Traditionsgasthaus in Helsa – Gebäude vor 1777 als Poststation errichtet

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Ein Bild aus den 1930er-Jahren: So sah der Gasthof „König von Preußen“ aus. Rechts ist die damalige Standard-Tankstelle zu sehen.

Helsa. Wie geht es mit dem Gasthof „König von Preußen“ in Helsa weiter? Diese Frage beschäftigt seit Jahren die Öffentlichkeit. Dass das Haus, das jetzt vom Verein für Denkmalpflege übernommen werden soll, über eine lange Tradition verfügt, wird aus Unterlagen des Geschichtsvereins deutlich.

Ehe das Haus vor mehr als 100 Jahren zum Gasthaus wurde, hatte es eine ganz andere Funktion: Das Gebäude wird erstmals 1777 als Poststation genannt, wo die Postreiter und Postkutschen mit frischen Pferden versorgt wurden.

Dass später ein Gasthaus mit dem Namen „König von Preußen“ entstand, haben die Helsaer dem Pfarrer Carl Ziegler (Vater des Nobelpreisträgers Karl Bernhard Ziegler) zu verdanken. Die direkt an den Kirchturm gebaute Gemeindeschenke war schon zuvor vielen Pastoren ein Dorn im Auge gewesen, weil manch braver Familienvater kurz vor dem Gotteshaus in die Schenke abbog und der weinselige Gesang wiederholt den Kirchengesang übertönte.

Ziegler hatte schon Jahre zuvor immer wieder gegen die Gemeindeschenke gewettert. So schrieb er: „Viele werden durch das Singen auf Straßen und in Wirtshäusern verdorben. Sie führen ein grob viehisches Leben, essen nicht zu Mittag, aber desto bedeutender frühstücken sie.

Baute 1925 den Saal: Schreinermeister Andreas Kramer.

Das Wirtshaus ist für viele die einzige Erholungsstätte, Brandwein und Biergenuß die einzige Freude, auch ist der unsittliche Einfluß der Großstadt Cassel mit in Anschlag zu bringen.“ Dass Helsa um die Jahrhundertwende massenhaft Gäste in seine vier Gasthäuser lockte, lag allerdings auch am Pfarrer Ziegler, der hier einen Verkehrs-Verein gegründet hatte.

1901 schreibt der „Allgemeine Anzeiger“: An den beiden Pfingsttagen war hierselbst ein riesiger Verkehr. Die Bahn konnte die Touristen kaum befördern. Wer am 2. Pfingsttag Gelegenheit hatte, wie der Schreiber dieses Artikels, die kolossale Menge von Fremden am Bahnhof zu beobachten, der glaubt sich in eine Großstadt versetzt“.

Von Gerd Vogelsang

Im Jahre 1901 gelang es Pfarrer Ziegler in Verhandlungen mit der Gemeinde, dass das alte Posthaus als Ersatz für die Gemeindeschenke gekauft wurde. Unter dem Namen „König von Preußen“ wurde das Wirtshaus für 2400 Mark jährlich an den Brauereibesitzer Kropf aus Kassel verpachtet. Erster Pächter war der Schlachter und Gastwirt Röhling. Am 1. Juli 1904 erwarb der Schreinermeister Andreas Kramer die Gaststätte.

Um dem zunehmenden Autoverkehr Rechnung zu tragen, betrieb der neue Besitzer eine Tankstelle der Standard Oil AG. Im „König“, wie das Haus im Helsaer Sprachgebrauch genannt wird, verkehrten damals die „besseren Leut“. Dem Saalbau vorausgegangen war ein Streit zwischen dem Männer-Quartett-Verein, der im Gasthaus „Goldener Adler“ beheimatet war, und dem Vereinswirt. Mit finanzieller Unterstützung durch die Kropf-Bauerei entschloss sich Andreas Kramer 1925 zum Saalbau und gab den Sängern so wieder eine Bleibe. Andere Vereine kamen hinzu, und der „König“ entwickelte sich zur Vereinsgaststätte. Die Räume waren für Massenveranstaltungen bestens geeignet. Weniger rühmlich waren in den 1930er-Jahren die verschiedenen Rednerauftritte von Roland Freisler, der sich als Vorsitzender des Volksgerichtshofes einen berüchtigten Ruf erwarb. Nach Andreas Kramer übernahm sein Sohn Willi am 1. Juli 1939 das Gasthaus.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 hatte man in Helsa einen der wenigen intakten großen Säle in der Region. Mit voll besetzten Personenzügen kam die Menschen damals von Kassel, um hier bei Livemusik zu tanzen. Es herrschte Männermangel, die in der Nähe bei Waldhof stationierten Amerikaner sorgten für den Ausgleich. Bevor 1981 Richard Volmar Gastwirt und letzter Eigentümer wurde, standen sieben verschiedene Wirte hinter der Theke. Nach dem letzten Besitzerwechsel 2010 blieb die Gaststätte nur wenige Wochen geöffnet. Mit großem Engagement und der Gründung eines Vereins für Denkmalpflege will man nun den Traditionsgasthof zusammen mit dem Saal retten. (zvl/nh)

Weitere Infos: www.koenigvonpreußen-helsa.de

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