Polizei empfiehlt weiter den Notruf 110

Neue App soll im Notfall schneller als die Rettungskräfte sein

(Um das Bild komplett zu sehen, bitte auf die Pfeile oben rechts im Bild klicken): Blick auf die App: Unter anderem werden andere Nutzer in der Umgebung sichtbar. Screenshot: CrowdProtect/nh

Lohfelden. Wer sich in einer Notfallsituation befindet, möchte möglichst schnell Hilfe haben – zum Beispiel nach einem Unfall. Die kostenlose App „CrowdProtect“ verspricht schnelle Hilfe, unabhängig vom Aufenthaltsort der Person.

Doch wie funktioniert das Handyprogramm und was bringt es? Wir haben mit Tobias Heidenreich aus Lohfelden gesprochen, der für CrowdProtect Notrufe entgegennimmt.

Warum braucht man eine solche App? Haben Sie kein Vertrauen mehr in die Polizei und die Rettungsdienste?

Tobias Heidenreich: Doch schon, aber wir sind einfach schneller – im Schnitt zehn Minuten. Der Ersthelfer kann die Unfallstelle absichern, einen Defibrillator holen und den Rettungskräften weitere Informationen geben, oder auch Gaffer fernhalten.

Aber ist eine solche Ersthilfe kein Standard?

Heidenreich: Zivilcourage ist heute nicht mehr selbstverständlich. Auch im Rettungsdienst erleben wir es oft, dass wir angerufen werden und auf einen Verletzten hingewiesen wird. Wir fahren dann dorthin, wissen nicht, was passiert ist und haben keinen Ansprechpartner vor Ort. Mit der App ist das allerdings anders.

Inwiefern anders?

Heidenreich: Jeder Notruf läuft bei CrowdProtect auf. Ein Notrufoperator nimmt das entgegen und bekommt alles übermittelt: Standort, Personendaten, medizinische Daten (zum Beispiel Allergien), Alter und Telefonnummer. Man kann als Nutzer selbst entscheiden, was man angibt. Es gibt einen 15 Sekunden langen Mitschnitt, wie eine Sprachnachricht bei Nachrichtendiensten, der bei einem Notruf mitgeschickt wird. Dann sind wir in der Situation drin und können besser einschätzen, ob es ein echter Alarm ist. Andere App-Nutzer werden zeitgleich alarmiert. Der nächste Helfer im Umkreis von zehn Kilometern wird mit seinem Handy alarmiert und ist in diesem Notfallchat mit eingeschaltet. So sind wir wesentlich schneller als die Rettungskräfte vor Ort. In Kassel haben wir gerade acht Nutzer. Je größer die Community, desto schneller kann Hilfe geleistet werden.

Werden die Rettungskräfte auch direkt benachrichtigt?

Heidenreich: Nutzer werden dazu gerufen und wir werden alarmiert.

Die App alarmiert also nicht automatisch Rettungskräfte und Polizei?

Heidenreich: Nein, das ließe sich technisch auch nicht umsetzen. Die App ist für jeden gedacht, auch für Menschen, die sich einfach unsicher fühlen. Wenn jede Meldung an die Notrufzentrale weitergeleitet wird, würden uns die Kollegen aufs Dach steigen.

Müssen Ersthelfer eine spezielle Ausbildung haben, oder sind das normale Passanten?

Heidenreich: Die App nutzt jeder und jeder kann helfen.

Sind mit Notsituationen nicht einige Leute überfordert?

Heidenreich: Es muss ja nicht gleich vom Schlimmsten ausgegangen werden. In einer schlimmen Situation wäre ich auch dabei, könnte als Sanitäter übers Telefon Anweisungen geben. Aber die App ist ja nicht nur für gravierende Notfälle.

Stichwort Missbrauch: Eigentlich kann ein Gauner einen Notfall vortäuschen und den Helfer ausrauben, oder?

Heidenreich: Das kann man natürlich nicht ausschließen. Leute die zwei Fehlalarme bei uns auslösen, werden sofort gesperrt.

Zwei Fehlalarme. Da ist es für den Passanten aber möglicherweise schon zu spät...

Heidenreich: Einen Missbrauch kann man nicht ausschließen. Aktuell registriert man sich als Nutzer noch mit Facebookdaten. Wir wollen die Registrierung aber so umstellen, dass man die Daten vom Personalausweis angeben muss.

Das soll die App können: 

• 24 Stunden, sieben Tage die Woche werden Notrufe angenommen.

• Verschiedene Anwendungsgebiete: Bei Blinddates, bei Festivals, auf Heimwegen und beim Joggen kann man sich begleiten lassen. Mit einer speziellen Funktion kann der Nutzer für eine bestimmte Zeit seinen Standort peilen lassen.

• Flick-Button: Das ist ein Knopf, der an der Kleidung befestigt wird – damit lässt sich über die App ein Notruf absetzen.

• Drei verschiedene Gruppen, an die der Alarm hinausgeht: die Zentrale, Helfer in der Nähe und Freunde und Familie.

• Testalarm: Für neue Nutzer wird wie im echten Notfall ein Alarm simuliert. Der Notrufoperator beantwortet dann im Chat die Fragen eines Kunden. (mgo)

Das sagt das LKA

"Die App ist nicht zu empfehlen"

„Die App ist aus polizeilicher Sicht in dieser Form nicht zu unterstützen“, sagt Christoph Schulte, Pressesprecher des Landeskriminalamts Hessen. Natürlich sei es richtig und wichtig, nach einem Fest oder einer Party den Heimweg in Kleingruppen anzutreten. Vor allem dann, wenn der Heimweg über schlecht beleuchtete Wege führt. Schulte mahnt aber auch vor Leichtfertigkeit:

„Fraglich ist, ob man sich durch die Nutzung dieser App nicht leichtsinnig verführen lässt, doch die Abkürzung zu nehmen, die nicht geplant war.“ Schulte unterstreicht, dass die App Rettungs- und Polizeikräfte nicht ersetzt: „Der direkte Anruf unter der 110 ist der richtige Weg, damit die Strafverfolgungsbehörden ihrem gesetzlichen Auftrag nachkommen können.“ So sei auch gewährleistet, einen kompetenten Ansprechpartner am Telefon zu haben, der entsprechende Hilfe in die Wege leiten kann. 

Erfahrungen mit der App lägen dem LKA nicht vor, dennoch fragen sich die Beamten: Wie reagieren die Helfer? Wissen sie, worauf sie sich konkret einlassen? Es besteht immer die Gefahr, dass durch den späteren Kontakt zur Polizei eine schnellstmögliche Hilfe nicht gewährleistet werden kann. Was ist, wenn der oder die Täter, die für einen Notfall sorgen, bewaffnet sind? Hierbei können App-Nutzer trotz guten Absichten selbst Opfer werden. (mgo)

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