auch beim Tierschutzverein „Vier Hufe“ mitwirken. Die Pferde seien über die Jahre abgemagert und hätten in ihrem eigenen Kot gestanden. Zum Tod des einen Tiers sagt Hetze: „Im Alter von acht Jahren stirbt ein Pferd nicht einfach so.“

Seit 2010 beobachte man die Situation. Ein ausführliches Dokument, welches der HNA vorliegt, hält fest, wann Veterinäramt und Ordnungsamt der Gemeinde, aber auch die Pferdehalterin, kontaktiert wurden. Die HNA konnte zu der Pferdehalterin, deren Name der Redaktion bekannt ist, keinen Kontakt herstellen.

Doris Bischoff

Auf Nachfrage bei der Gemeinde Kaufungen teilt die Vize-Bürgermeisterin Doris Bischoff mit, dass man am 29. Juni erstmals von dem Fall schriftlich erfahren habe. Noch am selben Tag habe man die Information an das Veterinäramt des Landkreises weitergeleitet. „Die Gemeinde ist nicht zuständig“, sagt Bischoff. Man habe sich dann im Nachhinein noch einmal beim Veterinäramt erkundigt, die gesagt hätten, ein Tierarzt sei beauftragt worden, sich die Tiere anzusehen.

Im Rathaus vorgesprochen

Nathalie Hetze

Weil sich aber aus ihrer Sicht in der Sache nichts getan habe, sprach Nathalie Hetze begleitet von ihrer Kollegin Julia Hochbein persönlich am Dienstag, 4. Juli, im Rathaus vor. Dort habe es geheißen, ein Sachbearbeiter habe den Fall an einen anderen abgegeben, weil er die Halterin persönlich kenne. Stattdessen kümmere sich ein Kollege um die Angelegenheit – „aber der hatte von dem Fall noch nichts gehört“, erzählt Hetze. Laut Bischoff könne letzteres nicht stimmen, habe dieser Mitarbeiter doch dann den Fall an das Veterinäramt weitergeleitet. Der angeblich befangene Mitarbeiter, auch Pferdehalter, sagte auf Nachfrage der HNA, er habe sich aus der Sache heraushalten wollen. und: „Kaufungen ist ein Dorf, da kennt man sich eben.“

Laut Hetze hätten Nachbarn der Pferdehalterin kurz nach ihrem Vorsprechen im Rathaus eine „große Säuberungsaktion“ auf dem Hof beobachtet. „Wahrscheinlich haben die den Stall für einen eventuellen Besuch des Ordnungsamts hergerichtet.“ Schließlich hätte man auch gesehen, wie das zweite Pferd am Mittwochmittag vom Hof geholt und auf eine Wiese zwischen Kaufungen und Nieste gebracht wurde. Der befangene Mitarbeiter der Verwaltung sei dort hinzugekommen und habe die Beobachter darauf aufmerksam gemacht, ihre Handys nicht zu verwenden. „Vielleicht wollte er nicht, dass sie etwas fotografieren oder filmen“. Dies wiederum leugnet der Mann: „Ich habe das Pferd nicht gesehen.“

Das sagt das Veterinäramt

Der Fall sei dem Fachbereich Veterinärwesen und Verbraucherschutz seit 2014 bekannt, heißt es vom Landkreis. Aufgrund von Beschwerden sei zeitnah eine unangekündigte Kontrolle gemacht worden, bei der „alle Pferde in augenscheinlich gutem Ernährungs- und Pflegezustand“ waren. „Der unterstellte fehlende Auslauf der Tiere war nicht nachweisbar.“ 

Aufgrund erneuter Hinweise aus der Bevölkerung erfolgte eine weitere unangekündigte Kontrolle im Jahr 2016, bei der ein Pferd einen mäßigen Ernährungszustand aufwies, jedoch ansonsten in gutem Allgemeinzustand war. Aufgrund dessen wurde eine Futterumstellung angeordnet. 

Auch bei einer Kontrolle in 2017 habe ein Pferd „einen nur mäßigen Ernährungszustand“ gezeigt. Der Eigentümerin wurde die umgehende ausführliche Untersuchung durch einen Tierarzt aufgetragen, welche sie auch zeitnah umgesetzt habe, so die Behörde. „Da sich der Gesundheitszustand des Pferdes aufgrund einer diagnostizierten Erkrankung jedoch zunehmend verschlechterte, musste dieses durch einen praktizierenden Tierarzt eingeschläfert werden.“ 

Laut Kreissprecher Harald Kühlborn müsse in einem solchen Fall immer abgewogen werden zwischen Tierwohl und dem Eigentumsrecht des Tierbesitzers. Da es sich bei Tieren gesetzlich um Dinge handle, könne man einem Halter ein Pferd nicht ohne Weiteres wegnehmen.

Das sagt der Tierarzt

Das Pferd sei „unheilbar krank“ gewesen und hatte „aus Tierschutzgründen erlöst“ werden müssen, sagt Dr. Wolfgang Kähn aus dem Leitungsteam der Kaufunger Tierklinik. Weitere Details zum Patienten wollte er wegen der ärztlichen Schweigepflicht nicht nennen. Es sei nicht ungewöhnlich, dass ein jüngeres Pferd krank werde. „Auch bei Menschen sterben manche mit 20 und andere erst mit 100 Jahren“, so Kähn. Es habe sich um „eine von vielen Erkrankungen“ gehandelt.

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