Wie es Fahrschülerinnen aus dem Bauna-Tal in der Nachkriegszeit in Kassel erging

Klassenzimmer mit Kino

Abgangsklasse 1952: Zu den Absolventinnen der Kasseler Heinrich-Schütz-Schule gehörte auch unsere Autorin Ria Ahrend, geborene Koch, aus Großenritte. Sie ist die Zweite von links. Fotos: Sammlung Ahrend/nh

Baunatal. Meinen Eltern bin ich sehr dankbar, dass sie es mir ermöglichten, ab Herbst 1947 die Heinrich-Schütz-Schule in Kassel, damals noch ein staatliches Realgymnasium für Mädchen, zu besuchen. Doch zuvor musste ich eine Aufnahmeprüfung ablegen. Das war die erste Prüfung in meinem Leben. Ich sah trotz allem der Sache gelassen entgegen, denn immerhin war ich bereits zwölf Jahre alt, als ich zusammen mit meiner Mutter am Prüfungstag im Schulgebäude erschien.

Es drängte sich an diesem Morgen eine große Menschenmenge in den Gängen der Schule. Namen wurden aufgerufen, und die Prüflinge verschwanden mit den Lehrern in den Klassenräumen.

Nun befanden sich nur noch wenige Personen auf dem Flur. Nach eingehender Nachforschung stellte sich heraus, daß wir uns auf dem Gang der Jacob-Grimm-Schule im Erdgeschoss eingefunden hatten. Die Prüflinge der Heinrich-Schütz-Schule warteten dagegen auf dem Flur des ersten Stockes! Nun kam ich zur Prüfung dort zu spät und musste ganz allein unter der Aufsicht einer streng aussehenden Lehrerin ein Diktat und eine Rechenarbeit über mich ergehen lassen.

Kein Wunder, dass wir uns in den Gängen nicht zurechtfanden. Das Gebäude war zu jener Zeit sehr stark belegt, da durch Kriegseinwirkungen viele Schulbauten in Kassel zerstört waren. Im Erdgeschoß befand sich die Jacob-Grimm-Schule und im ersten Stock meine Schule.

Außerdem waren einige Klassen des Friedrichsgymnasiums und das Lehrerseminar in dem Gebäude untergebracht. Zudem hatte die amerikanische Besatzung die Aula als Kino für ihre Soldaten umfunktioniert. Das „Liberty“ war später auch für die Öffentlichkeit zugänglich.

Nun hatte ich Gelegenheit, gleich nebenan ins Kino zu gehen. Davon machte ich regen Gebrauch, wenn es die Zeit und der Geldbeutel zuließen. Besondere Freude bereitete es uns Schülerinnen, wenn es gelang, auch in Filme zu kommen, die für die Altersgruppe nicht zugelassen waren.

In unserer Schule herrschte permanente Raumnot. In jeder Klasse wurden über 30 Schülerinnen unterrichtet. Wir mussten nicht nur fast zu jeder Stunde den Klassenraum wechseln, sondern auch Nachmittagsunterricht in Kauf nehmen. Das war für uns Fahrschüler, die von außerhalb kamen, nicht so einfach. Oft wurde mit dem Beginn einer Klassenarbeit auf die letzten Schülerinnen gewartet.

Nur für Mädchen

Unsere Schule war ein Realgymnasium nur für Mädchen, man sagte dazu scherzhafterweise „Backfischaquarium“. Eine Koedukation, die Gemeinschaftserziehung von Jungen und Mädchen, war zu meiner Schulzeit auf den Gymnasien noch nicht eingeführt. Lediglich am Kasseler humanistischen Friedrichsgymnasium wurden in Ausnahmefällen auch einige Mädchen unterrichtet.

Körperliche Züchtigung, wie ich sie noch von den ersten Schuljahren her kannte, gab es nicht mehr. Neu war damals die Wahl von Klassensprecherinnen. Dieses Amt durfte auch ich für einige Zeit ausüben.

Von Ria Ahrend

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