Heimlich naschten die Geschwister an den von der Mutter gezauberten Leckereien

Kindliche Gaumenfreuden

Backtag in Altenritte: Auf den größeren Höfen war meistens ein privates Backhaus zu finden. Die anderen Familien brachten ihre Bleche mit Kuchen ins Dorfbackhaus und später in die Bäckerei. Foto: nh/privat

Baunatal. Hinter dem Fachwerkwohnhaus des großelterlichen Bauernhofes stand ein kleineres Gebäude, in dem die Wasch- und Futterküche untergebracht war. Daran schloß sich das Backhaus an, aus dem nach dem Brot- und Kuchenbacken ein lieblicher Duft in unsere Kindernasen stieg. Dann war es wieder einmal soweit! Wir Kinder passten die Gelegenheit ab und eilten herbei, um den frischen Hefekuchen zu probieren.

Den Rest des Brotteiges verwendete man zum Backen eines Speckkuchens oder Grünen Kuchens oder man nahm den Teig, um die gutschmeckenden „Appellaibchen” für uns Kinder zu backen. Ein entkernter Apfel mit Schale wurde mit dünnem Brotteig umhüllt und in der Nachwärme des Backofens gegart. Knusprig war dann die Teighülle, während der Apfel geschmort war – eine Lieblingsspeise für uns Kinder. Noch heute backe ich mir manchmal von dem restlichen Brotteig eines Speckkuchens dieses köstliche Dessert, zu dem ich noch Vanillesoße koche – ein Kindheitstraum!

Im Herbst wurden Zwetschgen und Apfelringe mit Schale auf Rosten in der Nachwärme gedörrt. In Leinenbeuteln aufbewahrt, diente das gedörrte Obst als süße Beilage zu Nudelgerichten. Zum Kochen wurde das Dörrobst kurz gewaschen, einige Zeit eingeweicht und dann auf dem Herd gegart. Das Dörrobst war für uns auch ein Bonbon-Ersatz. Oftmals habe ich auf dem Weg von der Bäckerei bis nach Hause die braungebackene Kruste des gekauften Brotlaibes angeknabbert. Meine Mutter wunderte sich nicht mehr und sagte nur: „Na, waren die Mäuse mal wieder an unserem Brot?“ Von dem Stück Hefe, das man zum Backen des Kuchens benötigte und lose in einem Blatt Pergamentpapier beim Bäcker kaufte, aß ich immer etwa ein Drittel. So gut schmeckte sie mir!

Zum Backen hatten wir damals schon einen Elektroherd und ein elektrisches Waffeleisen. Meine Mutter backte an den Wochenenden, soweit Mehl und Zucker vorhanden waren, zwei kleine Bleche mit Obstkuchen und ab und zu Waffeln.

Eine Nuß-Sahne-Torte oder ein Frankfurter Kranz ergänzten erst in späteren Jahrendas Kuchenangebot und wurden nur zu Festtagen serviert.

Der Verzehr der ersten Apfelsinen war ein großes Ereignis für meine Geschwister und mich. Diese Südfrüchte hatte unser Vater aus Frankreich während des Krieges geschickt. Die Freude darüber kann man sich heute kaum vorstellen. Beim unbeholfenen Schälen der Apfelsinen tropfte dann der Saft an unseren Händen runter. Das werde ich nie vergessen! Auch nicht den herrlichen Apfelsinenduft.

Von Ria Ahrend

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