Nachfrage binnen eines Jahres verzwölffacht

Anschläge und Übergriffe: Mehr Menschen haben einen Kleinen Waffenschein

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Stark nachgefragt: Der Kleine Waffenschein, hier zwischen einer Schreckschuss-Pistole „Walther P22“, einem Magazin und einer Knallpatrone. Der Schein erlaubt es, Schreckschuss-, Reizstoff- und Signalwaffen in der Öffentlichkeit zu tragen. 

Kreis Kassel. Anschläge, Übergriffe, Angst: Weil sie sich offenbar nicht mehr sicher fühlen, besorgen sich immer mehr Menschen im Landkreis Kassel einen Kleinen Waffenschein.

Allein in den vergangenen zwölf Monaten hat sich die Anzahl der ausgestellten Scheine, die das Führen von Schreckschusspistolen und Pfeffersprays erlauben, mehr als verzwölffacht. Hatte die Landkreisverwaltung vor einem Jahr noch 56 Erlaubniskarten ausgestellt, waren es bis gestern schon 683. Insgesamt sind im Kreis jetzt somit 1569 Waffenscheine im Umlauf. Umgerechnet bedeutet das: Auf 1000 Einwohner kommen im Kreis mittlerweile fast sieben Kleine Waffenscheine. „Aktuell gehen zwischen 40 bis 50 Anträge bei uns pro Monat ein“, berichtet Landkreissprecher Harald Kühlborn. Für das kommende Jahr rechnet die Kreis-Waffenbehörde mit ähnlich konstanten Zahlen.

Den größten Nachfrage-Anstieg in diesem Jahr gab es laut Kühlborn in Baunatal mit 79 Anträgen, gefolgt von Lohfelden (51), Vellmar mit 50 Anträgen undFuldatalmit 49 Anträgen.

Ein Trend hin zum Waffenschein ist aber kein nordhessisches Phänomen, sondern seit dem vergangenen Januar bundesweit zu beobachten. Hauptauslöser waren laut Angstforscher Prof. Borwin Bandelow (64) von der Uni Göttingen die Übergriffe in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof: „Die Ereignisse in Köln haben bei der Bevölkerung den Eindruck hinterlassen, dass uns die Polizei nicht mehr schützen kann – obwohl die Zahl der Straftaten insgesamt nicht merklich gestiegen ist“. Zum Jahreswechsel hatten vor allem junge Männer aus dem arabischen und nordafrikanischen Raum junge Frauen sexuell belästigt und angegriffen.

Borwin Bandelow

Bandelow warnt jedoch Laien vor dem Gebrauch von Waffen. „Wenn es tatsächlich zu einem Übergriff kommt, könnte einem die Waffe entwendet werden – der Angreifer ist meist schneller und kampferprobt“. Hinzu kommt: Die Polizei könnte Schreckschusswaffen, die auf den ersten Blick absichtlich wie eine scharfe Waffe aussieht, für eine echte halten und entsprechend reagieren.

Deutschlandweit waren Ende Oktober laut Bundesinnenministerium rund 450 000 Kleine Waffenscheine registriert. Im Vorjahr waren es noch 275 000. Das entspricht einem Anstieg um fast 64 Prozent. In Hessen hat sich die Zahl der Waffenschein-Anträge binnen eines Jahres sogar verdreizehnfacht.


Hintergrund: Waffenschein kostet 50 Euro 

Wer Pfeffersprays, Schreckschusspistolen und Waffen mit Leuchtmunition bei sich tragen will, braucht einen Kleinen Waffenschein. Pfefferspray, das klar zur Tierabwehr gekennzeichnet ist, fällt nicht darunter. Beantragt werden kann der Schein im Kreis Kassel bei der Landkreisverwaltung. Voraussetzung sind ein Mindestalter von 18 Jahren und die nötige „persönliche Eignung“. Auf der Liste der Ausschlusskriterien stehen: Vorstrafen, die Mitgliedschaft in einem verbotenen Verein sowie Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit. Die Gebühr für den Schein beträgt 50 Euro. Alle drei Jahre erfolgt eine Zuverlässigkeitsprüfung, die 33 Euro kostet. Der Waffenschein wurde mit dem neuen Waffengesetz 2002 nach einer Reihe von Amokläufen in deutschen Schulen eingeführt. 

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