Menschen mit wenig Geld und Alleinerziehende haben schlechtere Gesundheit – Frauen häufig betroffen

Krank durch sozialen Abstieg

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Nichts geht mehr: Die Zahl der psychischen Erkrankungen steigt an. Überproportional betroffen sind Menschen, die nur sehr wenig Geld für den Lebensunterhalt haben.

Kreis Kassel. Arme Menschen sind öfter krank und sterben deutlich früher als Menschen ohne finanzielle Sorgen. „Die Lebenserwartung ist zehn Jahre geringer“, sagt Markus Heckenhahn von der Abteilung Gesundheitsförderung im Gesundheitsamt Region Kassel. Das belege auch eine aktuelle Studie des Robert-Koch-Instituts.

1870 Menschen im Landkreis Kassel wurden im Jahr 2012 von einem der sieben Ärzte des Gesundheitsamts begutachtet, um festzustellen, ob sie noch arbeitsfähig sind. Der Hintergrund: Wer Hartz IV bezieht, muss für mindestens drei Stunden pro Tag arbeitsfähig sein. Wer dieses Limit wegen gesundheitlicher Einschränkungen nicht erreicht, erhält Grundsicherung (früher Sozialhilfe): 382 Euro für Alleinstehende zuzüglich Miete und Heizkosten. Fördermaßnahmen finden in der Grundsicherung nicht mehr statt – dies ist das Ende einer Spirale, die vielen Hartz-IV-Empfängern droht.

Unser Beispiel skizziert den Lebensweg einer Frau aus dem Landkreis Kassel, die nach Krankheit und Tod ihres Ehemannes und durch eigene Erkrankungen finanziell und sozial immer weiter absteigt, bis sie – mit jetzt 53 Jahren und schweren psychischen und körperlichen Symptomen – in der Grundsicherung angekommen ist. Hier das Ruder herumzureißen, ist kaum noch möglich. Und die Dunkelziffer ist hoch; niemand weiß, wie viele Menschen in ähnlichen Situationen leben. Denn Menschen aus schwierigen sozialen Verhältnissen gehen seltener zum Arzt.

„Die Fürsorge für sich selbst ist reduziert“, sagt Ingrid Strotmann, Fachärztin für öffentliches Gesundheitswesen im Gesundheitsamt. Der Landkreis versucht daher, schon früher anzusetzen – solange die Betroffenen noch Hartz IV beziehen und durch Schulungen oder aufsuchende Maßnahmen unterstützt werden können.

„Auch Alleinerziehende haben im Durchschnitt eine schlechtere Gesundheit“, meint Markus Heckenhahn. Im Jahr 2011 waren im Kreis 1376 alleinerziehende, erwerbsfähige Personen mit Hilfebedarf gemeldet, fast alle waren Frauen. 300 von ihnen gingen einer geringfügigen Beschäftigung nach. „Dieser Personenkreis ist gesundheitlich in hohem Maß gefährdet“, ist im Armutsbericht des Landkreises zu lesen. Im Vergleich mit Müttern in vollständigen Familien leiden sie – statistisch gesehen – dreimal so oft unter Nierenkoliken (15,7 Prozent), Hepatitis (10,2 Prozent) oder psychischen Erkrankungen (24,7 Prozent).

Auch Kinder aus Familien mit schmalem Geldbeutel sind gesundheitlich stärker gefährdet. Sie sind häufiger übergewichtig oder fettleibig, leiden öfter unter Essstörungen, bewegen sich weniger, rauchen mehr und haben deutlich schlechtere Zähne.

Um die Risiken der Betroffenen zu verringern, müsse gemeinsam von Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Verbänden und freien Trägern eine kommunale Gesundheitsstrategie erarbeitet werden, heißt es im Sozialatlas. Die dort gesammelten Zahlen und Daten sollen als Grundlage dafür dienen.

Hintergrund: Mit 53 Jahren am Ende - Protokoll eines langen Abstiegs

Lisa Kranz (Name von der Redaktion geändert) wird 1960 als jüngstes Kind einer Handwerkerfamilie im Landkreis geboren. Drei ihrer fünf Geschwister sterben im Kindesalter. Sie ist musisch begabt und lernt Klavierspielen.

1976: Nach Realschulabschluss Lehre als Kauffrau

1977:  Heirat eines Taxifahrers; Bezug einer gemeinsamen Mietwohnung auf einem Dorf im Landkreis

1978 / 1982: Geburt eines Sohns und einer Tochter; von nun an Mutter und Hausfrau

2006: Ehemann ist nach Herzinfarkt berufsunfähig; sehr kleine Rente; Lisa Kranz geht wieder arbeiten: halbtags als Reinigungskraft

2007: Massiver Geldmangel; das Auto muss verkauft werden; Lisa Kranz pflegt ihren Ehemann; Arbeit als Reinigungskraft wird zu schwer; starke Schmerzen im Rücken; Amtsarzt stellt leichte Depression fest

2008: Das Klavier muss verkauft werden; kein Urlaub mehr möglich

2011: ständige Geldsorgen; Schlafstörungen, starke Schmerzen in Sehnen, Muskeln und Gelenken

2012:  Der Ehemann stirbt. Amtsarzt stellt bei Lisa Kranz Bluthochdruck, Diabetes und mittelschwere Depression fest; sie muss ihre Wohnung kündigen – nach 35 Jahren auf dem Dorf zieht sie in kleine Sozialwohnung in sozialem Brennpunkt in Kassel um

2013: starke Vereinsamung; liegt den ganzen Tag auf der Couch; keine Kontakte zu Nachbarn, keine Freundinnen, keine Hobbys, geht nicht mehr raus; schwere Depression; sie bricht Kontakt zu ihren Kindern ab; Amtsarzt bescheinigt ihr Erwerbsunfähigkeit; Geldmangel; stark lärmempfindlich; nach Randale durch jugendliche Nachbarn im Hochhaus kommt sie mit einer Herzattacke ins Krankenhaus. Wenn sie wieder nach Hause kommt, hat sie niemand mehr, der sich um sie kümmert. (hog)

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