HNA-Interview: Bürgermeister Dirk Stochla (SPD) über die Zukunft Vellmars und Probleme mit Asbest

„Können nicht alles schultern“

Dirk Stochla. Archivfoto: Herzog

Vellmar. Der aktuelle Haushalt weist ein Defizit von 2,7 Millionen Euro aus, die Kulturhalle Niedervellmar und das Bürgerhaus Obervellmar bleiben wegen Asbestfasern in der Luft geschlossen und müssen aufwendig saniert werden.

Mit der Sanierung des Rathauses und dem Neubau des Parkdecks hat die Stadt weitere Millionenklötze am Bein - egal welches Finanzierungsmodell letztendlich zum Zuge kommt. Über die möglicherweise düstere Zukunft Vellmars sprachen wir mit Bürgermeister Dirk Stochla (SPD).

Herr Stochla, bei all den Baustellen bläst Ihnen der Wind zurzeit ja kräftig ins Gesicht?

Stochla: Mir persönlich bläst der Wind nicht ins Gesicht. Wir haben Probleme in unserer Stadt und müssen dafür tragfähige Lösungen entwickeln. Dies ist uns bei den Projekten Rathaus und Parkdeck gelungen, wird aber jetzt mit dem Bürgerentscheid infrage gestellt.

Die zentralen Vellmarer Gebäude stammen aus den 70er-Jahren. Droht nun auch dem Rathaus - eingeweiht 1978 - ein Asbestfund.

Stochla: Auch im Rathaus wurden Asbest und andere giftige Stoffe verbaut. Das haben Untersuchungen vor zwei Jahren ergeben. Es wurde aber auch festgestellt, dass noch keine Gefahr besteht. Tatsache ist, dass die Stadt Vellmar zahlreiche 30 bis 40 Jahre alte Gebäude mit hohem Investitionsbedarf unterhält. Aber unsere finanzielle Ausstattung lässt es nicht mehr zu, dieses als Kommune aus eigenen Mitteln schultern zu können.

Von welchen Zahlen sprechen wir bei den aktuellen Problemfällen?

Stochla: Die Kostenschätzungen für Rathaus und Parkdeck liegen bei 12,8 Millionen Euro. Die Sanierung des Bürgerhauses Obervellmar ist mit 2,6 Millionen Euro veranschlagt. Aber durch die Asbestbelastung wird sich diese Summe deutlich erhöhen. Für die Kulturhalle Niedervellmar wird der Kostenrahmen zurzeit ermittelt. Aber auch hier erwarten wir eine Größenordnung im Millionenbereich.

Heißt das, bald gehen hier die Lichter aus?

Stochla: Nein. Aber wenn wir die Infrastruktur erhalten wollen, müssen wir bei der Finanzierung neue Wege gehen. Wir haben für Rathaus und Parkdeck mit dem Erbbaurecht/Mietmodell über eine externe Projektgesellschaft einen Partner gefunden, mit dem wir einen wirtschaftlichen Lösungsansatz erarbeitet haben. Müssten wir das alles selbst über Kredite finanzieren, dann muss darüber geredet werden, ob und wie wir auch die Bürgerhäuser überhaupt schultern können.

Es klang so schön. Erst die Straßenbahn, dann die Herrichtung von Rathaus und Parkdeck, schließlich der Hessentag 2013. Geblieben ist bislang nur die Tram. Ist das auch eine persönliche Niederlage für den Bürgermeister?

Stochla: Die Bürger erwarten einen verantwortungsvollen Umgang mit ihren Steuergeldern. Die Finanzsituation in Vellmar machte es unumgänglich, den Hessentag abzusagen - auch wenn das persönlich wehtut. Die Rückmeldungen aus der Bevölkerung sind aber äußerst positiv. Deswegen empfinde ich das nicht als Niederlage, es war die richtige Entscheidung.

Rathaus und Neubau des Parkdecks sind zwei zentrale Eckpunkte des ambitionierten Masterplanes, der Vellmar fit für die nächsten zehn, 20 Jahre machen soll. Sollten sich diese zwei Projekte verzögern, ist dann auch der Masterplan gescheitert?

Stochla: Nein. Der Masterplan soll zunächst als Ideensammlung dienen, um rechtzeitig über die Situation im Stadtzentrum diskutieren zu können. Darin sind keine fertigen Projekte aufgelistet, das ist ein Anstoß für eine Zukunftsdiskussion, nicht mehr. Der ganze Masterplan ist in der öffentlichen Wahrnehmung zu hoch gehängt worden.

Trotzdem: Haben Sie die Vellmarer mit Ihren Visionen vielleicht überfordert und damit den Bürgerentscheid erst provoziert? Immerhin geht es im Masterplan auch um Dinge wie den kompletten Abriss der Einkaufspassage und den Neubau über einen Privatinvestor.

Stochla: Es ist immer schwierig, wenn große Projekte diskutiert werden, wenn sich die gewohnte Welt verändern soll, wenn die Menschen angesichts der weltweiten Finanzkrise auch Ängste vor Veränderungen im privaten Bereich haben. Eine Überforderung wäre dieser Gesamtsituation geschuldet. Aber: Auch in schwierigen Zeiten muss man sich rechtzeitig mit der Zukunft beschäftigen. Auch in Vellmar. Dazu braucht es Verantwortung und Mut, das ist meine Aufgabe, und der werde ich gerecht.

Von Stefan Wewetzer

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