Kaufungen wird am Mittwoch 1000 Jahre alt: Interview mit Winfried Wroz

Nachdenklich: Winfried Wroz wagt am Steinertsee in Kaufungen einen Blick in die Zukunft. Foto: Schindler

Kaufungen. Am morgigen Mittwoch vor 1000 Jahren wurde Kaufungen zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Zum Geburtstag der Lossetal-Gemeinde haben wir mit Winfried Wroz gesprochen, dem besten Kenner der Geschichte Kaufungens.

Kaufungen wurde am 10. August 1011 zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Wie alt ist der Ort wirklich?

Winfried Wroz: Das wissen wir nicht. Was wir wissen, ist, dass die beiden Dörfer, Ober- und Niederkaufungen, 1019 in Urkunden auftauchen. Die waren garantiert im 9. Jahrhundert schon da, aber man feiert eben die erste urkundliche Erwähnung.

Gesichert ist, dass zwischen 1008 und 1011 der Königshof von Kassel nach Kaufungen verlegt wurde. Die Regenten müssen die Gegend um Kaufungen also gut gekannt haben.

Wo liegt die Wiege Kaufungens, sind noch Reste aus der Anfangszeit zu sehen?

Wroz: Da gibt es viel Dichtung und Wahrheit. Der Hexenberg wurde als Wiege vermutet, wir haben aber keine Belege. Tatsächlich handelt es sich bei diesen Gemäuern um die Reste eines alten Wehrkirchhofes aus dem 14. Jahrhundert.

Kaiser Heinrich II. war gerade fünf Mal in der Pfalz Kaufungen. Wird die Bedeutung des Kaiserpaares für den Ort überschätzt?

Wroz: Das hört sich wirklich wenig an, aber das Kaiserpaar war bis zu zehn Tage am Stück da. Es gab ja keine festen Regierungssitze, regiert wurde an wechselnden Orten. Man war mit bis zu tausend Mann unterwegs.

Wie ist dieser Tross versorgt worden?

Wroz: Von den Bauern aus den Dörfern. Sie mussten das Gefolge verköstigen. Um es ganz deutlich zu sagen: Die haben den Landstrich regelrecht leer gefressen.

Kassel ist zwar älter, aber in der Frühzeit war Kaufungen bedeutender ...

Wroz: Früher hieß es tatsächlich Kassel bei Kaufungen. Noch im 11. Jahrhundert war Kaufungen bedeutender, weil es Marktrechte hatte und sogar zwei Jahrmärkte abgehalten werden durften.

Wann hat sich das Verhältnis umgedreht?

Wroz: Neudeutsch gesprochen durch die Veränderung der Infrastruktur, konkret durch den Bau der Fuldabrücke, über die die Waren fortan problemlos in die Stadt gelangen konnten.

Die Gründerzeit Kaufungens fasziniert die Menschen. Ist die Darstellung des mittelalterlichen Lebens, wie jetzt bei verschiedenen Jubiläumsveranstaltungen zu sehen, realistisch?

Wroz: Nein, die Zeit wird sicher verklärt und idealisiert. Es gab die Pest, die Lepra, und überhaupt sind die Menschen nicht alt geworden.

Wie alt wurde denn der Kaufunger vor tausend Jahren?

Wroz: Meist wurde man nicht älter als 50.

Wie war das Verhältnis zu den Nachbarorten zu Zeiten, als man noch nicht durch elektrische Medien oder Telefon verknüpft war, sondern noch zu Fuß gehen musste?

Wroz: Bei Festen gab’s früher zumeist Dresche. Es gab ja auch Gegensätze: Die Niederkaufunger waren die reichen Bauern, die Oberkaufunger die ärmeren Handwerker. Man kann aber davon ausgehen, dass die Menschen - die meisten waren Selbstversorger - ihre Orte kaum jemals verlassen haben.

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Welche Bedeutung hatte die Anbindung des Ortes an das Schienennetz?

Wroz: Die Eisenbahn brachte Arbeit und Betriebe nach Kaufungen. Ein Beispiel ist die Hercules-Spiralfederfabrik, sie stellte Stangen für die Korsetts der feinen Damen her. Und die Papiertütenfabrik, die nur die Dutte genannt wurde. Die lieferte Samentüten ins ganze Reich.

Wie wird Kaufungen am 10. August 3011 aussehen?

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Wroz: Wenn die Entwicklung so weitergeht, wird vom Fachwerk nicht viel übrig bleiben. Insgesamt hat das Dorf nur Zukunft, wenn die Menschen wieder mehr aufeinander zugehen und gemeinsam etwas entwickeln, sonst ist das Ganze bloß eine Schlafgesellschaft. Mir macht der Konkurrenzkampf, der schon in der Schule beginnt, Sorgen.

Kommen wir noch mal auf das Kaufunger Wahrzeichen: Wird es die Stiftskirche in tausend Jahren noch geben?

Wroz: Das hängt auch davon ab, wie sich die Religiosität der Bevölkerung entwickelt. Aber erst mal wird sie ja ordentlich saniert.

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