Ehemalige Volksschüler aus Großenritte: Kaum Freizeit, strenge Lehrer und Bomben

Kräuter-Pirsch für Soldaten

Schwelgten in Erinnerungen: Die ehemaligen Volksschüler (vorn von links) Martha Sieringhaus, Martha Bloch, Anni Bechtel, Fritz Ullrich, Änne Szeltner und dahinter Erna Icke, Heinrich Hellmuth, Heinrich Carle, Liesel Urmoneit, Annchen Müller, Margarete Müller, Martha Zeiske und Änne Gück. Foto: Dilling

Baunatal. Erkundungen in der freien Natur stehen an Schulen heute im Zeichen eines gestiegenen Umweltbewusstseins hoch im Kurs. Für die Großenritter Volksschüler, die 1947 nach acht Jahren von ihrer Schule abgingen, ist das nichts Neues. Sie kennen solche Ausflüge in den Wald aus ihrer eigenen Schulzeit, allerdings unter anderem Vorzeichen: „Wir sind im Zweiten Weltkrieg mit Säcken in die Langenberge gewandert, um Heilkräuter zu sammeln. Daraus wurden Tees für die Wehrmachtssoldaten an der Front hergestellt“, erinnert sich Fritz Ullrich.

Der 79-Jährige hat am Wochenende ein Treffen mit ehemaligen Klassenkameraden im Gasthaus Zur Linde organisiert. Von den ehemals 57 Schülern kamen immerhin noch 13. Viele sind bereits gestorben, einige waren zu krank, um zu kommen.

Die übrigen riefen die Zeit an eine Schulzeit wach, in der die Schüler kaum Freizeit hatten, in der die Lehrer ein strenges Regiment führten und der Unterricht ein ums andere Mal durch Fliegeralarm unterbrochen wurde.

Heinrich Hellmuth, der später der Liebe wegen nach Kaufungen zog und heute noch als 79-Jähriger nahe des mittelhessischen Alsfeld Schweine züchtet und Ackerbau treibt, erinnert sich daran, dass die Schüler auf dem Schulhof militärisch antreten und marschieren mussten. Ullrich erzählt von der Kletterstange auf dem Schulhof, an der sie hochhangeln mussten. „Wer nicht hochkam, galt als Schlaffsack und musste mit schlechteren Noten rechnen“, sagt der gelernte Friseur.

Der schulische Drill kam nicht von ungefähr. Der damalige Rektor Örting sei gleichzeitig Ortsgruppenleiter der Nationalsozialisten des Hitler-Regimes gewesen, berichtet Ullrich. Der habe befohlen, auch bei Fliegerangriffen die Schule nicht zu verlassen, sondern im Keller Schutz zu suchen. Wer dennoch geflüchtet sei, dem habe Örting mit einem langen Stock Hiebe versetzt.

Ein Lehrer habe den Nazi-Drill nicht mitgemacht. „Das war August Bohley, unser Naturmann“, erzählt Ullrich. Für dessen Seidenraupenzucht habe die Klasse im Wald Lindenblüten gesammelt“, sagt Heinrich Hellmuth. Ihren Klassenlehrer Muth, der aus Lothringen (heute Frankreich) nach Großenritte versetzt worden war, haben sie auch noch in guter Erinnerung.

Trotz der schweren Kriegs- und Nachkriegszeit habe die Klasse gut zusammengehalten, berichten die ehemaligen Schüler. In der kurz bemessenen Freizeit hätten die Mädchen Völkerball und die Jungen Fußball auf der Straße gespielt, erzählt Anni Bechtel.

Zu essen habe es während und nach dem Krieg auch genug gegeben, weil die Großenritter zum größten Teil Selbstversorger gewesen seien. Dafür mussten die Schüler auf dem Bauernhof mit anpacken, weil viele Väter im Krieg waren. Anni Bechtel, heute 78, arbeitete nach der Schule für 16 Reichsmark monatlich bei einem Bauern, machte später eine Gärtnerlehre in Kassel und heiratete dann einen Bauunternehmer, dem sie auch das Büro führte.

Von Peter Dilling

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